Die Euphorie über die Globalisierung ist vorüber, ihre Propagandisten sind kleinlaut geworden. Dabei waren die Versprechen, die nach dem Fall der Mauer in die Welt gesetzt wurden, durchaus faszinierend. Wenn die Weltwirtschaft schrankenlos wachse und gedeihe; wenn auf dem Erdkreis alle Handelshemmnisse beseitigt und die Kapitalinvestoren überall freie Hand bekämen, dann werde die Menschheit einer leuchtenden Zukunft entgegensehen. Früher oder später würde der Wärmestrom der Globalisierung alle Boote erfassen, auch die der Armen und Elenden, und sie hinaustragen in ein Meer aus Wohlstand und Freiheit. Erdaufgang BILD

Kaum jemand hat kenntnisreicher seine Zweifel an diesem marktgängigen Zukunftsversprechen vorgetragen als Joseph Stiglitz, seines Zeichens Nobelpreisträger für Ökonomie, ehemaliger Chef-Volkswirt der Weltbank und Berater der Clinton-Regierung. Stiglitz weiß, wovon er spricht, denn er ist aus Erfahrung klug geworden. Viele Weichenstellungen der neunziger Jahre, schreibt er selbstkritisch, seien falsch gewesen, ungerecht und von westlicher Arroganz getragen. Deshalb zweifelten immer mehr Menschen daran, »dass die Kosten der Globalisierung – niedrige Löhne, wachsende Arbeitslosigkeit – die vermeintlichen Vorteile überwiegen«.

Globalisierung ist für Stiglitz kein Schicksal; sie ist das Ergebnis politischer Steuerung und der Durchsetzung ökonomischer Theorien. Wären die Weichen anders gestellt worden, wäre es heute um die Welt besser bestellt. Entsprechend trostlos fällt in seinem neuen Buch Die Chancen der Globalisierung die Bilanz aus. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen oft arm geblieben. Die Globalisierung hat weniger Menschen zu Wohlstand gebracht als erhofft; nur Indien und China bilden die spektakulären Ausnahmen. »Obgleich der Prozentsatz der in Armut lebenden Menschen rückläufig ist, steigt die absolute Zahl der Armen weltweit.«

Die Behauptung, Reichtum werde auf natürlichem Wege von oben nach unten zu den Armen durchsickern (»trickle down«), sei eine Fabel. Die Forderung, der Nationalstaat müsse sich klein machen wie eine Mücke und dem Elefanten des Kapitals das Feld überlassen, führe auf einen Irrweg. Tatsächlich erzeugten Märkte nicht von sich aus effiziente Ergebnisse oder »lösen das Armutsproblem«; womöglich werde es noch verschärft. Nur in der mythischen Welt der Freihandelsbefürworter komme der Abbau von Handelsschranken allen Menschen zugute, denn die »unsichtbare Hand des Marktes ist unsichtbar, weil es sie gar nicht gibt«. Auch der gern gesungene Refrain, Märkte sorgten langfristig für Vollbeschäftigung, sei falsch, denn langfristig »sind wir alle tot«.

Warum heute immer mehr Menschen glauben, die Globalisierung sei nur benutzt worden, um das angloamerikanische Wirtschaftsmodell durchzusetzen, ist für Stiglitz leicht zu erklären: Die Welthandels- und Weltfinanzordnung ist strukturell ungerecht; in ihr »fließt das Geld von unten nach oben«, von den Armen zu den Reichen. »Die Mindereinnahmen, die die reichen Ländern den armen Ländern durch Handelshemmnisse bescheren, sind dreimal höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die sie leisten.« Mit begründetem Argwohn betrachtet Stiglitz das Treiben des Internationalen Währungsfonds (IWF), denn dieser »dient in erster Linie den Interessen der Industrieländer« und verfahre nach der Devise: »Wer hat, dem wird gegeben«.

So habe der IWF in Indonesien Geld bereit gestellt, um Bankenforderungen zu decken. Kein Geld gab’s, um Nahrungsmittel für Bedürftige zu subventionieren. Auch am Sachverstand dieser mächtigen Institution meldet Stiglitz Zweifel an. Bei der Asienkrise versagte sie; »in praktisch allen Fällen, in denen die Rezepte des IWF ausprobiert wurden, haben sie den Abschwung« verschlimmert. Absurd ist für ihn auch die Praxis des IWF, jede Art von Defizitverringerung zu belohnen, auch das Abholzen von Wäldern oder die Verschleuderung von Staatsvermögen.

Der Marktfundamentalismus hat Schiffbruch erlitten