Tadeusz Różewicz hat den Krieg von innen gesehen. 1943 stieß er zu den Partisanen, um gegen die deutschen Besatzer zu kämpfen. Er überlebte nur zufällig das »Ende der Welt« – und musste nun mit seiner apokalyptischen Erfahrung fertig werden. So beginnt Różewicz zu schreiben, zunächst Gedichte, dann auch Dramen und Erzählungen. Doch ist es nicht der Autor, der sich in seinen Werken ausdrückt, sie drücken vielmehr ihn aus. Alles, was dieser denkende Dichter im Laufe seiner Klassikerwerdung zu Papier gebracht hat, trägt die Handschrift jener traumatischen Erfahrungen, die ihm bis heute keine Ruhe lassen.

Dem deutschen Leser ist Tadeusz Różewicz, zusammen mit Zbigniew Herbert, vor allem als Repräsentant der modernen polnischen Lyrik bekannt. Jetzt, zu seinem 85. Geburtstag, wird uns erstmals eine Sammlung seiner Geschichten präsentiert. Zwölf auf prägnante Momentaufnahmen zugespitzte Erzählstücke, die das Lebensdrama der Kriegsgeneration rekapitulieren. In einer kargen Sprache, die weder Anklage noch Aufschrei kennt, vergegenwärtigen sie die existenziellen Abgründe, in die das blutige Weltgeschehen die Davongekommenen riss. Dies liest sich umso beklemmender, als uns das Buch die Perspektive seiner Protagonisten zumutet. Während es die zeitgeschichtlichen Umstände des Krieges ausblendet, blicken wir in das Innere von Menschen, die unter der Brutalität des Kriegsrechts ihr Menschsein verlieren.

»Die erste Aufgabe war einfach. Es ging darum, zwei Frauen zu erschießen.« In diesem lapidaren Ton berichtet der Ich-Erzähler in der Beichte aus dem Alltag eines Partisanenkommandos. Die Frauen werden hingerichtet, weil sie den Deutschen zu Diensten waren. Ein Bauer, der Waffen versteckt hat, will vor der Erschießung seine Sünden bekennen. Also beichtet er seinen Peinigern, wie er dereinst seine schwangere Jugendfreundin vergiftete. Dieserart sind hier alle Seelen vergiftet. Es gibt keine Bösen und keine Gerechten, es gibt nur noch Tote, die so tun, als lebten sie.

Eindringlich analysiert Różewicz die Symptome seiner demoralisierten Gestalten: ihren Weltekel, die Qualen der Erinnerung, das nagende Gewissen, den Selbsthass. »Mir scheint, die deutschen Faschisten sind Mörder gewesen, aber auch wir, ihre Opfer, verwandelten uns, widerstrebend und wider Willen, in Mörder.«

An dieser bitteren Erkenntnis entzündet sich der Defätismus eines Studenten. Angewidert von sich und den Menschen, hat er seinen Selbstmord bereits terminiert – das verbindliche Datum bringt ihm »eine gewisse Erleichterung«. Mehr Erleichterung vermag Różewicz seinen Figuren kaum zu verschaffen. Im Wissen um ihre ewige Verdammnis kann er ihnen weder Trost noch Hilfe spenden, geschweige denn Hoffnung auf Rettung machen. In der Titelgeschichte besucht ein ehemaliger Lagerhäftling Paris, doch selbst »in der schönsten Stadt der Welt« holen ihn die finsteren Schatten der Vergangenheit ein.

Lässt sich diese Erfahrungshölle, die nach Auskunft der Überlebenden noch jede Vorstellungskraft sprengt, den Nachgeborenen überhaupt vermitteln? Darauf gibt der Ausflug ins Museum – gemeint ist die Gedenkstätte Auschwitz – eine ernüchternde Antwort: Indem der Autor die O-Ton-Stimme des Museumsführers mit den Banalitätsäußerungen seiner Besuchergruppe collagiert, hören wir dem Gedenken beim Vergessen zu. Das Bemühen, Krieg und Massenmord dem touristischen Publikum vorstellbar zu machen, scheitert hier dermaßen kläglich, dass sich die Frage nach der Lern- und Besserungsfähigkeit unserer Spezies gleich miterledigt.

Dass derweil die Literatur zur Erziehung des Menschen taugen könnte, hält Różewicz für nicht weniger illusorisch. Wozu, fragt er in seinem abschließenden Selbstporträt, »grabe ich alte dumme Geschichtchen aus, von denen weder ich selber noch die anderen etwas haben?«. So spricht einer, der seine Kunst für wirkungslos hält. Im Kopf des Lesers zumindest entfalten seine Erzählungen enorme Wirkung, zumal sie sich – man blättere zurück in den politischen Teil dieser Zeitung – als zeitlos erweisen. Alles deutet darauf hin, dass die Werke des skeptischen Einzelgängers Różewicz auch im 21. Jahrhundert zu den wichtigen zählen.