Die Lage ist absurd. Ein Mann sitzt im Gefängnis, kommunistischer Umtriebe verdächtigt. Innerlich hat er der KPD abgeschworen, seit er von Stalins Gräueltaten erfuhr. Eben war er im Begriff, mit der Partei auch äußerlich zu brechen, da fasste die Staatsmacht zu. Um vor den Genossen nicht als Überläufer dazustehen, muss der Mann seinen Abschied vom Kommunismus vertagen. Auch die Ehefrau wird inhaftiert.

Das Jahr ist 1953, das Land die junge Bundesrepublik. Der Mann heißt Hermann Weber. Der Nestor der Kommunismusforschung, geboren 1928, veröffentlicht mit diesen Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten den zweiten Teil seiner Autobiografie. Der erste Band – Damals, als ich Wunderlich hieß – befasste sich vor allem mit Webers konspirativer Zeit an der SED-Parteihochschule. Dort, in der DDR, begegnete dem jungen Mannheimer Kommunisten die Genossin Gerda, die ihn dann nach Düsseldorf begleitete. Weber wurde Chefredakteur des Jungen Deutschlands, einer Postille der im Adenauer-Staat verbotenen FDJ. Gerda Weber war für den Westable- ger der DDR-Organisation Demokratischer Frauenbund Deutschland tätig.

Der spätere Bruch mit der Partei bedeutete für die Webers keine Abkehr von ihren marxistischen Überzeugungen – im Gegenteil. Die stalinistische Variante des Sozialismus empfanden sie zunehmend als Perversion der Marxschen Lehre: als »eigenständige Gesellschaftsform der totalen Diktatur, in der der Marxismus lediglich Verschleierungs- und Rechtfertigungsideologie ist«. Damit gerieten sie zwischen viele Stühle des Kalten Kriegs.

Nicht nur die (D)KP-Presse, auch die Publizistik der SED überzog den »Renegaten« Weber mit Hetze und Verleumdung. Selbst auf Entführung war er gefasst. Gehör und Anschluss fand er in Gewerkschaftskreisen und linken Zirkeln der SPD, der er – anfangs misstrauisch beäugt – 1955 beitrat. Webers Publikationen führten ihn in die Professur für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim.

Wie das Ehepaar in die Mühlen des Kalten Krieges geriet

Die Biografie der Webers spielt fern der üblichen Erzählungen bundesrepublikanischer Gründerjahre. Man begegnet linken Milieus und Menschen, die sonst bestenfalls von fern anklingen. Hierin liegt freilich auch ein Problem. Der Leser wird mit Namen überschüttet. Auch mit Daten seines Forscherlebens geht der Autor nicht gerade sparsam um. Die sind oft interessant, ob Weber nun in New York das verschollene Gründungsprotokoll der KPD entdeckt oder mit seiner Studie Ulbricht fälscht Geschichte die Ostberliner Führung zur Weißglut bringt.

Die große Geschichtserzählung ist nicht Webers Stärke. Bisweilen ächzt der Leser durch einen Parcours von entscheidenden Sitzungen, wichtigen Kontakten und allfälligen Tagungsreferaten: »Gemeinsam mit dem damaligen Rektor der Universität Mannheim, Eduard Gaugler, dem Prorektor, meinem Freund Wolfgang Hirsch-Weber und einigen anderen Kollegen besuchten wir im Oktober 1975 wieder Jugoslawien, diesmal unsere Partneruniversität in Sarajewo. Es wurde eine spannende, informative Woche mit vielerlei Begegnungen …« Von diesem Stil vermutlich selbst ermattet, überlässt Hermann Weber die Memoria streckenweise seiner Frau. Deren etwas flottere Kapitel markiert der Gatte allerliebst mit »Gerda erinnert sich«.