Der Bayerische Rundfunk ist stolz darauf, eine Topadresse für klassische Musik zu sein. Er unterhält eines der besten Sinfonieorchester in Deutschland und hat mit Mariss Jansons einen Chefdirigenten verpflichtet, der zu den teuersten Stars der Branche gehört. Rund um die Welt reist das Orchester, um die Kunstsinnigkeit des Senders zu repräsentieren. Der BR leistet sich außerdem noch ein zweites Orchester (das zwischenzeitlich von der Abschaffung bedroht war), einen Chor, eine traditionsreiche Konzertreihe für zeitgenössische Musik, – und ein Hörfunkprogramm, das sich 24 Stunden am Tag der ernsten Musik widmet. BILD

Bayern 4 Klassik heißt dieser Kanal, der kein Klassik-Dudelfunk ist, sondern mit seinen Live-Übertragungen von Konzerten und Opernaufführungen, seinem journalistischen Anspruch und der seriösen Musikaufbereitung ein Renommierprojekt des öffentlich-rechtlichen Kulturradios. Ausgerechnet dieses Programm aber, das nicht zuletzt die Sendeplätze für die glanzvollen Aktivitäten der hauseigenen »Klangkörper« bereithält, scheint dem BR plötzlich nicht mehr wichtig zu sein. Der Sender möchte eine neue Jugendwelle gründen, und diese, so lautet ein Szenario, soll das Klassikprogramm von den UKW-Sendefrequenzen verdrängen. Bayern 4 Klassik wäre dann nur noch digital zu empfangen und würde die meisten seiner 170000 täglichen Hörer verlieren. Man könnte es nicht mehr im Auto als Alternative zu den von Jingles und Flachwitzen verseuchten Popsendern hören, und der Empfang via Kabel, den immerhin die Hälfte der B4-Hörerschaft nutzt, wäre ebenfalls nicht mehr gewährleistet, weil die Kabelbetreiber nur die Kanäle einspeisen müssen, die auch über UKW zu empfangen sind. Bayern 4 Klassik stünde vor dem Aus.

Eine bizarre Entwicklung im öffentlich-rechtlichen Denken wird da erkennbar: In ihren Anfangsjahren haben die Funkhäuser mit großem Schwung Orchester, Chöre und Jazz-Bigbands gegründet, auf dass sie die Musik zu Sendezwecken produzierten. Im Laufe der Zeit avancierten sie zu Prestigeobjekten und wurden von den Programmen immer unabhängiger. Und nun erwägt man die Kanäle, die doch allein die Existenz dieser Orchester legitimieren, auf Umwegen abzuschalten. Für welches Kulturverständnis, so fragt man sich, steht ein Juwel wie das Symphonieorchester eigentlich noch, wenn die Klassik im BR für so marginal gehalten wird, dass man ihr einen Sendeplatz in der digitalen Nichthörbarkeit zuweist?

Der BR hofft mit einer neuen Jugendwelle die Generation der 19- bis 29-Jährigen anzusprechen, die längst im Internet zu Hause ist und dort ihren Informations- und Musikbedarf deckt. Ob man sie mit den begehrten UKW-Frequenzen erreicht, ist fraglich, denn viele besitzen gar kein Radiogerät mehr. Vor vier Wochen hat der Hörfunkausschuss des Rundfunkrats deshalb eine Verlegung von Bayern 4 Klassik abgelehnt. Aber für die Befürworter war das Thema damit noch nicht vom Tisch. Anfang Dezember soll erneut entschieden werden. Die Klassikhörer müssen weiter bangen in einem Konflikt, in dem der verantwortliche Hörfunkdirektor Johannes Grotzky eine denkbar schwache Figur macht. Auf unselige Weise hat er – als ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte – die Hochkultur gegen die Jugendkultur in Anschlag gebracht, Pop gegen Klassik, Jung gegen Alt. Mit einer Entscheidung, die er zu fällen hätte, hält er sich vornehm zurück und schaut zu, wie sich die Interessengruppen gegenseitig beschädigen. Er verweist auf das Votum des Rundfunkrats, obwohl der nur eine beratende und überwachende Funktion hat. Er verschanzt sich hinter dem Intendanten und präsentiert sich im Gespräch gleichermaßen als Retter der Klassik und als Ombudsmann der Jugend. Man möge ihn mit dem Satz zitieren, erklärt er am Telefon: »Mein Herz schlägt dafür, dass Bayern 4 auf UKW bleiben darf.« Und nachgefragt, ob das als Bestandsgarantie zu verstehen sei, den Sender auf den bisherigen Frequenzen zu belassen, sagt er: »Nein, natürlich nicht.« Das klingt wahrlich besorgniserregend.