Der Stoffhändler wurde fuchsteufelswild, als er die Kamera sah. Dies ist mein Land, mein Platz, mein Geschäft, schrie er, ihr habt kein Recht zu fotografieren! Hinter dem erzürnten Mann wehten Tücher in den fröhlichsten Ostereierfarben, und er wäre beinahe auf uns losgegangen, aber da kam zum Glück Romuald Hazoumé herbeigeeilt, der soeben seine zwei Kinder von der Ecole Montagne abgeholt hatte. Er beruhigte den Händler und erklärte uns, dass die Menschen in Cotonou, der Hauptstadt von Benin, ausgesprochen empfindlich reagieren, wenn jemand ihre Abbilder raubt. Das ist, als würde man ihren Schatten stehlen. Oder ihr Spiegelbild. Oder ein Stück ihrer Seele.

Hazoumé kann es selbst nicht ausstehen, wenn ihn unerwünschte Bilderjäger aus Europa heimsuchen und so tun, als gehöre ihnen der Planet. Einmal war ein Galerist aus Holland in der Stadt, er klopfte jeden Tag an sein Atelier und bedrängte ihn. Nach einer Woche flog der Mann ohne ein einziges Kunstwerk wieder heim. Ich mochte ihn nicht. Er hatte nur Geld im Kopf.

Der Künstler aus dem kleinen Benin, das früher einmal Dahomey hieß, kann sich die Verweigerung leisten, seit er zu den afrikanischen Stars gehört und in die Weltliga aufgestiegen ist. Seine Werke sind in den Kulturmetropolen des Nordens begehrt, sie beleben blutleere Galerien und bezaubern das Publikum in Houston, Paris oder London. Es sind Bilder mit rätselhaften Symbolen auf erdigem Grund, raumgreifende Installationen oder bizarre Masken aus Schrott und Plastikmüll.

Allerorten schwärmen die Feuilletons von ihrer archaischen Wucht und spirituellen Kraft so liebt die Außenwelt ihren dunklen Erdteil.

Denn das andere Afrika ist ja ohnehin nur Krieg, Hunger, Massenflucht.

Es sind die üblichen Zerrbilder, die Hazoumé auf jeder Vernissage begegnen, und auch in Bilbao ist es nicht viel anders, im Guggenheim-Museum, wo er gerade an der Ausstellung 100 % Africa teilnimmt. Er ist zur Eröffnung nach Spanien geflogen, aber es geht ihm wie immer, wenn er solche Spektakel in der Fremde besucht. Er will so schnell wie möglich wieder weg.

Was soll ich in Europa? Es gibt dort keine Sonne, kein Licht, kein richtiges Leben. Obwohl Hazoumé gefeiert wird, fühlt er sich oft doch nur als edler Wilder, der vorgeführt wird wie die Freaks in den Völkerschauen des 19. Jahrhunderts. Gegen den subtilen Rassismus, der in der gönnerhaften Herablassung gegenüber Afrikanern nistet, panzert er sich mit einem lässigen Gleichmut, den manche mit Hoffart verwechseln. Und er spielt mit den Klischees, wenn er im lilienweißen Bubu aus edlem Damast durch das Publikum schreitet, auf dem Kopf eine Brokathaube mit golddurchwirkten Kordeln, am Hals schwere Gehänge aus elfenbeinernen Amuletten, Glasperlen und Kaurischnecken. Dann denken alle: Ein afrikanischer Aristokrat ist unter uns. Hazoumés Auftreten ist beileibe nicht nur kokette Folklore er zelebriert sich selbst und die reiche, selbstbewusste, eigenwillige Kultur seines Kontinents.