Bristol, Pennsylvania

Das macht Bill Clinton so schnell keiner nach. Zwei Sätze braucht er, um zur Sache zu kommen und das Wesentliche doch als Nebensächlichkeit erscheinen zu lassen. »Ich bin gekommen, um für diesen jungen Mann hier Wahlkampf zu machen«, ruft er und legt väterlich seine Hand auf die Schulter des Kongresskandidaten neben ihm. Beide blicken von einer Bühne hinab auf die Menschenmenge in der Hauptstraße von Bristol. Jubel brandet auf. »Eigentlich ist heute mein 31. Hochzeitstag«, gesteht Clinton. »Hillary hat mir trotzdem erlaubt zu kommen.« Aha, Hillary sagt an, Bill folgt – oder er will jedenfalls glauben machen, er erhalte Marschbefehle von seiner Frau. Ehepaar Clinton in New York am 7 November 2006. BILD

Alles scheint wie damals, 1992, als Bill Clinton die Herzen eroberte und Präsident wurde. Wie damals dröhnt aus den Lautsprechern der Gassenhauer von Fleetwood Mac: Don’t Stop Thinking About Tomorrow. Und die Zuschauer denken sichtbar ans Morgen und halten Plakate hoch: »Hillary 08«. Bill hat nichts dagegen. Zwar ist Wahlkampf 06, aber Clinton wirkt wie ein Zeitreisender, unterwegs in die Zukunft. Eine prima Arbeitsteilung in dieser Politikerehe: Sie fährt kreuz und quer durch den Bundesstaat New York und sichert sich die Wiederwahl zur Senatorin; er fährt kreuz und quer durch Amerika und sichert ihr die Pole-Position im Rennen um die Präsidentschaft 08. Der Expräsident ist das prominenteste Vorauskommando aller Zeiten. Wie zufällig taucht er in Iowa und in New Hampshire auf, wo die Vorwahlen beginnen werden. Er kann auf George Bush schimpfen und dabei in Nebensätzen für die unerklärte Kandidatin werben. Jedes Mal preist er sie in den höchsten Tönen, nahe an der Peinlichkeitsschwelle. Sogar in ihrer Gegenwart. Kürzlich, bei einem gesetzten Essen, erhebt sich Bill, schaut seiner Gattin in die Augen und erklärt sie zur »fähigsten Person«, die er »je kennen gelernt« habe. Ist sie nicht dabei, tut er so, als sei er ein unbeteiligter Beobachter, und spekuliert darüber, ob sie Präsidentin werden wolle. Angeblich weiß Bill das nicht. Falls sie aber kandidiere, sagt er, werde sie gewinnen und »eine fantastische Präsidentin« sein. Mit Bills Hilfe kann Hillary ihre Kandidatur ankündigen, ohne sich von den Gegnern schon attackieren lassen zu müssen. Er ist ihr Schild und Schwert. Wie weiland 92: Politik im Doppelpack – zwei zum Preis von einem. Damals Bill-und-Hillary, heute Hillary-und-Bill. Clinton, ein Markenname.

Es ist nicht leicht, einen Expräsidenten die zweite Geige spielen zu lassen

Sie hat seine Karriere schon hinter sich, er hat ihre noch vor sich. Sie hat ihm ein Vierteljahrhundert lang den Rücken frei gehalten, nun probt das Paar seit sechs Jahren den Rollenwechsel. Ungewöhnlich für Power-Paare, die gern parallel oder leicht zeitversetzt, nicht aber nacheinander politische Karriere machen. Dass der Wechsel mühelos gelänge, lässt sich nicht behaupten. Ist ja auch nicht so leicht, einen Expräsidenten die zweite Geige spielen zu lassen. Beide feierten jüngst opulent Geburtstag. Seine Sause allerdings dauerte drei Tage, ihre nur einen Abend. Seine Gäste wurden gebeten, einen Mindest-Unkostenbeitrag von 60000 Dollar pro Person zu entrichten, ihre Gäste waren zum Billigtarif von 1000 Dollar dabei. Vielleicht geschah das alles nur, weil er zu einem runden Geburtstag lud, seinem 60., sie aber ein Jahr jünger ist.

Leicht kann es geschehen, dass Bill seine Hillary vorstellt und diese Einführung länger gerät als ihre Rede. Kürzlich hörte man, wie er vor einem Dinner zu Ehren seiner Gattin vor sich hin murmelte: »Nicht zu viel reden! Mund halten!« Sprechen aber beide, offenbaren seine Stärken ihre Schwächen. Im Februar ehrten beide Clintons bei einem Trauergottesdienst die verstorbene Bürgerrechtlerin Coretta Scott King. Hillary hielt einen Vortrag, Bill eine Rede. Hillary gab die Dozentin, Bill den Pfarrer. Für Hillary applaudierten die Gäste, für Bill sprangen sie auf. Später beruhigte Bill seine Frau: »Wenn wir an deinem alten College geredet hätten, wären dir die Sympathien zugeflogen. Ich bin in solchen Kirchen aufgewachsen. Das ist mein Leben. Dort musst du nicht besser sein als ich, nur besser als die anderen.«

Doch Clinton & Clinton meiden inzwischen gemeinsame Auftritte. Sie verändern gar ihre Reisepläne, wenn beide zur selben Zeit am selben Ort sein sollen – aus Sorge, Bills Stern könnte heller strahlen als Hillarys. So suchen sie sich im politischen Planetensystem unterschiedliche Umlaufbahnen. Die New York Times hat herausgefunden, dass die Eheleute sich etwa 14 Tage im Monat sehen. Und das bedeutet meistens: Sie essen gemeinsam zu Abend.