Man darf der Autobiografie Gerhard Schröders vieles vorwerfen, keinesfalls jedoch, dass sie einen außergewöhnlich schlechten Titel trüge. Sie heißt nämlich Entscheidungen und steht damit in einer guten deutschen Tradition: der Tradition, dass Autobiografien die literarische Form sind, die mit den bescheidensten Titeln auskommen muss. Sie heißen meistens Mein Leben, Erinnerungen oder Ich und irgendetwas nach dieser Titelfindungsweise würden Romane Eine fiktive Geschichte oder Das habe ich mir ausgedacht heißen. Die Überzeugung, dass ein Titel auch eine Verheißung sein könnte, ist ungefähr so stark entwickelt wie die Fähigkeit des Altkanzlers, sich mit seinen Erkenntnissen ein wenig zurückzuhalten.

Die Titel der deutschen Biografien sind bis auf ganz wenige Ausnahmen (Der geschenkte Gaul, Hildegard Knef) eine Geschichte des Mangels an Selbstironie und Subtilität. Politiker suchen sich fast immer einen faden Titel aus (Widersprüche, Günter Gaus), offenbar aus Angst, nicht seriös genug zu erscheinen, Sportler, die ihr ganzes Arbeitsleben von Sportmetaphern umgeben waren, wählen gern eine Sportmetapher (Aufgetaucht, Franziska van Almsick), Menschen aus dem Showgeschäft unterstreichen ihre Showgeschäftigkeit mit Titeln, die ein bisschen esoterisch oder durchgeknallt klingen (Ich wusste doch, dass ich fliegen kann, Senta Berger), Wirtschafts größen nehmen Titel, die ihrer Größe schmeicheln (zum Beispiel: Ich habe Finanzgeschichte geschrieben, Reinfried Pohl), und prominente Menschen aller Fachrichtungen sind seit Jahrzehnten dauerverliebt in den Titel Mein Leben. Schließlich ist er der selbstbewussteste von allen. Mein Leben, sagt dieser Titel, ist von so allgemeinem Interesse, dass es keinesfalls vonnöten ist, es näher zu spezifizieren.

Die Biografie von Gunter Sachs, vor einem Jahr erschienen, hieß auch so. Bei seinem Verlag erfährt man, dass es dort Menschen gab, die sich über den Titel Ein Bild von mir gefreut hätten, schließlich sind in dem Buch auch Fotografien von ihm zu finden. Aber Sachs ließ sich nicht überzeugen: Es musste Mein Leben bleiben, klein gedruckt unter seinem etwas größer gedruckten Namen.

Einen selten Einblick in die Titelfindung gewährt einem der Verlag Econ: Peter Glotz, der im vergangenen Jahr verstorbene Politiker, kam mit mehreren eigenen Vorschlägen in drei Gruppen (a) Der Flüchtling - Flüchtig - Die Flucht von Heimat zu Heimat - b) Wer redet, ist nicht tot - Der böhmische Kampfhund - c) Der Grenzgänger - Grenzgängerei - Erinnerungen eines Grenzgängers). Schließlich hieß sein Buch Von Heimat zu Heimat. Jürgen Diessl, der Verlagsleiter bei Econ, sagt: Wenigstens versteht man den Titel, wenn man sein Leben kennt.

Bei keinem anderen Genre, das ist das strukturelle Problem der Titel, ist es so schwierig, den Autor von seinem eigenen Vorschlag abzubringen es mangelt ihm selten an Selbstvertrauen, und das bei gleichzeitiger literarischer Unerfahrenheit. Der Autor hat immer das Argument auf der Seite, es ginge schließlich um sein Leben und das wollen die meisten in ihrem eigenen Licht sehen, wie Jürgen Diessl es sagt.

Das hat einen Vorteil für die zunehmend zur Autobiografie neigende prominente Schicht: Viele wirklich interessante Titel wie Ich bereue alles!, Ich Depp!, Meine Nichtigkeit oder Mein verkorkstes Leben sind noch frei.

SPORTLERAUTOBIOGRAFIEN