DIE ZEIT : Oft wird beklagt, dass die Studenten sich heute nicht mehr gesellschaftlich engagieren. Woran liegt das? Heutige Studenten: Engagement zwischen Hörsaal und Bibliothek BILD

Dieter Rucht : Das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die Ende der sechziger Jahre dabei waren, ihre Jugend verklären. Der Protest der 68er war zwar heftig und spektakulär. Aber in der Summe haben sich damals vermutlich weniger Studenten beteiligt als bei späteren Protesten.

DIE ZEIT : Heute protestieren mehr als damals?

Rucht : Es gab mehrere Wellen von Studentenprotesten, die allerdings nicht für solche Aufregung sorgten wie 1967/68. Damals hatte man den Eindruck, die ganze Republik steht Kopf und es wird eine Revolution ausbrechen, zumindest glaubten das einige Studenten. In den letzten 20 Jahren haben sich Proteste phasenweise wieder gehäuft. Aber sie sind sehr viel moderater im Ton und beschränkter in den Forderungen.

DIE ZEIT : Worum geht es heute?

Rucht : Es gab in den letzten Jahrzehnten drei größere Wellen von Protesten: 1988/89 ging es um bessere Studienbedingungen. Beim so genannten »Lucky Strike« 1997/98 waren überfüllte Hörsäle der Auslöser. An über hundert Universitäten wurden Lehrveranstaltungen boykottiert. Am 4. Dezember 1997 protestierten weit über 100000 Studierende. Und die dritte Welle war 2003/04; da ging es erneut um die Schließung von Instituten, die Verschlechterung der Studienbedingungen und zudem gegen die Einführung von Studiengebühren. Popup-Grafik : Aktionsfelder, in den sich Studenten engagieren BILD

DIE ZEIT : Aber im Unterschied zu 68 werden die Proteste kaum noch wahrgenommen.