Der Mensch läuft 35 Kilometer in der Stunde. Als Spitzensportler. Wenn er gerade sprintet. Er ist somit selbst bei Höchstleistung nicht das allerschnellste Lebewesen. Da der Mensch aber gerne mobil ist, musste er sich eine Menge einfallen lassen, um ein bisschen flinker zu werden. Die Sache mit den Skiern hatte er bald raus, vor ungefähr 7000 Jahren schon. 1760 wurden die Rollschuhe erfunden. 1817 stellte Karl von Drais seine Laufmaschine vor, die Großmutter aller Fahrräder. Auf Fernstrecken quälte sich der Mensch zu Land von Epoche zu Epoche in Kutschen vorwärts, es dauerte bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als er endlich auf die Eisenbahn umsteigen konnte, doch schon zu Ende des Jahrhunderts war er auch automobil: Das sich selbst bewegende Kleinfahrzeug war erfunden, dank Karl Benz und seinem Vergasermotor.

Das erste funktionstaugliche Automobil mit Benzinmotor steht im Deutschen Museum in München in seiner Zweigstelle auf der Theresienhöhe, dem Verkehrszentrum, gleich am Eingang. Weil man so unvermittelt davorsteht, weiß man auf den ersten Blick gar nicht, welche Pretiose einem da präsentiert wird.

Den Rückwärtsgang gab es nur gegen Zuzahlung

Münchens Verkehrszentrum ist in seiner 12000 Quadratmeter großen Drei-Hallen-Gesamtheit gerade erst drei Wochen alt. Was uns bewegt das ist das Thema des Ablegermuseums. Es rückt die Exponate, die vorher zum großen Teil der Rubrik Landverkehr im Haupthaus untergebracht waren, in einen völlig neuen Zusammenhang. Mit Massenbewegung hat auch der neue Standort zu tun. Weil Franz-Josef-Strauß zum großen Airport der Landeshauptstadt wurde, zog die Messe aufs verlassene Flughafengelände in Riem. Oberhalb der Theresienwiese, des Oktoberfestplatzes, wurde wiederum das angestammte Messeareal frei, das nun der Neubebauung anheim fiel. Bis auf drei Hallen, die, vor hundert Jahren als selbstbewusste, kühne Konstruktionen des Fortschritts gebaut, mit der Zeit etwas heruntergekommen waren. 44 Millionen Euro allein kostete ihre Renovierung. Keiner hatte geahnt, dass man sie an manchen Stellen Stück für Stück auseinander nehmen und wieder zusammenfügen musste.

Nun aber sind sie Trauminseln im Häusermeer.

Nur zweieinhalb Millionen Euro mehr und die Sanierung der alten Hallen zum neuen Verkehrszentrum wäre perfekt geworden. Doch um einen Anbau zu rekonstruieren, der aus statischen Gründen abgerissen worden war, rückten der bayerische Finanzminister und der Münchner Oberbürgermeister kein zusätzliches Geld heraus. Deshalb fehlt dem Verkehrszentrum der adäquate Eingang, und der Besucher muss vom ersten Schritt an nach Orientierung suchen. Er beginnt seine Besichtigung in Halle III, die sich Technik und Mobilität widmet, aber kein idealer Einstieg ist. Denn niemand weiß, ob er sich rechts zu den Fahrrädern wenden soll oder links dem Pfeil zu Halle I folgen.

Am besten er fängt in der hinreißend lichten und schönen Halle I an und stürzt sich hinein in das Thema Stadtverkehr, in das vom Schutzmann oder von der Ampel verwaltete Chaos aus Straßen. Die sind dicht mit betagten Verkehrsmitteln bestückt, ein ADAC-Rettungshubschrauber hängt vom Himmel, ein Krankenwagen wartet am Rand, die Straßen- und U-Bahnen zeigen, wie komfortabel sich der öffentliche Nahverkehr vom Nachkriegswagen der Münchner Straßenbahn und vom miefigen Berliner SBahn-Waggon zum Niederflurbus der Gegenwart entwickelt hat. Und die unzähligen Motorräder und Autos mit all unseren Lieblingen von der Isetta über den Lloyd-Leukoplastbomber bis zum NSU und R4 demonstrieren, wie der Verkehr sich verändert hat. Das ist kein zufälliger Wirrwarr alter Vehikel, sondern eine Komposition, die viele Facetten des Nahverkehrs bis ins Detail ausleuchtet, dabei eine Fahrradwerkstatt zeigt, wie sie von der Kriegszeit bis 1995 funktionierte, und gestylte Räder in einen Raum mit dem handgezogenen Leiterwagen stellt. Nicht einmal ein Arbeitsleben liegt zwischen dem Messerschmitt-Kabinenroller, bei dem es den Rückwärtsgang nur gegen Zuzahlung gab, und dem VW GTI, der auch schon längst überholt ist.