Kölner Landgericht, August 2006: Osman Cetinkaya atmet schwer und greift zum Asthmaspray. »Wenn Du einen Funken Ehre im Leibe hättest, dann würdest du mich wiedererkennen«, herrscht der 58-Jährige den Zeugen an. »Du bist doch selbst ein Ehrloser«, faucht der junge Türke zurück und blickt nervös auf den wütenden Kläger. Denn die Beweise sind eindeutig. BILD

Vor sechs Jahren hat Cetinkaya ebenjenem Mann, der ihn nun nicht mehr kennen will, gegen Unterschrift 100.000 D-Mark ausgehändigt. Dafür erwarb er Anteilsscheine der Yimpas Group AG Schweiz. Satte Gewinnbeteiligungen wurden ihm versprochen, und eine sichere Geldanlage. Doch der Yimpas-Konzern behielt Cetinkayas Altersvorsorge einfach für sich und rückt sie nicht mehr raus. Vor dem Kölner Landgericht kämpft Cetinkaya nun nicht nur um seine Ersparnisse aus 30 Jahren harter Arbeit bei den Fordwerken. Es geht auch um seine Ehre. Osman Cetinkaya, der fest davon überzeugt war, in seinem Leben immer das Richtige getan zu haben, ist heute ein gebrochener Mann. Dass er vor sechs Jahren diesen Fehler gemacht hat, dass ausgerechnet er sich von türkischen Landsleuten hat abzocken lassen – das kann er nicht verkraften. Andere Yimpas-Anleger haben sich aus Verzweiflung schon das Leben genommen, Osman Cetinkaya aber will um sein Recht kämpfen.

In Hunderten von Gerichtsprozessen klagen türkische Anleger in Deutschland derzeit auf Rückzahlung ihrer Lebensersparnisse. Insgesamt betroffen sind zwischen 200.000 und 300.000 Deutschtürken, die Ende der neunziger Jahre ihr Geld in türkische Holdinggesellschaften investierten. Versprochen wurden ihnen Gewinne von bis zu 40 Prozent. Doch auf die warten die Anleger bis heute ebenso vergeblich wie auf die Rückzahlung des angelegten Kapitals.

Das gilt nicht nur für die 120.000 Anteilseigner der Yimpas-Holding. Auch die zweitgrößte Gesellschaft Kombassan mit etwa 35.000 Teilhabern zahlt kein Geld mehr aus. Und die Fantasie-Firma Jet-Pa, die einst eine halbe Milliarde Euro einsammelte, ist gänzlich pleite. Was aus den anderen, sehr viel kleineren Holdings geworden ist, die »nur« ein paar Millionen eingesammelt haben, ist völlig unklar. Ihre Websites im Internet existieren nicht mehr, die Telefone sind abgemeldet, die Ansprechpartner verschwunden. Wie viel Geld die Deutschtürken genau verloren haben, weiß niemand. Das Zentrum für Türkeistudien in Essen aber schätzt die verlorenen Lebensersparnisse auf fünf Milliarden Euro.

Statt Zinsen werden korangerecht Gewinne versprochen

Der größte Anlageskandal, den Deutschland je erlebt hat, nimmt seinen Ausgang in der Türkei. Anfang der neunziger Jahre gehen in Konya, der islamischen Hochburg der Türkei, Holdingvertreter von Tür zu Tür, um Anteilsscheine an ihren Gesellschaften ans einfache Volk zu verkaufen. Ganz im Einklang mit dem Koran, der Zinsgewinne verbietet, bieten sie den Menschen eine gottgefällige Alternative: die vom Koran erlaubte Gewinnbeteiligung. Das »Konya-Modell« ist damals so erfolgreich, so die Autoren Claudia Dantschke und Ali Yildirim in ihrem Buch Politik im Namen Allahs, dass sich die so genannten Islam-Holdings zum am schnellsten expandierenden Wirtschaftssektor der Türkei entwickeln. Sie betreiben unter anderem Bauunternehmen, Kaufhaus- und Handelsketten und planen zu dieser Zeit sogar angeblich den Bau einer eigenen türkischen Autofabrik.

Das türkische Militär betrachtet den Boom von Beginn an mit Misstrauen. Zu eng sind die personellen Verbindungen der Muslim-Manager zu den ebenfalls immer mächtiger werdenden islamistischen Politikern wie Necmettin Erbakan, der Gallionsfigur der türkischen Islamisten. Der Generalstab ruft zum Boykott der Islam-Holdings auf. Doch die Kampagne scheitert. Stattdessen weiten die Holdings in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ihr Aktionsfeld nach Westeuropa aus.