Was ich an Deutschland nicht gut finde, ist die Tatsache, dass in zahlreichen Kolumnen die Einwanderung englischer Wörter ins Deutsche angeprangert wird, während die Englischredenden – um, dies als Zugeständnis an die Fremdworthasser, deren Ansichten ich nicht teile, wohl aber, als Erzliberaler, respektiere, das Fremdwort anglophon zu vermeiden – sich meines Wissens relativ, oh, das ist schon wieder ein Fremdwort, widerspruchslos mit der Einwanderung deutscher Wörter abfinden, wogegen ich es an Deutschland, ich spreche jetzt von Deutschland als Sprachraum, gut finde, dass man im Deutschen, auch und gerade im Schweizerdeutschen, extrem verschachtelte, auf den ersten Blick ausweglose Sätze bauen kann, wogegen keiner Kolumnen schreibt, wobei Schachtelsätze trotzdem halbwegs verständlich sein können, zumindest von der Richtung her, oder sogar sympathisch, denn lange Sätze haben was angenehm Unmäßiges, Obszönes, lange Sätze sind die Orgien der Sprache.

Das Folgende sind echte englische Sätze, die so oder so ähnlich in Zeitungen gestanden haben könnten. Party, party uber alles. Federweisser is zeitgeist, but he was schlepping hefeweizen like crazy. Oh, brother, look, this girl is a real laemmergeier. Verboten words, verboten things. Too much realpolitik is a strafe for the lumpenproletariat. The superheiss German model is fressing like a swine, and that’s why I will seil me ab from this party. Only doppelgangers and dummkopfs hanging around here, therefore I have no entscheidungsproblem. Haende hoch, hausfrau!

Deswegen dachte ich in der Unterschichtdebatte, dass die Unterschicht eigentlich ein idealer Exportartikel für das Englische wäre. I feel so unterschicht today. Don’t unterschicht me, my friend. These fuckin’ ole German politics are schichting me unter, buddy.

Eine Schicht, die ich sympathisch finde, ist der heruntergekommene Adel. Gegen den Adel als solchen hege ich soziale Reserven, weil man in den vergangenen Jahrhunderten zum Beispiel dafür geadelt wurde, dass man dem König das königliche Nachtgeschirr entsorgte. Nichts, dessen man sich schämen müsste, aber noch 800 Jahre später ausdrücklich darauf hinzuweisen, finde ich unappetitlich. Wenn aber erst einmal das letzte Schloss unter den Hammer gekommen ist und das letzte Bargeld in Monte Carlo verspielt, sind Adelige fast immer klasse Typen. Einmal habe ich bei einer Party einen ehemaligen Bild- Chefredakteur gesehen, der jetzt Pferdeschwanz trug und in einer Rockband spielte, der war auch nett. Sozialer Abstieg macht die Leute fast immer netter und interessanter. Nur beim Abstieg von der Mittel- in die Unterschicht funktioniert es nicht. Wenn aber die Oberschicht direkt in die Unterschicht absteigen würde, dann hätten wir in Deutschland auf einen Schlag 10.000 nette, interessante Menschen mehr. Beweis: der heruntergekommene Adel.

Aus folgendem Grund pflege ich mich zu den großen deutschen Debatten immer erst dann zu äußern, wenn diese bereits beinahe vorüber sind: I am built for comfort. I’m not built for speed .

Lebenszeichen 2006: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - inzwischen chronologisch archiviert »