Irgendwann hatte sich die geistige Physiognomie des jungen Profis herausgebildet, erweitert um Attitüden. Wo immer er sich aufhielt, drängte es Gould in den Mittelpunkt; »atemberaubendes Selbstbewusstsein« attestierte ein Freund. Immer noch war er ein »sehr liebenswerter, netter Junge«, aber er mochte ausschließlich über Musik reden und ließ keine Meinung außer seiner gelten. Das Puritanische seiner Erziehung verbündete sich bald höchst denkwürdig mit seiner privaten Musikästhetik. Zwischen Bach und Wagners Tristan, den er bewunderte, war ein blinder Fleck, eine Zone des Verwerflichen; auch die Sinnlichkeit Verdis und Puccinis kam ihm »äußerst unbehaglich« vor. Das erklärt, warum Gould später große Bögen um Schumann, Liszt, Chopin, Rachmaninow, ja die ganze sündige romantisch-virtuose Klavierliteratur machte. Goulds Sittenstrenge schien auch mit ästhetischen Scheuklappen bewehrt. Bei Schönberg hingegen war alles »durchorganisiert«, mit dem Kopf zu lesen und zu verstehen. Schönbergs Satz, dass »jede Note auch wirklich gehört werden soll«, ist ein Generalschlüssel zu Goulds Klaviertechnik.

Solange er sie nicht vor Publikum ausleben musste, gestattete sich Gould pikante private Leidenschaften. Insgeheim verehrte er Pianisten, die in der »Tradition hemmungslosen Genießens« standen, und seine Lieblingsoper war Hänsel und Gretel. Überhaupt ging es kreuz und quer. Heute wollte Gould Organist werden, morgen Komponist, übermorgen Autor, dann Fernsehproduzent, schließlich wieder Studiopianist. Aus der Karriere als Tonsetzer konnte, weil sich sein Stolz gegen Unterricht wehrte, nichts werden. Er begann gigantische, wühlend spätromantische Kompositionen, um sie nach ein paar Seiten fahren zu lassen. Der Meister in feiner Selbstironie: »Ich habe mich auf unvollendete Stücke spezialisiert.«

Publikum stört, Applaus ist grässlich, Fans sind eine Plage

Wer jeden Tag ein neues Leben ausheckt, braucht ein paar Konstanten. Zwanzig Jahre lang ging Gould in Toronto mehrmals die Woche ins Shangri-La Gardens und nahm stets in der äußersten Ecke Platz. Er verabscheute Gesellschaft, wie er auch Zuhörer im Konzertsaal verabscheute. Musikalische Auftritte sollten »Liebesaffären« sein, die vollzog man besser privat. Für das Zirkusereignis Konzert war jenes brillante Teufelszeug besser geeignet, das er ja mied wie die Pest. Die Gould-Doktrin war unerbittlich puritanisch: Publikum stört, Applaus (»leicht auslösbare Massenreaktion«) ist grässlich, Tourneen sind entsetzlich und Fans eine Plage. Weil sie ihm auch im Hotel auflauerten, trug er sich an der Rezeption oft unter dem Namen seines Lieblingskomponisten ein: Orlando Gibbons.

Die unabweisbare Konsequenz der Gould-Doktrin übermächtigte die Fans wie ein Schock: 1964 trat er von der Bühne ab, um sich nur noch im Studio und bei der geliebten CBC aufzuhalten, die seine zweite Heimat wurde. Im Sender saß er gern, um Kaffee zu trinken, mit den Leuten zu plaudern und sich Tratsch erzählen zu lassen; Gould liebte Geselligkeit, sofern sie unter seinen Bedingungen stattfand. Bei der CBC plante er ein Leben vollends in medialen Kategorien: Fernsehserien, Radiofeatures, Dokumentationen. Natürlich faszinierten ihn als Pianisten die Möglichkeiten der Schneidetechnik. Die Chance, ein Stück in lauter Takes zerlegen und dann zusammenflicken zu können, nannte Gould jubilierend den »kreativen Betrug«. Er liebte diese Fakes. Dass er der Welt als Live-Pianist abhanden kam, bedeutete für Gould überdies die finale Befreiung zur Einsamkeit. Nachts im Studio, nur er, ein Klavierstimmer und ein Techniker, bis fünf Uhr morgens – das war ein Leben!

Bazzana operiert meisterlich mit Leitmotiven, die er aber nicht künstlich einblendet – sie ergeben sich aus der staunenswerten Ereignislosigkeit des Lebens. Gould, eingefleischter Kanadier, liebte den Norden, hasste das Reisen, gewann gern beim Monopoly, ging selten mit Mädchen aus, hatte nur eine längere sexuelle Beziehung zu einer Frau und verhielt sich überhaupt ungesund. Er saß krumm und aß, was da war. Andererseits war ihm die Gesundheit ein ängstlich bewachtes Gut, er wappnete sich mit Bergen von Medikamenten, die ebenso anekdotisch zur Gould-Literatur gehören wie die stets dicken Mäntel und Handschuhe im Hochsommer. Es zählt zur tragischen Ironie seines Lebens, dass er 1982, mit 50 Jahren, an einem nicht schnell genug erkannten Schlaganfall starb.

Nie lässt sich Bazzana – das macht den Rang dieses epochalen Buches aus – auf nassforsche Deutungsmetaphorik ein. Er spekuliert nicht über die Fakten hinaus. Wenn er resümiert, tut er es scharf. So nennt er Gould »einen Enthusiasten, der sich die Erregbarkeit der Jugend bewahrt hat; er konnte keine neue Idee, keine neue Sache aufnehmen, ohne sich gleich für einen Experten auf dem Gebiet zu halten.« Genauer, heiterer, liebevoller ist der geheimnislos geerdete, immer den Himmel suchende Mensch Glenn Gould hinter dem gottvollen Klavierspieler noch nicht gewürdigt worden.