David Grossman sieht sehr verändert aus. Der Tod seines 19-jährigen Sohnes Uri, der im jüngsten Libanon-Krieg in seinem Panzer ums Leben kam, hat sich deutlich in die Gesichtszüge des Schriftstellers eingegraben. Er gehört nun auch jener ständig wachsenden Gruppe der trauernden Eltern an, die in Israel einen ganz besonderen Status genießen. Ihre Worte haben Gewicht. Als der prominente Schriftsteller bei einer Tel Aviver Kundgebung anlässlich des elften Todestages von Jitzhak Rabin vors Mikrofon trat, konnte er sich einer riesigen Zuhörerschaft sicher sein. Wer ihm zugehört hat, wird sich noch lange an die Rede erinnern, die direkt im Fernsehen übertragen wurde. Auch wenn manche mit ihm nicht einverstanden sein mögen. Denn längst nicht alle Israelis teilen Grossmans Friedensvision. Doch traf er in vielen Punkten auch bei jenen einen Nerv, die sich fern vom linken Lager befinden. Wenn er ein Land beschreibt, das sich in fast allen Bereichen in einer tiefen Krise befindet, oder die hohlen Führungsschichten anprangert, die kurzsichtig handeln, inkompetent reden und sich von einer Polizeiuntersuchung zur nächsten hangeln.

Das Missmanagement des Libanon-Kriegs hat zutage gefördert, was schon lange gärte: ein tiefes Misstrauen der Wähler gegenüber der herrschenden Klasse. Noch nie war das allgemeine Vertrauen in den Staat und dessen Institutionen so gering wie heute. In einer Umfrage vom Anfang November erklärten 80 Prozent der Israelis, dass die in der politischen Führungsschicht verbreitete Korruption sie daran hindere, auf ihren Staat stolz zu sein. Mehr als die Hälfte der Befragten vertraut nicht mehr auf öffentliche Institutionen, wenn sie auf Hilfe angewiesen sind. Selbst die Armee ist nicht mehr ausgenommen von der Kritik. Bisher hat Premier Ehud Olmert nur mit einer Kabinettsumbildung reagiert, die den sich stark gebenden Avigdor Lieberman von der rechten Partei Israel Beitenu in ein Ministeramt brachte.

Zur inneren Krise kommt die äußere Bedrohung, die lange nicht mehr so stark verspürt wurde: Da sind Hamas und Hisbollah direkt an der Grenze, dahinter stehen Syrien und Iran. Die jüngste Offensive der israelischen Streitkräfte im Gaza-Streifen hat viele palästinensische Opfer gebracht, aber keinen Erfolg von Dauer gegen die Kassam-Raketen.

Am Dienstag hat die Armee denn auch die Offensive beendet. Insgesamt ein desolates Bild, auch wenn 73 Prozent der Israelis glauben, dass Israel für sie dennoch der beste Ort zum Leben sei. Das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr.

Und was sagt Ehud Olmert dazu, an den Grossman direkt appelliert? Er habe die Rede nicht gehört, sondern nachgelesen, erklärte der Ministerpräsident in einem Fernsehinterview. Grossman habe viele Leute inhaltlich und formal beeindruckt. Ich kenne ihn, sagt der Premier.

Wir haben uns immer gestritten, weil seine Position weit links lag und er dort verharrte. Ich weiß nicht, ob er sich erinnert, dass ich erst seit sechs Monaten Ministerpräsident bin und seither viele Dinge passiert sind.

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