Erst sind da nur ganz gewöhnliche Akazien, die mit ihrem durchscheinend grünen Blätterkleid an das nahe Afrika und seine Baumsavannen denken lassen. Dann – ein wenig Oktoberregen hat Wunder gewirkt – bewegt ein großer atlantischer Atem silbrige Graswogen beidseits des Basalt-Kopfsteinpflasters. Schließlich rücken schwarz und rot gerahmte Feuerstraßen von oben gegen die Passstraße vor: erkaltete Lavarinnen, diabolische Halfpipes mit krustigen Rändern aus Schlacke. Aber all das ist nur Anlauf. Vorgeplänkel. Prélude, bevor das große Thema hervortritt. Auf 1800 Metern, am Aussichtspunkt Monte Cruz, knickt die Straße scharf westwärts ab, und der Pico do Fogo, der 2829 Meter hohe Stratosphärenvulkan, mandelt sich gewaltig auf, absoluter Höhepunkt der Kapverden. Klassisch, gleichmäßig, dreieckig; ein grauschwarzer Zuckerhut, so archetypisch, wie Kinder Berge malen. Fogo, die Feuerinsel der Kapverden, erklärt sich selbst, sobald man ihr aufs Dach steigt. layout="" vspace=""> Pico de Antonia. Für mehr Bilder von den Kapverden klicken Sie hier » BILD

1995 hatte es dem Pico gefallen, wieder mal Dampf abzulassen – nicht nur Dampf, sondern auch Lava, und das fatalerweise nicht durch den Hauptschlot, wie es sich für einen anständigen Vulkan gehört, sondern weiter unten, fast auf dem Niveau der Hochebene, von wo aus der Vulkankegel noch einmal tausend Meter aufragt. Der kochende Brei verschluckte und überkrustete große Teile des Hochplateaus, das im Westen von den senkrechten Wänden eines gigantischen Einsturzvulkans, einer Caldeira, begrenzt wird. Die 95er-Eruption begrub das alte Weinanbaugebiet der zwei Dörfer Portela und Bangaeira, Gott sei Dank ohne Menschenleben zu fordern. Die Lava war noch nicht erkaltet, als die Bewohner schon wieder neue Weinstöcke setzten.

Wem die Totale des Pico und der Caldeira nicht den Detailblick verstellt hat und wer einen ortskundigen Führer wie Alcindo, 23, zur Seite hat, wechselt nach einiger Zeit unwillkürlich mit dem Staunen von der Vertikale in die Horizontale. Die Cha, so der portugiesische Name für vulkanische Hochebene, birgt eine Vielzahl endemischer Pflanzen. Der lila blühende Kapverden-Schöterich, ein kniehoher Busch, braucht den Vulkanauswurf zu seiner Entfaltung wie verwöhnte Vorgartenpflanzen den Humus; Blüten und Blätter werden als eine Art Basismedikament genutzt, sagt Alcindo. Die gelbe Mato-Branco-Königskerze ist ebenfalls eine Cha-Spezialistin, überall, wo Lavafluss erstarrt, folgt sie filigran auf dem Wurzelfuß. Nähert man sich entlang schwarz gebrannter Lavazungen dem Doppeldorf Portela/Bangaeira, dann überwiegen immer mehr die Kulturpflanzen. In anthrazitfarbenen, schottergefüllten Trichtern kultivieren die Menschen der Caldeira schnellwüchsige Kongobohnen; Zwergmelonen spreizen ihre distelartigen Blätter über den Schotter; Feigen und Granatäpfelbäume häkeln kleine Schattendecken für Lorbeer und Rizinus.

Zum Abendbrot gibt es Cachupa, einen Eintopf aus Bohnen und Mais

Und natürlich und vor allem gedeiht wieder der Cha-Wein, seit Ende der Neunziger mit wachsendem Erfolg und fachlicher Beratung aus Italien.Der Cha-Wein ist mittlerweile auf allen Kapverdischen Inseln ein gastronomisches Gütezeichen; derzeitige Jahresproduktion 45000 Flaschen; Etappenziel: Weindepots auf allen neun bewohnten Inseln des Kapverden-Archipels und vorerst bescheidener Export in die vielen exilkapverdischen Zentren in Boston, Belgien und anderswo. Drei Viertel der knapp eine Million Kapverdier leben nicht auf den heimatlichen Inseln; ihre Überweisungen nach Hause sollen ein Drittel der einheimischen Kaufkraft ausmachen, wird erzählt.

Im Cha-Doppeldorf hat man den Blick aber auch noch auf anderes gerichtet als nur die Weinkarriere. Zum Beispiel auf den sanfttouristischen Paradieswanderer – schon lange nicht mehr Angehöriger einer Reiserandgruppe. Mit Unterstützung italienischer Entwicklungshelfer und deutscher Wandertourismuspioniere wächst ein bescheidener »Urlaub auf dem Bauernhof« heran. Mehr Gäste als bisher sollen in den herben, unverputzten Weinbauernhäusern nächtigen und verköstigt werden. Aber auch wenn der Gast das bodennahe Erlebnis sucht – Kindergewusel unterm Abendbrottisch, Cachupa (Mais-Bohnen-Eintopf) mit Gewürzen, die in keinem Spezialkochbuch stehen –, müssen und sollen Mindeststandards erreicht werden. Das ist schwer, aber nicht unmöglich. Der größte Engpass ist wie fast überall auf den Kapverden die Wasserversorgung; Wasser muss teuer und aufwändig mit Lastwagen herbeigeschafft werden. Nur ausgerechnet auf den östlichen, extrem trockenen Sandinseln, Sal, Boavista und Maio, wo sich schon jetzt Bettenburgen und Zweitwohnungskomplexe aneinander reihen, schaffen die hoteleigenen Meerwasserentsalzungsanlagen genug Süßwasser – auch für zentraleuropäische Ansprüche und Ferienträume. Swimmingpools inbegriffen. Ferienträume lassen sich zum Glück nicht so ganz normieren. Sechs von neun Kapverden-Inseln schützt vor allem ihre Strandlosigkeit davor, als Devisenmagneten »geopfert« zu werden.

»Geopfert?« Einheimische Kenner der Inselstruktur sprechen die Anführungsstriche durchaus mit, wenn von den drei »Opferinseln« und ihren angewehten Saharastränden die Rede ist: Mit jedem einfuhrbesteuerten Liter Oldenburger H-Milch, den ein All-inclusive-Tourist auf Sal oder Boavista in seine Latte Macchiato gequirlt bekommt, lässt sich ein Millimeter Straße auf einer der westlichen Inseln oder eine Seite Schulbuch bezahlen. So bekommt man es zu hören, wenn man im Gespräch mit den Einheimischen dem Drang erliegt, vor der Costabravisierung der Kapverden zu warnen.