Vor zwei Jahren erstaunte der amerikanische Sozialkritiker Jeremy Rifkin mit seiner Vision einer leisen Supermacht das Lesepublikum. Der Europäische Traum löst für Rifkin zusehends den verblassenden Amerikanischen ab. Der Alten Welt gehöre die Zukunft, als Modell einer gerechten Globalisierung. So viel Enthusiasmus war selbst wackeren Europäern ein wenig peinlich. Zu glanzlos ist der europäische Gang der Dinge derzeit, zwischen Institutionenkrise, Erweiterungsmüdigkeit, neuer Konkurrenz aus Fernost. Und da kommt diese Frohnatur vom anderen Ufer des Großen Teichs und erklärt mit Verve und materialreichem Ernst: Europa sei die neue »city upon a hill«, das verheißungsvolle neue Jerusalem.

Walter Laqueurs Essay Die letzten Tage von Europa ist die pessimistische Antwort auf Rifkins Traum. Unmöglich, »dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Europas wird«. Laqueur wundert sich, »wie solche Halluzinationen überhaupt hatten entstehen können« – und nennt Rifkin nicht einmal beim Namen. Sollte da zwischen den beiden etwas vorgefallen sein?

Zur Sache. »Angesichts seiner schrumpfenden Bevölkerung wird Europa… möglicherweise zu einem kulturellen Themenpark für betuchte Besucher aus China und Indien werden, zu einer Art Disneyland auf kulturell hohem Niveau – eine Art Brügge, Venedig, Versailles, Stratford-on-Avon und Rothenburg ob der Tauber in großem Maßstab«, schreibt Laqueur, da ganz Amerikaner, auch wenn der geborene Breslauer, Jahrgang 1921, Historiker und einer der Terrorismus-Analytiker, in London und Washington lebt. Bleibt uns Europäern also nur die Rolle des Museumswächters?

Die »demographische Krise« ist für den Autor nicht die einzige: Die unbewältigte Einwanderung aus muslimischen Ländern ist die andere große Veränderung, mit der Europa nicht fertig werde, meint Laqueur. Und sieht die Schuld zuerst bei den Zuwanderern: »Die muslimische Minderheit leistet weniger als andere und klagt stärker über Diskriminierung«, egal, ob man nun nach Deutschland, Frankreich oder Großbritannien blicke. Dann wieder macht der Autor die Wohlfahrtsbehörden verantwortlich, »die es nicht geschafft haben, die Immigranten in produktive Arbeit zu vermitteln«. So geht da manches durcheinander, wird beklagt, dass sich gefährliche Islamisten, getarnt als Asylsuchende, eingeschlichen hätten, und im nächsten Atemzug konstatiert, die Kirchen hätten sich vergeblich angestrengt, den religiösen Dialog in Gang zu bringen. Was denn nun: Jeder Immigrant ein heimlicher Islamist? Oder eher ein Opfer mangelhafter Aufnahme?

Ungenau ist Walter Laqueur leider auch, wo es um Geschichte und Zukunft der europäischen Einheit geht. »Als nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Schritte zur europäischen Einheit unternommen wurden, spielte die Idee einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik keine große Rolle.« Falsch, denn 1950 schlug der französische Premier René Pleven eine europäische Armee vor, was dann 1954 an der französischen Nationalversammlung scheiterte. Von da an spielte die Idee keine große Rolle mehr, bis der Maastrichter Vertrag und die Balkankriege in den neunziger Jahren sie zu neuem Leben erweckten.

Kritik ohne Kenntnis im Detail – wie ärgerlich!

»Aus dem Europa der Sechs wurde ein Europa der Neun«, rekapituliert Laqueur, »später der Zwölf und der Fünfzehn; nach dem Fall der Sowjetunion kamen noch weitere zehn hinzu. Der Europarat wurde gegründet, ein europäisches Parlament gewählt.« Hier geraten die Siebenmeilenstiefel des Autors ins Stolpern. Der Europarat wurde 1949 gegründet, lange vor der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1957), und das Parlament wird seit 1979 direkt gewählt, nachdem es über zwanzig Jahre lang nur Delegierte der nationalen Häuser empfangen hatte. Der Europarat ist überhaupt für den Autor (und seinen Übersetzer) ein heikler Begriff. European Council und Council of Europe sind zweierlei, das eine meint den Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs aus derzeit 25 Mitgliedsstaaten, das andere den Straßburger Europarat, in dem 46 Nationen zusammenarbeiten, darunter Russland und Moldau, der gar kein Organ der EU ist. Zu Recht beklagt Laqueur, dass heute an der europäischen Außenpolitik zu viele Akteure beteiligt sind – und wird gleich wieder nachlässig: »der Europarat, der Ministerrat der EU, die EU-Kommission etc.« Kritik ohne Kenntnis im Detail, wie ärgerlich.

»Glaubt man wirklich, dass die Zukunft der sanften Macht Europas gehöre, oder handelt es sich um Schönfärberei?« Für Walter Laqueur ist die Antwort klar. Nur verfehlt er dabei an der entscheidenden Stelle seines Essays den europäischen Wandel. Nie zuvor waren Soldaten aus Europa, gleich unter welcher Flagge, an so vielen Brennpunkten der Welt präsent. Wir schreiben das 21. Jahrhundert und nicht länger die neunziger Jahre des vergangenen, als Europa ohnmächtig den Balkankriegen gegenüberstand. Nirgendwo an den Schaltstellen europäischer Macht, auch in Brüssel nicht, glauben die Akteure ernsthaft, »dass die ganze Welt so sei oder in naher Zukunft so sein werde wie West- und Nordeuropa«.