Einem Schriftsteller, der im Hauptberuf Unternehmer ist, eröffnen sich zwei auseinander strebende Wege: Entweder er nutzt seine Vertrautheit mit dem Haifischbecken des Marktes, um kommerziell einträgliche Bücher zu schreiben, oder er nutzt seine ökonomische Unabhängigkeit, um ohne Rücksicht auf die Gewohnheiten und Bedürfnisse breiter Leserschichten seine literarischen Vorstellungen zu verwirklichen. Ernst-Wilhelm Händler, bis vor kurzem Inhaber eines Metall verarbeitenden Betriebs in Bayern, hat sich für letzteren Weg entschieden, was ihm von der Literaturkritik hoch angerechnet wird. Während die deutschsprachige Prosa in großen Teilen zur Stromlinienförmigkeit tendiert, leistet sich Händler postmoderne Komplexität und Verrätselung, Polyphonie und Stimmenimitation, Collagetechnik und Jonglage mit verschiedenen Textarten. Er gönnt sich etwa das Vergnügen, 30 Buchseiten mit den Namen der 424 klinischen Ängste zu füllen, die auch das Feuilleton der FAZ schon schmückten, von Ablutophobie bis Zoophobie – ein Gag aus zweiter Hand, der aber in einem ambitionierten Erzählkosmos wie diesem sehr sophisticated wirkt. Und der sogar einen inhaltlichen Bezug hat, geht es doch im Roman Die Frau des Schriftstellers um berufsbedingte Phobien von Literaturschaffenden – die Angst, eines Erzählstoffes beraubt zu werden, die Furcht, das Leben dem Schreiben geopfert zu haben, und dergleichen mehr. BILD

Was sich an Handlung destillieren lässt, hätte einem Zwitter aus Thriller und Satire gut zu Gesicht gestanden. Der Ich-Erzähler, ein mittelmäßiger Vielschreiber, begegnet im Münchner Schumann’s – so viel Szene muss sein – dem taubstummen Literaturagenten La Trémoïlle, der aus uraltem französischem Adel stammt, eine Kopfhörerfrisur und geschmacklose Krawatten trägt. Könnte Ernst-Wilhelm Händler mit »Figuren« im konventionellen Sinn etwas anfangen, wäre dieser Herr ein ergiebiges Exemplar; hier aber tritt er nur als Mittler zwischen dem Erzähler und seinen unangenehmen Erinnerungen auf. Drei Jahre zuvor hat La Trémoïlle ihm ein sonderbares Angebot des Verlegergiganten Guggeis unterbreitet: Er solle, gegen ein Spitzenhonorar, ein Manuskript des Schweizer Erfolgsautors und Exfußballers Tonio Pototsching vollenden, der sich dazu außerstande sehe.

Der egomanische Verleger mit seiner »Guggeis-Kultur« trägt unverkennbar Züge des seligen Siegfried Unseld. Tonio Pototsching ist in Händlers Pandämonium ein Enkel des gleichnamigen, historisch verbürgten Hausmeisters von Alberto Giacometti. Er verfasst seine Bücher durchgängig im Konjunktiv und, genau wie der Erzähler, nur handschriftlich. Beim Autoren-Gipfeltreffen in einem Berliner Hotel stellt sich heraus, dass es sich bei dem unvollendeten Manuskript um einen minutiös recherchierten Bericht über die Kindheit des Erzählers in Niederösterreich handelt – jene Geschichte, die in Händlers zweitem Roman Fall erstmals auftaucht und die wiederum auf Anleihen bei Thomas Bernhard zurückgeht. »Das Schlimmste, was mir passieren konnte«, klagt der mimosenhafte Münchner, »war mir passiert: Ein anderer hatte genau das Buch geschrieben, das ich schreiben wollte.«

Eine interessante und nicht unkomische Konstellation, aber auch sie ist für Händler nur von peripherem Interesse. Er befasst sich, offenbar sehr ernsthaft, mit Betriebssystemen, deren Dynamik durch Machtstrukturen erzeugt und in Gang gehalten wird. Hatte er in seinem vorletzten, viel gelobten Werk Wenn wir sterben die Energien und Strategien im Visier, die das System der Marktwirtschaft zum Funktionieren bringen, richtet sich sein sezierender Blick nun auf die Produktionsbedingungen des Literaturbetriebs. Die aber will er nicht nur in der ökonomisch-technischen Sphäre untersuchen, sondern auch und vor allem im Inneren eines Schriftstellerhirns, in dem sich Kontrollzwänge, Wahnvorstellungen, Allmachtsfantasien und Selbstmitleid ein ewiges Stelldichein geben.

Um dieses bücherschöpfende Milieu bis an die Schmerzgrenze erfahrbar zu machen, setzt Händler alles ein, was geeignet ist, eine Bibliophobie zweiten bis dritten Grades zu erzeugen: Schwadronier-Orgien, planmäßige Verdunkelung, auf hohem Abstraktionsniveau substanzarm kreiselnde Reflexionen, ausdauerndes Rühren im Redundanten, sadomasochistische Inszenierungen, Albträume und Erzählstrecken von einschläfernder Ödnis. Dazwischen sind, wie Ostereier in dürrer Holzwolle, hübsche Aperçus versteckt, die bayerische Landschaft betreffend, die Berliner Stadterneuerung oder auch den Schlagersänger Rex Gildo.

Dann sind da noch Laura und Beatrice, die beiden Geliebten, bei deren Anblick Petrarca und Dante im Grabe rotieren dürften. Laura, ein in ständiger Umformung begriffenes Frauenwesen, etwas undurchsichtig komplettiert durch einen Zwilling namens Lisa, ist Tonio Pototschings Exgeliebte, und sie schreibt ebenfalls Romane. Der Erzähler begegnet ihr im Berliner Borchardt – so viel Szene muss sein – und verfällt ihr auf der Stelle, was pathetische Ein- und Auslassungen über die Liebe als Obsession zur Folge hat. In der Beziehung zu Beatrice, die er in München beim Kauf eines Polohemds aufgabelt, geht es mehr um Sex; außerdem ist sie Psychohistorikerin und bescheinigt ihm, in akribischer Aufzählung, »alle Persönlichkeitsstörungen der Welt«.

Am Ende ist Laura anscheinend schwanger, aber »der Schriftsteller« interessiert sich ohnehin nur für seine eigenen Kopfgeburten – und für den immer noch fruchtbaren Schoß, aus dem das Böse kroch: In einer abenteuerlichen und schwer durchschaubaren Konstruktion stellt Händler eine Verbindung zwischen dem Welterschaffungs-Narzissmus des Künstlers und dem weltvernichtenden Machtwillen des Nationalsozialismus her. Dabei spielt, wie eine Essay-These von Beatrice andeuten soll, »falsch verstandene Wissenschaft« eine Rolle. Das Risiko, vieles in diesem Roman falsch verstanden zu haben, ist groß. Immerhin blieb ein einzelner Satz wie ein beruhigendes Fazit im Gedächtnis haften. Er lautet: »Es müssen ja nicht alle alles lesen.«