Mangelnden Ehrgeiz muss sich Esbjörn Svensson von niemandem vorwerfen lassen. Eines Morgens im letzten Frühjahr, als sich das schwedische Trio e.s.t. zu Plattenaufnahmen im Studio traf, zog der Pianist einen dicken Stapel mit Noten zu 24 Präludien und 24 Fugen in allen Dur- und Moll-Tonarten aus der Tasche. Vermutlich hätten sich noch viel größere Geister bereits an der reinen Klavierversion eines Wohltemperierten Klaviers Revisited die Finger wund komponiert - Svensson aber betrachtete seine kontrapunktisch gearbeiteten Kunstwerke nur als das Basislager für Ausflüge mit seinen Freunden Dan Berglund (Kontrabass) und Magnus Öström (Schlagzeug) ins Hochgebirge der gemeinsamen Improvisation.

Obgleich es derzeit wohl keine zweite Jazzkonstellation auf der Welt gibt, die sich in ihrem überwiegend selbst geschaffenen musikalischen Universum derart blind versteht und vertraut wie e.s.t.: Das konnte nicht gutgehen. Zu viele Töne!, fanden Berglund und Öström, nachdem sie, über Svenssons Fugen brütend, eine Weile ihr Bestes gegeben hatten. Zu viel Komposition, zu wenig Atem! Betrübt stopfte Svensson, nicht nur dem Namen nach der Leader des Trios, seine Noten wieder in die Tasche zurück. Schließlich sind die beiden Kollegen alles andere als Befehlsempfänger. Wenn nicht alle drei von einem neuen Stück, schon gar von einer Idee für ein ganzes Album, überzeugt sind, dann wars das eben.

Seit 13 Jahren spielt das Esbjörn Svensson Trio in unveränderter Besetzung zusammen. Die erste Club-Tour durch Deutschland liegt sechs Jahre zurück, und schon damals verströmte dieses eigenartig zwischen Seelenbalsam und Headbanging oszillierende Trio die Faszination eines überaus seltenen Naturereignisses. Seitdem hat sich e.s.t. mit staunenerregendem Tempo an die vordersten Plätze der Jazz-Verkaufslisten in Deutschland, England, Frankreich und Japan emporgearbeitet. Der vorläufige Höhepunkt der Weltkarriere ereignete sich im vergangenen Mai, als das amerikanische Jazzmagazin Down Beat die drei Schweden auf den Titel hob eine Ehre, die zuvor noch keinem europäischen Jazzmusiker widerfahren war. Europe Invades! stand mahnend als Schlagzeile darunter.

Die Bühne des Konserthuset von Göteborg bietet einem kompletten Sinfonieorchester Platz, doch die drei Instrumentalisten sind so dicht aneinander gerückt wie im Wald verirrte Kinder in der Dämmerung. Bloß in Tuchfühlung bleiben, selbst wenn die Hallen immer riesiger werden.

Es ist der Beginn eines neuen europaweiten Marathons. Im Konzert ist von den ebenso strengen wie luziden pianistischen Etüden im Kontrapunkt fast jede Spur getilgt. Svensson lässt den nagelneuen Steinway singen und schafft zugleich Momente größter Innerlichkeit.

Immer wieder klingt eine Neigung zur hypnotischen Wiederholung durch, zur intensiven Reduktion, zur Trance. Die Hingabe an die dunklen emotionalen Valeurs der Musik zieht Svenssons Sinn fürs Hymnische und für schöne Melodien in eine andere Tiefe, ein Schelm, wer Jarrett dabei denkt. In seinem Zusammenspiel mit Dan Berglund und Magnus Öström hört man eine ungeheure Disziplin und einen ebenso großen Freiheitswillen. Unmöglich zu sagen, wo das gut Geprobte ins spontan zugleich Artikulierte übergeht. Kein Wunder, dass der Bassist und der Schlagzeuger ausgeschriebene Fugen nicht so mögen - beim Improvisieren zu dritt sind sie selbst so etwas wie der lebende Kontrapunkt.

Ich liebe alten Jazz, spiele ihn aber nicht, sagt Esbjörn Svensson.