Kann der Papst ein Kind haben? Nun ja, es ist denkbar. Doch kann sein Kind auch wieder Papst sein? In den heiligen Hallen der Forschungsgesellschaft für Energietechnik und Verbrennungsmotoren GmbH (FEV) in Aachen sitzt Stefan Pischinger und gibt sich bescheiden. Die Bezeichnung »Motorenpapst« weist er von sich. Sie gehört seinem Vater, Franz Pischinger, dem Firmengründer und Guru in der Szene der Motorenentwickler. Doch offenbar lebt es sich auch im Schatten des Papstes recht gut. Vielleicht weil das Geschäft der Pischingers eine gewisse Diskretion voraussetzt. Bei ihnen nämlich geben sich konkurrierende Automobilindustrielle aus aller Welt die Klinke in die Hand – oder eher: Sie müssen aneinander vorbeigeschleust werden. Besser, man weiß nicht voneinander. Jedes Wort zu viel an die Konkurrenz kann bares Geld kosten. Pischinger und seine 1000 Mitarbeiter in Aachen (weltweit sind es 1400) sind Geheimnisträger. Im Aachener Motorenentwicklungsbetrieb FEV BILD

Die FEV ist ein Musterbeispiel für das, was man das »Aachener Kuschelmodell« nennen könnte. Auf geradezu unnachahmliche, fast unheimliche Weise sind in Aachen Wissenschafts-, Wirtschafts- und Bildungsstrukturen verschränkt und vernetzt. Mit offenbar fruchtbaren Folgen. Sieht man vom Aufstieg der Alemannia in die erste Fußball-Bundesliga ab, ist Aachen seit einiger Zeit insbesondere als »Leuchtturm« der Forschungslandschaft in die Schlagzeilen geraten.

Stefan Pischinger verkörpert das Kuschelmodell in mehrfacher Hinsicht: Er leitet nicht nur seine Motorenschmiede, sondern ist auch Inhaber des Lehrstuhls für Verbrennungskraftmaschinen und Leiter des Instituts für Thermodynamik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH). In all diesen Funktionen hat er – in der Community durchaus unüblich – 1997 seinen Vater, den Motorenpapst, beerbt. Die Hochschule sah sich ehedem wegen des Vorwurfs der Vetternwirtschaft (eigentlich: Väterwirtschaft) veranlasst, mit einem Zusatzgutachten den Eigenwert des Juniors zu belegen (der immerhin am Bostoner MIT promoviert hat).

Dort in Boston hat man keine Werkstätten. Sondern Labs. Auch in Aachen arbeitet man in hellen Hallen, an aufgeräumten Arbeitsplätzen. Irgendwie unölig wirkt die Umgebung. In diesen Laboren zur Spezialbehandlung hochgezüchteter Triebwerke wird geforscht und entwickelt. Aber was genau? Schwer herauszukriegen. Selten steht, wo FEV drinsteckt, auch FEV drauf. Nur von ein paar historischen Erfolgen darf Pischinger reden. So entstand in Aachen der erste Diesel für einen Jaguar. Auch der erste serienproduzierte Rußpartikelfilter, für den Peugeot so viel Lob bekam, ist ein Pischinger-Baby.

Doch was hier aktuell entsteht, ist top secret. Es geht um die Motoren der Zukunft, um neue Technologien für Auto, Lok und Schiff. Um Hybridantriebe, Brennstoffzellen, supersparsame und superstarke Triebwerke. Auf der firmeneigenen und komplett abgeschirmten Teststrecke im nahen Alsdorf drehen Prototypen ihre Runden, die Auto-Paparazzi nur zu gern »abschießen« würden.

Die Forschungsprojekte entstehen überwiegend im Kundenauftrag. Bei einer Firmenbesichtigung sieht man darum jede Menge blauer Lappen, die bedecken, woran die FEV-Spezialisten gerade arbeiten. Kein Externer darf erfahren, dass – zum Beispiel – hier Motoren von Premiumherstellern zerlegt werden. Am Ende gar Motoren mit Problemen. Vielleicht geht es auch um »Benchmarking«. Das Vergleichen mit der Konkurrenz ist ein gern genutztes Angebot der Aachener, der Kunde will wissen, wo sein Motor in punkto Effizienz, Emissionen und Krach im internationalen Wettbewerb steht.

Der Mix aus anwendungsorientierter Forschung und direkter Belieferung des Marktes mit Produkten und Dienstleistungen ist kennzeichnend für das Aachener Modell. Das hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts prächtig entwickelt und wurde zum Erfolgsmodell, das andere Hochschulstandorte vor Neid erblassen lässt. Im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern zur Förderung der Spitzenforschung landete Aachen unter den besten Zehn und bekam eine Graduiertenschule und zwei Exzellenzcluster bewilligt.