Der Albtraum aller Verlage sieht unspektakulär aus. Ein klobiger schwarzer Kasten, an einer Seite offen, darin ein mechanischer Arm, der Buchseiten umblättert. Das schwarze Ungetüm ist der schnellste automatische Buchscanner der Welt. Er heißt Kirtas BookScan Gold und schafft es, den Text von 300 Seiten in acht Minuten in Nullen und Einsen zu verwandeln. Zum Schreckgespenst der Buchverleger könnte das Gerät werden, weil es hilft, Gedrucktes in großem Stil frei zugänglich zu machen; ähnlich wie Musik oder Filme. Auch Raubkopierer hätten leichtes Spiel, wenn die Texte erst im Internet stehen und es nicht gelingt, sie gegen illegalen Zugriff abzuschotten. Drei große Initiativen zur Digitalisierung von Büchern gibt es bereits: In dieser Geschichte wirken die Guten, die Bösen und die Getriebenen mit. BILD

Zu den Guten gehört Microsoft. Seit dem vergangenen Jahr ist das Unternehmen Teil der so genannten Open Content Alliance (OCA). Die Initiative, in der auch Yahoo, Adobe, viele Universitäten und gemeinnützige Organisationen mitarbeiten, will eine digitale, frei zugängliche Bibliothek im Internet schaffen. Ganze Bücher sollen darin gelesen und nach Stichworten durchsucht werden können. Ein Traum für Forscher und Leser, aber auch für viele Bibliotheken, die auf diese Weise kostenlos ihre Bestände digitalisieren können. Selbst die Verlage sind in diesem Fall glücklich, denn die OAC stellt nur solche Bücher in ihre Sammlung, deren Urheberrecht bereits abgelaufen ist, oder aber bittet die Autoren und Verlage brav um Erlaubnis.

Der böse Gegenspieler Google ist da weniger zimperlich. Für sein umstrittenes Projekt »Google Book Search« will das Unternehmen bis zum Jahr 2015 etwa 15 Millionen Bücher digitalisieren. Im Netz können sie nach Stichwörtern durchsucht und ganz oder in Auszügen gelesen werden. Dafür arbeitet Google zwar auch mit Verlagen zusammen. Um das hoch gesteckte Ziel zu erreichen, scannt der Suchmaschinen-Betreiber aber zugleich die Sammlung von großen Bibliotheken, unter ihnen die Library of Congress und die Universitätsbibliotheken von Oxford, Harvard und Stanford. In deren Regalen stehen bekanntlich nicht nur gemeinfreie Werke, sondern auch solche, deren Rechte bei Verlagen oder Autoren liegen.

Googles Politik: erst digitalisieren, dann weitersehen. Wer mit der auszugsweisen Veröffentlichung seiner Werke nicht einverstanden ist, kann sich melden und die Titel nachträglich entfernen lassen. »Opt-Out« wird diese Regelung genannt. Das Unternehmen beruft sich dabei auf den so genannten fair use, eine Ausnahmeregelung im US-Recht, die die »angemessene Nutzung« von geschützten Werken zulässt. »Wir zeigen nie mehr als kurze Ausschnitte aus diesen Büchern und auch diese nur mit Zustimmung der Verlage. Das Urheberrecht bleibt gewahrt«, verteidigt Jens Redmer, Leiter der Buchsuche in Europa, die Praxis.

Viele Autoren und Verlage finden das trotzdem unverschämt, in den USA haben bereits die Autorenvereinigung Authors Guild und fünf Verlage gegen Google geklagt. Die Verlage sind vor allem darüber sauer, dass Google und nicht sie entscheiden, wie lang die Ausschnitte sind, die bei der Suche nach ihren Titeln angezeigt werden.

Aus Angst, das gleiche Schicksal wie die gebeutelte Musikindustrie zu erfahren, mochten viele deutsche Verlage bisher nicht einmal Auszüge ihrer Bücher ins Internet stellen. Mittlerweile hat der rohe Umgang von Google jedoch dazu geführt, dass man auch hierzulande die Flucht nach vorn für die beste Strategie hält. »Volltextsuche Online« (VTO) ist der etwas sperrige Name einer neuen Plattform, die der Börsenverein des deutschen Buchhandels gerade auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt hat. Im Prinzip bietet sie das Gleiche wie die Google-Buchsuche oder auch der Online-Buchhändler Amazon mit seiner Funktion »Search Inside«. Kunden können in den digitalen Büchern nach Begriffen suchen und dann Auszüge zu Hause auf dem Computer lesen. Aber bei der VTO können die Verlage selbst bestimmen, wie viel sie zeigen wollen – ob ein paar Sätze oder alle Seiten. »Bei einem Roman wie Harry Potter machen fünf Seiten keinen Unterschied, bei einem Kochbuch aber schon«, erklärt Kurt Hammes, der für den Aufbau der VTO zuständig ist. »Google behandelt jedes Buch gleich. Bei uns haben die Verlage mehr Kontrolle.«

Über 40 große deutschsprachige Verlage haben schon zugestimmt, unter ihnen Fischer, Rowohlt, Cornelsen und Diogenes. Im Februar 2007 sollen die ersten 10.000 Titel im Netz stehen. Aber nicht gegen, sondern mit Google zusammen wolle man arbeiten, versichert Hammes. Google dürfe gerne auch in den VTO-Datenbanken nach Büchern suchen – solange das Rechtekonzept der Verlage respektiert werde.