Das eher sperrige Wort hypocrisy, Scheinheiligkeit, ist in Amerika erstaunlich populär. Wer es bei einer Abendgesellschaft in die Runde wirft, bekommt die jüngsten Fallgeschichten aufgetischt. Als drastisches Beispiel taugt der ehemalige New Yorker Polizeichef Bernie Keric, George W. Bushs Wunschkandidat für das neu geschaffene Amt eines Ministers der Homeland Security. Die New York Post, das einschlägige Klatschblatt der Stadt, deckte auf, dass Keric, Familienvater, drei Kinder, eine Liebesgeschichte mit einer sehr viel jüngeren Harvard-Abgängerin unterhielt, die seine Biografie verlegt hatte. Die Verlegerin wiederum fand heraus, dass Keric neben ihr noch eine weitere Geliebte beglückte, während seine Gattin mit ihrem vierten Kind schwanger war. Als dann noch herauskam, dass Keric sich ausgerechnet in einer gemieteten Baracke auf dem durch Leichenpartikel kontaminierten und geheiligten Boden von Ground Zero vergnügte, war es um Bushs good man geschehen. Larry Sultan fotografierte Privathäuser im San Fernando Valley, die von ihren Eigentümern teuer vermietet werden – an die Pornofilmindustrie BILD

Oder der Fall des republikanischen Abgeordneten Marc Foley. Jahrelang hatte er explizit sexuelle E-Mails an minderjährige Praktikanten im Kapitol verschickt. Um seine Homosexualität zu verheimlichen, zeigte er sich gern in weiblicher Begleitung. Als Journalisten herausfanden, dass ausgerechnet Foley ein Komitee zum Schutz von Minderjährigen gegen sexuellen Missbrauch geleitet hatte, war kein Halten mehr. Der Fall beherrschte tagelang die ersten Seiten der Presse, das Wort hypocrisy war in aller Munde, Foley musste gehen.

Die Demokraten, die den Fall nach Kräften hochspielten, wurden von den Republikanern ihrerseits der hypocrisy geziehen. Hatte nicht auch ein demokratischer Abgeordneter vor Jahren anzügliche Post an einen Praktikanten geschrieben – und dennoch die Wahl gewonnen? Aber die Retourkutsche half nicht: Auf die republikanische Partei, die ihren Wahlkampf traditionell auf die Verteidigung von family values abstellt und die Hilfe der religiösen Rechten braucht – erst 2004 hatte G. W. Bush durch eine Kampagne gegen die homosexuelle Ehe die Wahl in Ohio (und damit in den USA) für sich entschieden –, fiel ein langer Schatten.

Heuchelei ist höflich. Warum immer die harte Wahrheit sagen?

Nur ein Hypokrit wird behaupten, dass es sich bei der hypocrisy um ein spezifisch amerikanisches Laster handele. Unstreitig haben wir es mit einer universalen Neigung zu tun, die übrigens immer und überall auf der Welt dem oder den jeweils anderen zugeordnet wird: dem Nachbarn, der anderen Partei, der anderen Nation – auch dies selbstverständlich ein Fall von hypocrisy. Deswegen ist die Aufdeckung einer Heuchelei und die zur Schau gestellte Empörung über sie in aller Regel ihrerseits nicht frei von Heuchelei. Ebenso unstreitig sind jedoch die nationalen Unterschiede in der Ausprägung dieser Eigenschaft. Man könnte durchaus eine Ethnologie der hypocrisy entwerfen: Da wäre der italienische Dieb, der mit der gestohlenen Tasche in der Hand beim Leben seiner Mutter auf seine Unschuld schwört; der deutsche Pazifist, der sich mit seiner grundsätzlichen Ablehnung militärischer Mittel ausgerechnet auf die Lehren der »deutschen Vergangenheit« beruft; der »lupenreine Demokrat« Putin , der einen politischen Gegner wegen Steuerhinterziehung hinter Gitter bringt. Das Thema zwingt eigentlich zur Serie.

Bleiben wir bei der amerikanischen hypocrisy. Die Scheinheiligkeit kann dort besondere Blüten treiben, wo sie auf dem Boden eines religiös fundierten Optimismus gedeiht – in God’s own country. In den USA gehören Lebensmut, gute Laune und die gegenseitige Ermutigung zu den ersten Bürgerpflichten – eine Forderung, die ohne Heuchelei nicht zu bewältigen ist. Einmal besichtigte ich mit zwei Washingtoner Freunden eine neu eingerichete Wohnung von Bekannten in Georgetown. Wir gingen mit vielen »how wonderful!«– und »just amazing!«- Rufen durch dieses Schmuckstück und beendeten den Rundgang in der Küche. Es war eine ziemlich teure Küche von ausgesuchter Scheußlichkeit. Nichts ging zusammen: Der Marmorboden passte nicht zur rosafarbenen Tapete, die ver goldeten Handgriffe nicht zum Olivenholz der Küchenschränke, der ovale Glastisch nicht zu den massiven Stühlen. Meine Freun- de überboten sich der- art mit Komplimenten, dass ich begann, an ihrem Geschmack zu zweifeln. Kaum aber hatten wir die Wohnung verlassen und die nächste Straßenecke erreicht, brachen die beiden Lobredner in dröhnendes Gelächter aus. Noch nie in ihrem Leben, riefen sie, hätten sie eine so absurde und verkorkste Küche gesehen! BILD

Hier haben wir es mit einer eher liebenswürdigen Variante der amerikanischen hypocrisy zu tun. Nennen wir sie die Heuchelei aus Höflichkeit. Offensichtlich gab es zwischen mir und meinen Freunden keinerlei Differenz im Urteil: Die teure neue Küche war ein Desaster. Nur gingen sie entschieden anders mit diesem Urteil um. Während ich herumdruckste und, um die Wahrheit nicht sagen zu müssen, ein vieldeutiges Dauerlächeln aufsetzte, logen sie beherzt drauflos, um den stolzen Wohnungsbesitzern eine Freude zu bereiten.