Im Jahre 2004 erschien der erste Band einer dreibändigen Geschichte des »Dritten Reiches«, der die Phase des Aufstiegs des Nationalsozialismus bis 1933 behandelte. Der Verfasser, der britische Historiker Richard J. Evans, ist auch hierzulande bekannt geworden mit Arbeiten zur Geschichte der Todesstrafe in Deutschland und zur Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Nun liegt der zweite Band vor. Er behandelt auf mehr als 1100Seiten die Konsolidierung des NS-Regimes, die Errichtung der Führerdiktatur und die außenpolitischen Erfolge Hitlers bis zur Auslösung des Zweiten Weltkrieges. Die Darstellung ist systematisch gegliedert und enthält eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Politikfelder. Die Konzentration auf übergreifende Problemkomplexe kommt Evans’ ausgeprägtem sozialgeschichtlichem Interesse entgegen. Sie ermöglicht in gedrängter Form eindrucksvolle Analysen der inneren Entwicklung des Regimes, während die Schilderung der äußeren Politik eher eingefahrenen Gleisen folgt.

Evans legt große Sorgfalt auf die Schilderung des Repressionsapparates und die Manipulation der Wahlen, die Gleichschaltung der politischen und gesellschaftlichen Institutionen, die Ausschaltung tatsächlicher und potenzieller Gegner und die Einbindung der Reichswehr in den entstehenden totalitären Staat. Dabei wendet er sich gegen Bestrebungen, das Ausmaß der Repression gegenüber Tendenzen zur »Selbstgleichschaltung« der deutschen Gesellschaft zu unterschätzen, und betont nachdrücklich, dass die Politik sich innerhalb einer »alles beherrschenden Atmosphäre von Angst und Terror« abspielte. Andererseits räumt Evans ein, dass die Propaganda einen allerdings in den Inhalten ziemlich vagen »neuen Konsensus« zu schaffen vermochte. Hingegen sei Goebbels mit der Zielsetzung, »eine echte, langfristige geistige Mobilisierung des deutschen Volkes zu bewerkstelligen«, gescheitert. Vielmehr habe die Kombination von Propaganda und Terror bei der Bevölkerung eher einen »dumpfen Konformismus« ausgelöst.

Angestrebt war nicht weniger als eine Kulturrevolution

Evans’ meisterhafter Überblick über Initiativen des Regimes in der Literatur, den bildenden Künsten und im Musikleben beschreibt die vielfältigen Versuche, eine »Kulturrevolution« auszulösen und einen »neuen Menschen« zu kreieren, wobei Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander klafften. Die Architektur, auf die sich das Regime besonders kaprizierte, unterschied sich von den zeitgenössischen, überwiegend neoklassizistisch geprägten Trends nur durch ihre Gigantomanie; der Film verlor seine internationale Ausstrahlung; der Buchmarkt erschöpfte sich in rassistisch gefärbtem Heimatkult; die Musik schließlich fiel in eine antiwestliche Attitüde zurück; Theater und Oper vollzogen einen Eskapismus zu den Klassikern, selbst Wagner verschwand zunehmend von den Spielplänen wegen der überzogenen politisch-propagandistischen Inanspruchnahme seiner Musik. Die moderne Kunst wurde im Zeichen des »rassischen Realismus« unterdrückt und geächtet.

Nicht weniger eindrucksvoll ist Evans’ Schilderung der Religionspolitik, die weit hinter die angestrebte Gleichschaltung zurückfiel, nachdem das Experiment der evangelischen Reichskirche gescheitert war und der Konflikt mit dem Vatikan sich verschärft hatte. Evans konstatiert, dass das Regime sich in der Kirchenfrage am Vorabend des Zweiten Weltkrieges »in einem Zustand der Verwirrung und Unordnung« befand, weil es vor dem offenen Bruch mit den Kirchen zurückscheute. Evans wendet sich gegen die in der Forschung gelegentlich vertretene Tendenz, dem Nationalsozialismus den Rang einer »politischen Religion« beizulegen, da ihm die dafür erforderliche innere Kohärenz abging.

Die umfassende Untersuchung der Schul- und Erziehungspolitik des Regimes legt den Akzent auf die zunehmende Verminderung der Qualität des Schulunterrichts auf allen Stufen, sowohl infolge der rivalisierenden Initiativen der Hitlerjugend und des Deutschen Jungvolks als auch der Demoralisierung der Lehrer und des Mangels an Lehrernachwuchs. Der Niveauverlust der öffentlichen Schulen wurde durch die Errichtung der Napolas und Adolf-Hitler-Schulen noch beschleunigt, während die HJ ihre Attraktivität bei ihren Mitgliedern, auch wenn sie nicht mehr vom Vorbild der bündischen Jugend beeinflusst waren, zunehmend einbüßte.

In dem mit Kampf gegen den Intellekt überschriebenen Kapitel präsentiert der Autor eine zusammenfassende Darstellung der NS-Hochschul- und Bildungspolitik. Über die Ausschaltung jüdischer Hochschullehrer hinaus kam es zu einer bemerkenswerten Schrumpfung sowohl der Studentenzahlen als auch des Lehrkörpers mit Ausnahme der Medizin, die im Hinblick auf die Aufrüstung, teils den Ausbau der Rassenlehre extrem expandierte, aber auch hier begleitet von einem fühlbaren Qualitätsverlust. Die Gleichschaltung der Hochschulen vollzog sich ohne größere Widerstände, bewirkte aber mit Ausnahme von Teilen der expandierenden Naturwissenschaften beträchtliche Einbußen des Innovationspotenzials und eine zunehmende Isolierung von der internationalen Forschung.