Nikosia

Kypriakos Myrianthis hat auf Zypern einige Berühmtheit erlangt. Der 68-jährige Grieche ist in sein Heimatdorf Davlos zurückgekehrt, das im türkischen Norden der Insel liegt, von wo er, mit weiteren 160000 Griechen, vor drei Jahrzehnten vertrieben worden war. Dort, in der kleinen 250-Seelen-Gemeinde, die heute auf Türkisch Kaplica heißt, will er partout seinen Lebensabend verbringen. Und siehe da: Zeitungen auf beiden Seiten priesen den Fischer als Vorbild für die Lösung eines Problems, an welchem Politiker aller Couleur so gründlich scheitern, dass Zypern nun der Anlass für einen Bruch zwischen der EU und der Türkei zu werden droht.

Dabei schien die Teilung überwindbar: Seitdem Mauer und Stacheldraht 2003 von Norden aus durchlässiger wurden, hat sich der bis dahin verschwindend kleine zu einem beachtlichen Grenzverkehr ausgewachsen.

Täglich passieren viele türkische Bauarbeiter und Grenzgänger mit Einkaufstüten die grüne Linie. Der von den UN und der EU geförderte Masterplan für den Wiederaufbau von Wohnungen und Geschäften in der einstigen Kampfzone lässt die Sollnahtstellen erkennen, an denen Zypern wieder zusammenwachsen kann.

Ringsumbrandet, wie der Dichter Hesiod die Insel einst besungen hat, verkörpert Zypern das antike und frühchristliche Erbe Europas: Aphrodite soll hier dem schäumenden Meer entstiegen sein, der Apostel Paulus begann dort sein Missionswerk, Cicero wirkte als römischer Gouverneur, und lange florierte Zypern als neutraler Ort zwischen Orient und Okzident. Doch die ethnische Entmischung des osmanischen Vielvölkerreiches und die Feindschaft von Griechen und Türken zementierten auch auf dem seit 1960 unabhängigen Zypern einen schroffen Gegensatz. Die griechische Mehrheit hielt sich ebenso an ihr Mutterland wie die türkische Minderheit - von konservativen Militärs dominierte Regierungen in Athen und Ankara setzten hier auf Anschluss (Enosis) und dort auf Teilung (Taksim). 1974 fiel die türkische Armee im Norden ein. Die Entscheidung zum Einmarsch fällte Bülent Ecevit, Sozialist, Nationalist und mehrfacher türkischer Premier, der Anfang der Woche gestorben ist. Der Nordteil Zyperns erklärte sich 1983, von Griechen gesäubert, für unabhängig. Auf rund einem Drittel des Staatsgebietes leben 150000 türkisch-zyprische Einwohner, darunter Neusiedler vom türkischen Festland und 30000 türkische Soldaten. Es entstand eine Mauer auf Dauer (Dossier der ZEIT Nr. 48/83).

Diese Hypothek übernahm die EU sehenden Auges mit dem Aufnahmeantrag Zyperns. Rein wirtschaftlich betrachtet, wirkte Zypern jedoch wie der ideale Beitrittskandidat, als einziger Nettozahler mit einem prosperierenden Dienstleistungssektor. Doch nachdem im April 2004 ein UN-Friedensplan an der satten Ablehnung der griechischen Zyprer scheiterte, konnte auch der Beitritt die Teilung nicht mehr überwinden. Zwar gab sich die Führung der nur von der Türkei anerkannten Republik Nordzypern europafreundlich. Der kompromissbereite Präsident Mehmet Ali Talat drängte die Hardliner um Rauf Denkta und die Demokratische Partei seines Sohnes Serdar in die Opposition. Aber dafür war die Regierung Tassos Papadopoulos im griechischen Nikosia an Sturheit und Borniertheit kaum noch zu überbieten. Sie stiert zurück in die unbewältigte Vergangenheit und hängt an der Zypernfrage, wie die Kalten Krieger seinerzeit am Fortbestand der deutschen Frage hingen.

In uralten Klientelbeziehungen verhaftet, besitzt kaum einer der Provinzpolitiker, gleich welcher Couleur, ein Gespür dafür, wie der Kalte Kleinkrieg die europäische Integration Zyperns gefährdet und überdies die Perspektive der Insel als ökonomische Drehscheibe und politischer Vermittler im Mittleren Osten. Zypern ist heute der größte Stolperstein für die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Viele Gegner, die andere Gründe ihrer Ablehnung nicht klar benennen wollen, nehmen diesen Konflikt zum hochwillkommenen Anlass.