»Die CDU steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte«, vermutet einer aus der Führungsriege der Partei. Der Schock der Bundestagswahl wirkt bis heute nach, die CDU muss mit dem politischen Gegner regieren. Ihr liberaler Flügel leidet am sozialdemokratischen Kompromisszwang, während die anderen sich am liebsten links von der SPD postieren würden. Die Krise schwelt, und sie ist tief.

Die tiefste Krise ihrer Geschichte ist es trotzdem nicht. Zu klar ist der Absturz der Partei nach dem Ende der Ära Kohl in Erinnerung, die Enthüllung der dunklen Seite der Macht, vor allem aber die Entdeckung, wie weit sich die CDU aus der Gesellschaft zurückgezogen hatte. In den letzten Jahren des Patriarchen hatte sie nicht nur die Macht verspielt, sondern auch die Orientierung, ihr Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen und veränderte Stimmungslagen. Die Brücken in die Gesellschaft waren abgebrochen – so lautete im Herbst 1998 auch die Eröffnungsbilanz der neuen Generalsekretärin Angela Merkel. »Mitten im Leben« lautete ihr erster Slogan für die CDU. Es war keine Positionsbeschreibung, eher eine Richtungsanzeige.

Nicht, dass die Union heute wieder regiert und Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, markiert den Unterschied zur damaligen Krise. Entscheidender ist, dass die Partei zwischen 1998 und 2005 einen dreifachen Modernisierungskurs einschlug, mit dem sie wieder Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung fand. Sie liberalisierte ihre Familien-, ihre Ausländer-, ihre Sozial- und Wirtschaftspolitik. Natürlich ging das nicht geradlinig, ohne Rückschläge und Gegenattacken vonstatten. In der Ausländerpolitik beispielsweise, schien des Öfteren der Durchbruch erreicht – bis die Partei wieder in alte Ignoranz zurückfiel. Jeder Schritt ins Neue musste mit der Ankündigung von Patriotismus-, Leitkultur- und sonstigen Debatten abgefedert werden, weil niemand aus der Führung so genau wusste, wie viel Reform die Partei zu schlucken bereit war.

Merkel trieb den Prozess voran und nahm doch immer auch machtpolitische Rücksicht. Gemessen daran, ist das Ergebnis ziemlich spektakulär: Auf dem Feld der Familienpolitik, der Ausländer- und Integrationspolitik ist die Partei heute ebenso wenig wiederzuerkennen wie bei ihren aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Reformvorstellungen.

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Doch auf dem Weg aus der Misere nach Kohl hat die CDU den Keim für ihre aktuelle Krise gelegt. Es ist der Traditionsbruch, der schwierige Brückenschlag in parteifremde Milieus, die schroffe Abkehr vom Spät-Kohlschen Sozialstaatskonsens, die der CDU heute zu schaffen machen. Die klassische Klientel der CDU steckt in einer Überforderungskrise, während die Führung schon ahnt, dass auch das bislang Erreichte nur ein Anfang ist. Die Kluft, die sich zwischen den Sicherheitserwartungen der traditionellen Anhängerschaft und den Vorstellungen der liberalen Führungselite auftut – darin liegt die neue Orientierungskrise der CDU. Die Erneuerung nach 1998 mag alternativlos gewesen sein. Jedoch hat sie zugleich die Frage auf die Tagesordnung gesetzt, welche Haltegriffe, Sicherheiten, Ruhe- und Orientierungspunkte die Union ihren Anhängern künftig noch bieten kann.

Sind ihre führenden Politiker in der Lage, etwas auszustrahlen, was das Sicherheitsbedürfnis ein wenig befriedigt? Angela Merkel hat die CDU auf Modernisierungskurs gebracht, aber ihre kühle Pädagogik im Dienst der liberalen Erneuerung hat die Partei auch emotional nicht eingenommen. Nur eine Politikerin, die nicht ihr Leben in der Kohlschen CDU zugebracht hat, konnte die nötige Coolness für ein solches Erneuerungsmanöver aufbringen. Aber bei der zähen Anverwandlung der Partei an die neue Linie konnte gerade die kühle Liberale nicht wirklich helfen. Ausgerechnet in dem Wahlkampf, in dem der neue Kurs erprobt wurde, schien die Distanz zwischen der Basis und der Vorsitzenden am größten.