Er trägt noch immer jeden Tag die rote Stecknadel aus dem »Willy wählen«-Wahlkampf von 1972 und jetzt, wo es kälter wird, seinen roten Schal. Aber ist das wirklich noch »Münte«, der Traditionssozi, der Parteisoldat? Etwas hat sich verändert an Franz Müntefering, man kann es förmlich sehen. Während Gerhard Schröder sich äußerlich immer mehr zu einem Panzer entwickelt hat, ganz Kinn und Kreuz, sich verdichtet hat im Laufe der Jahre, ohne dabei dick zu werden, während die Kanzlerin immer mehr diffuse Mitte wird, ist Müntefering minimalistischer geworden. Als jüngst anlässlich der Schröderschen Selbstvermarktung Bilder aus den vergangenen Jahren im Fernsehen gezeigt wurden, sah man, wie der ehemalige Kanzler gealtert ist. Müntefering dagegen ist einfach – ja, was eigentlich? - karger, trockener, irgendwie Konzentrat seiner selbst geworden. Hüter der Großen Koalition: Vizekanzler Franz Müntefering BILD

Wer Franz Müntefering zum ersten Mal trifft, ist erstaunt, wie zierlich er ist. Die Methode Müntefering – Reduktion auf das Nötigste – macht nicht mal vor ihm selbst halt. Eine asketische, fast mönchshafte Aura umgibt ihn. Unnahbar erscheint er zuweilen denen, die ihm früher am nächsten standen, den eigenen Parteifreunden, während vom politischen Zwangsfreund größtes Lob zu hören ist: Bei aller Kargheit sei Müntefering »der Warmherzigste im Kabinett«, heißt es in Unionskreisen. Das Verhältnis zur Kanzlerin ist besser, als beide zugeben.

Einen »starken, überlegenen Eindruck« habe Franz Müntefering gemacht, berichtet ein Teilnehmer nach dem Besuch des Vizekanzlers beim Fraktionsvorstand der Union am Montagabend. Freundlich sei die Begrüßung gewesen, mehr als nur freundlich die Verabschiedung. Die eigene Partei dagegen fremdelt. Im SPD-Parteirat schlug Franz Müntefering kürzlich Schweigen entgegen, als er erklärte, dass die Gesundheitsreform zwar mangelhaft sei, man aber trotzdem zustimmen müsse, ja mehr noch: »Wir müssen es nicht nur müssen. Wir müssen es auch wollen.«

Es, das ist der gemeinsame Erfolg der Regierung. Die Parteisicht muss hintenanstehen. In der SPD sprechen sie spöttisch von »Franzens neuer Dialektik«. Das Problem damit sei, dass die nur »beim Franz« selbst funktioniere. Doch Müntefering ist längst nicht mehr »der Franz«, er ist Vizekanzler und mehr, er ist der Garant der Großen Koalition. Für einige in der SPD ist das ein Problem, für die Regierung ein Glücksfall.

Macht erringen, Posten besetzen, mehr Macht erringen, aufsteigen, das müssen Politiker wollen. Franz Müntefering ist neben Wolfgang Schäuble der Einzige in der Regierung, der nichts mehr müssen muss. Das nächste Amt sollte sein letztes sein, das hatte er für sich so entschieden, damals vor über einem Jahr, als er sich mit Gerhard Schröder zu Neuwahlen entschloss. Dass seine letzte Station das Amt des Vizekanzlers sein würde, war ihm klar, noch bevor Schröder verstanden hatte, dass er nicht mehr Kanzler sein würde.

Freitagabend, die meisten Mitarbeiter des Arbeits- und Sozialministeriums sind längst gegangen, Müntefering sitzt in seinem Büro. Am Morgen hat er beim Finanzgipfel der Großen Koalition die Forderung des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) nach einem Aufweichen von Hartz IV abgeräumt, geräuschlos, wie es seine Art ist. Es ging um die Verwendung der Milliardeneinnahmen des Staates. Man könne schon über eine Senkung der Arbeitslosenversicherung reden, sagte Müntefering, aber dann dürfe es keine weiteren Maßnahmen geben, die Geld kosten. Den Namen Rüttgers erwähnte er gar nicht. Die Kanzlerin sagte schnell ja. Manchmal ist Müntefering ihr bester Verbündeter gegen die Gegner in der eigenen Partei.

Die sozialpopulistischen Sticheleien von Rüttgers ärgern Müntefering wirklich, er hält sie nicht nur für unehrlich und handwerklich unausgegoren, sie zielen aufs Zentrum all dessen, was er zu seinem Ziel gemacht hat. »Als klar war, dass Gerhard Schröder und Wolfgang Clement nicht mehr dabei sein würden, wusste ich, dass Teile meiner Partei Lust haben würden, hinter die Agenda 2010 zurückzufallen«, sagt Müntefering. Das zu verhindern, den Kurs durchzuhalten, hat er zu seiner neuen Aufgabe gemacht. Die Agenda 2010, die Neuwahlen, die Große Koalition – zwischen all dem besteht für ihn ein innerer Zusammenhang. Der dritte Schritt muss richtig sein, damit die beiden ersten nicht falsch waren.