Günter Grass hat ein Haus in Dänemark, und als ob es nicht schon genug Ärger gäbe in diesem Herbst der alten Männer, die sich um das geistige Erbe der untergegangenen BRD streiten, muss sich der Nobelpreisträger nun auch noch mit den Behörden in Dänemark herumschlagen. Es gibt bestimmte Auflagen, unter denen Ausländer dort Ferienhäuser besitzen dürfen - bei Grass gibt es, so scheint es, noch ein paar Unklarheiten.

Schon Siegfried Lenz hatte ein dänisches Immobilienproblem. Ihm wurde in den Neunzigern der Kauf eines Hauses verweigert.

Einst strahlte der Norden als geistiger Zustand kräftig in dieses Land hinein.Der Himmel dort war weiter, die Landschaft karger, die Vision klarer. Es waren die sechziger und siebziger Jahre, als im Norden die Möbel moderner und die Formen strenger waren als im Rest von Europa, als die Demokratie menschlicher war und die Freiheit, die viele mit Dänemark, Finnland oder Schweden verbanden, besonders für linke Intellektuelle etwas Idealisiertes und fast schon Utopisches hatte.

Ein paar Jahre zuvor hatten die Deutschen noch ihr Glück im Süden vermutet. Die Italien-Sehnsucht der fünfziger Jahre hatte dabei etwas dezidiert Unpolitisches, etwas Fluchthaftes, etwas Frivoles, getrieben von der Sehnsucht nach einem heiteren Rausch des Vergessens. Der Weltkrieg und seine Verbrechen waren auf einmal sehr weit weg. Jetzt wandten sich die Dichter und Denker wieder nach Norden und dieser Richtungswechsel war bei ihnen meistens auch mit einer politischen Perspektive verbunden.

Der Norden, das war ja nicht nur ein Design- und Demokratieparadies - der Norden, das bedeutete auch Brecht, Peter Weiss, Ernst Cassirer und Brandt im Exil, das bedeutete die Erinnerung an eine Fluchtbewegung, die über einige Umwege wieder direkt ins Herz jener BRD geführt hatte, die versuchen wollte, so heiter, so offen zu sein wie die Nachbarn dort oben. Ein Haus in Dänemark bedeutete mehr als Sand und Meer. Ein Haus in Dänemark war das lebensweltliche Pendant zu Brandts Mehr Demokratie wagen. Wie die Jacobsen-Stühle. Wie die Poulsen-Lampen.

So wollte die Demokratie damals wohnen, so wollte sie leben. So, mit Jacobsen-Stühlen und Poulsen-Lampen, will sie übrigens heute wieder wohnen und leben, in den Lofts von Berlin oder in den Altbauwohnungen von München und Hamburg. Es sind die Enkel von Grass, die sich diese Lampen, diese Erinnerungen kaufen. Grass und sein Haus in Dänemark wirken dabei wie ein politisches Echo im BRD-vergessenen Deutschland.

Ein schöner Stuhl war damals mehr als nur ein Möbel, ein Haus mehr als Haus. Es war ein Stück Weltanschauung.