Der Chef der rot-roten Landesregierung Berlins, Klaus Wowereit, erfand am vergangenen Montag für sich selbst das Amt eines regierenden Kulturstadtrats, überzeugt davon, bei ihm, dem Bürgermeister und Operngänger, sei Berlins Kultur am besten aufgehoben, weil ja keiner an ihm vorbeikönne. Allerdings kann nun auch die Kultur nicht mehr an Wowereit vorbei. Trösten könnte man sich mit dem Gedanken, wo nur der Posten eines Kultursenators eingespart werde, gehe es immerhin den Künsten nicht an den Kragen. Und tatsächlich kündigte die neue Landesregierung auch an, den Kulturetat nicht senken zu wollen. Das klingt doch gut, oder?

Länder, die für die Kultur kein eigenständiges politisches Ressort mehr vorsehen, wie Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen, müssen nicht mal ihre Aufwendungen senken. Eine Akzentverschiebung findet in jedem Fall statt: Wo Kultur Sache der Staatskanzleien ist, wird sie zur Staatskultur, zur reinen Verwaltungsaufgabe. Ein Kulturpolitiker mit eigenem Geschäftsbereich signalisiert dagegen Gestaltungswillen, im besten Fall ist er ein Mittler zwischen öffentlicher Hand und freier Kulturgesellschaft, Anwalt dieser, wohlwollender Vertreter jener. Wenn er fehlt, regieren Haushälter und politische Taktierer.

Führt man sich allerdings vor Augen, was mit der Kultur in Berlin in den kommenden Monaten geschehen wird, ist Wowereits Entscheidung sogar richtig, die Kulturverantwortung beim Regierungschef zu bündeln. Denn mit aller Kraft wird Berlin versuchen, die Staatsoper dem Bund aufzudrängen, und die Drohung, das Haus aus baurechtlichen Gründen zu schließen, ist nur der Beginn des Muskelspiels. Sicher wird auch die Humboldt-Universität dem Bund angetragen werden, und auch da wird der Bund nach der Verfassungsgerichtsentscheidung eine weitere verdeckte Subvention des Landes ablehnen. Keine Oper wird in Berlin geschlossen werden, nein. Aber selbstverständlich deutet alles darauf hin, dass Berlin aus den beiden anderen eine einzige machen möchte, durch fortschreitende Fusion, am Ende mit zwei Spielstätten. Darüber wird rasch die Opernstiftung zerbrechen, die auf keine weitere Unterstützung Berlins mehr hoffen darf, auch das ist jetzt klar. Aus der Finanzierung des Humboldt-Forums, womöglich sogar aus der Preußenstiftung, will sich das Land ebenfalls zurückziehen. Mit einem Wort: Es riecht nach Ärger und Kabale. Machtworte werden nötig sein.

Die kommenden Auseinandersetzungen sind Chefsache, warum nicht gleich signalisieren, mit wem man es zu tun haben wird? Gegenüber dem Bund wird es aber Berlins Position nicht stärken. Der Bund kann das Karlsruher Urteil nicht konterkarieren.

In der Hauptstadt gibt es Reste des kooperativen Kulturföderalismus, ein paar gemeinsame Finanzierungen von Land und Bund. Nun benimmt sich das trotzige Berlin wie ein Land, das gerade die Kulturhoheit für sich entdeckt hat. Es ist sogar ein bisschen verständlich angesichts des Ressentiments der westdeutschen Provinz. Hauptstadt ist demnächst ein Potemkinsches Dorf, dessen Fassadenteile der Bund bezahlt. Es wird aber auch für die Berliner aufgebaut. An diese einfache Wahrheit muss man dabei gelegentlich erinnern.