DIE ZEIT: Herr Gauck, in der Neufassung des Stasi-Unterlagengesetzes (StUG) sollen bisherige generelle Überprüfungsmöglichkeiten auf Stasi-Mitarbeit entfallen. Haben sie ihren Zweck erfüllt?

Joachim Gauck: Ja, weitgehend. Die Masse der Überprüfungen des öffentlichen Dienstes in Ostdeutschland ist erledigt.

ZEIT: Bis heute werden aber doch regelmäßig Stasi-Verstrickungen bekannt, sei es bei Sportfunktionären, sei es in Kommunalverwaltungen.

Gauck: Vielleicht sind nicht alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst überprüft worden. Die so genannte Regelanfrage war ja keineswegs gesetzlich zwingend, sondern eine freiwillige Verpflichtung, die den öffentlichen Dienst vertrauenswürdig machen sollte. Manche Bürgermeister haben das ein bisschen lax genommen.

ZEIT: Opferverbände, Bürgerrechtler und Gedenkstättenleiter protestieren deshalb gegen die Novelle. Sie fordern eine Entfristung der Überprüfungsmöglichkeit. Warum protestieren Sie nicht?

Gauck: Weil ich das Prinzip der offenen Aufarbeitung nicht gefährdet sehe. Die vorgebrachten Einwände waren aber wichtig, um etwa das beabsichtigte Verbot, Stasi-Mitarbeitern ihre Verstrickung im Rechtsverkehr vorzuhalten, zu präzisieren damit Sie, Ihre Medienkollegen und die Historiker auch künftig über belastete Personen berichten können.

ZEIT: Die Bundestagsabstimmung über den Gesetzesentwurf, die für diese Woche geplant war, wurde jetzt, nachdem die CDU plötzlich Zweifel anmeldete, auf Monatsende vertagt. Zuvor war der mit Marianne Birthler abgestimmte Entwurf von CDU, SPD und Grünen hektisch durch den Kulturausschuss geschleust worden. So stellte man den Gutachtern den Entwurf an einem Freitag zu, am Montag mussten die Gutachten stehen.