Einen Blick zum Himmel gibt es fast immer in den Filmen des Gus Van Sant. Auf Wolken, die mal träge, mal im Zeitraffer vorbeiziehen. In seinem in Cannes gleich mehrfach ausgezeichneten Meisterstück Elephant (2003), einer Meditation über das Columbine-Massaker, wird ihre Flugbahn von einer Hochspannungsleitung durchbrochen. Doch, und daran lässt sich durchaus eine Art Programm des Van-Santschen Kosmos ablesen, die Kabel enden im Nichts. Die Metaphysik des Tötens und Sterbens bleibt ein wolkiges Ungefähr, weil dieser Regisseur all den psychologischen, soziologischen oder kulturellen Erklärungsversuchen misstraut und der großen Erzählung vom tieferliegenden Sinn im menschlichen Leid nicht folgen mag. Warum müssen die beiden Männer in dem zwei Jahre zuvor entstandenen Film Gerry in der Wüste verenden, wenn doch der Highway nur ein paar hundert Meter entfernt liegt, wie eine Totale am Ende verrät? Warum werden die einen in Elephant sterben und andere nicht? Das jedem Wesen, jeder Tat eigentümliche Rätsel lässt Van Sant unangetastet. Fatale Affäre: Nicole Kidman und Joaquin Phoenix in »To Die For«. BILD

Lieber zerlegt der Regisseur aus Portland Räume, taucht nach topografischen Übersichten in einen labyrinthischen Kern. Er hält die Zeit an, wiederholt Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven und schafft mit diesem kubistischen Blick eine Wirklichkeit mit doppelten Rändern. Eine Wirklichkeit, die so überrealistisch ist, dass man nach dem Kino noch eine Weile in den flirrenden Konturen des eigenen Lebens verloren geht.

Mit seiner überwiegend vom US-Kabelsender HBO produzierten Trilogie über das Sterben, die er mit Last Days über die letzten Tage im Leben des Grunge-Königs Kurt Cobain beschließt, knüpft der 54-Jährige nach erfolgreichen, aber sterbenslangweiligen Hollywood-Abstechern ( Good Will Hunting , 1997, Finding Forrester , 2000) wieder an seine Anfänge an. Das heißt: an die Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger entstandene Portland-Trilogie ( Mala Noche , Drugstore Cowboy , My Own Private Idaho ), eine dreifache Ode an die Underdogs und ihre gescheiterten Revolten, für die er einst als aufgehender Stern der Independent-Szene und des New Queer Cinema gefeiert wurde. Und das, obwohl Van Sant nie zu den schwulen Regisseuren zählte, die Homosexualität als Politikum in ihren Filmen bearbeiten.

River Phoenix, Keanu Reeves und Matt Dillon spielten bei ihm die besten Rollen ihres Lebens. Und Nicole Kidman, die damals als Mrs Cruise in cineastischer Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohte, soll für ihre Besetzung als skrupelloser TV-Wetterfrosch in To Die For (1995) alle Hebel in Bewegung gesetzt haben.

Matt Damon und Ben Affleck verhalf der Regisseur mit dem Hochbegabten-Drama Good Will Hunting gar zu einem Drehbuch-Oscar. Van Sant muss für viele Karrieren wie ein Katalysator gewirkt haben. Einen guten, beschleunigenden Geist, vor allem in der internationalen Vertriebspolitik, hätte man ihm nun selbst gewünscht. Denn dass sein in Cannes gefeierter Film wie Last Days erst im Januar, mit anderthalb Jahren Verspätung, in die deutschen Kinos kommt, hat schon etwas Skandalöses.