Mit dem Grand Prix der Académie française und dem Prix Goncourt hat er jetzt die beiden höchsten Literaturpreise Frankreichs erhalten. Doch zur Verleihung wird er nicht kommen. Denn Jonathan Littell, Autor des Weltkriegsromans Les bienveillantes (Die Wohlmeinenden), scheut den Literaturbetrieb. Der bislang unbekannte junge Amerikaner, der auf Französisch schreibt, zeigt eine Zurückhaltung, fast Scham, die im Widerspruch zum monströsen Stoff seines Riesenepos steht. Auf 900 Seiten breitet er die fiktiven Memoiren eines deutschen SS-Offiziers an der Ostfront aus. Dabei durchbricht er nicht nur sämtliche Zumutbarkeitsgrenzen der Gewaltdarstellung, sondern verstößt auch gegen das Tabu, die NS-Verbrechen aus der Täterperspektive zu erzählen.

Pogrome, Massenexekutionen und die Gedankenwelt der Schlächter hat Littell penibel recherchiert und beschrieben. Wegen der Geilheit und Grellheit der Gewaltexzesse hat man ihn als Voyeur und Pornografen beschimpft. Doch weder Littell noch die mittlerweile fast 300000 französischen Käufer seines Buches sind potenzielle Perverse, die sich ihren De-Sade-Schauer an ukrainischen Massengräbern holen. Ihr Interesse markiert vielmehr einen Generationswechsel im historischen Bewusstsein. Denn auch in Frankreich sterben die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges aus, und die Jüngeren, die keine biografische Verbindung zur Vergangenheit mehr haben, suchen ihren eigenen Zugang zur Katastrophe. Gerade ihr Mangel an Zeitzeugenschaft schürt den Hunger nach erzählter Nähe und Direktheit. Littell steigert dieses Verlangen bis ins Unerträgliche, indem er anstelle der Opferschicksale die Wurzeln des Schreckens selbst aufzeigt: die Weltsicht, Motive und Rechtfertigungen der Mörder.

Wer dem Autor Pietätlosigkeit vorwirft oder meint, er sei durch Horrorfilme und die Schreckenswelten amerikanischer Holocaust-Museen geprägt, verkennt die eigentliche Provokation. Denn was das Publikum in Wahrheit fasziniert und schockiert, ist die Einbettung des nationalsozialistischen Völkermordes in eine Epoche, in der halb Europa dem antisemitischen Blutrausch verfallen war. Littell betreibt eine gnadenlose Relativierung der Naziverbrechen, indem er sie in einen Kontext von Gruppenegoismen, Überlegenheitsfantasien und Vernichtungswünschen stellt, die sich bis zu heutigen Massakern von Ruanda bis Tschetschenien fortschreiben ließen. Littell zerstört die moralische Selbsterbauung der nachgeborenen Friedensgenerationen, die sich bislang über jeden Zivilisationsbruch erhaben fühlten, indem er ihnen die Frage stellt, was sie in schrecklicheren Zeiten wohl getan hätten.

Für historische Stoffe gab es in Frankreich schon immer die dankbarsten Leser. Dass die Franzosen jetzt Littells Ausnahmeroman derart leidenschaftlich aufnehmen und zu internationalem Erfolg führen, beweist, dass dies selbst für das schwierigste aller Themen gilt.