Eigentlich hätte der Mittwoch der vergangenen Woche ein fröhlicher Tag werden können. Der erste protestantische Erfurter Universitätsprediger sollte am Nachmittag feierlich in sein Amt eingeführt werden. Doch als Bischof Axel Noack und Elfriede Begrich, die Pröpstin der thüringischen Landeshauptstadt, in der Michaeliskirche eintrafen, stand ihnen die Beklemmung ins Gesicht geschrieben. Am Reformationstag vor der Augustinerkirche übergoss sich Pfarrer Roland Weißelberg mit Benzin und steckte sich in Brand BILD

Eben hatten sie eine Pressekonferenz hinter sich gebracht, in der sie über ein entsetzliches Geschehnis berichten mussten. Tags zuvor, ausgerechnet während des Festgottesdienstes zum Reformationstag im Augustinerkloster, hatte sich der pensionierte, im 73. Lebensjahr stehende Pfarrer Roland Weißelberg in einer Baugrube unmittelbar vor Martin Luthers früherem Kloster mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt.

Am Mittwoch um 14 Uhr, wenige Stunden vor der Investitur des Universitätspredigers, waren in der Hallenser Klinik die Geräte abgeschaltet worden, die den tödlich Verletzten noch am Leben hielten.

In seiner kurzen Investitur-Ansprache setzte der Magdeburger Bischof noch an, wie er es wohl auch getan hätte, wenn sonst nichts Besonderes gewesen wäre. Die Augenblicke vor dem Vespergeläute seien eine gute Zeit der Besinnung – das Tagewerk sei im Wesentlichen verrichtet, aber es könne noch viel geschehen.

Axel Noack, der in seiner ansteckenden Spiritualität schon so oft Menschen, die niedergeschlagen oder zornig waren, mit seinem herrlichen Satz besänftigt hatte: »Was hast du, die Welt ist doch schon gerettet«, musste nun bedrückt hinzufügen: »Aber es kann noch viel geschehen!«

Anschließend wurde ein kleiner Empfang im Kloster ausgerichtet, zu dem die Gäste unmittelbar an jener Tür der Augustinerkirche vorbeigehen mussten – die Baugrube lag inzwischen im Finsteren –, an der sich Weißelberg hatte Zugang zum Reformationsgottesdienst verschaffen wollen.

Am Dienstag war sie verschlossen gewesen, also ging er zur Seitentür, in der überfüllten Kirche waren nur ganz vorn noch einige Plätze frei. So wandte er sich ein letztes Mal ab. Nicht auszudenken: Wenn er seine Verzweiflungstat mitten in der Kirche, vor allen Gottesdienstbesuchern verrichtet hätte…