Papa ante portas – Seite 1

»Armer kleiner Googen!«, sagt der Vater, als er den Sohn leiden sieht. Der Säugling liegt danieder, Mandelentzündung, 40 Grad Fieber, braucht eine Penicillin-Spritze. »Sein kleines Gesicht ist so hell und so rot, und wenn ich es berühre, fühlt es sich so heiß an«, schreibt der besorgte Vater seiner Frau. »Heute habe ich seine Kinderlieder für ihn gespielt. Er hatte seine Augen halb geschlossen, als er sich zu mir wandte und sagte: ›Kein Mann Georgie wehtun, kein Mann.‹ Er meinte natürlich die Spritze. Er ist so wunderbar, Mutti, so süß und so schlau.« Bush Junior und Bush Senior in trauter Zweisamkeit? Wohl kaum: Die alten Freunde des Vaters gewinnen an Einfluss. Klicken Sie auf das Bild, um das Beziehungsgeflecht zu sehen . BILD

Der »arme kleine Googen« heißt eigentlich George, wie auch der Vater. Beide werden später amerikanische Präsidenten, der Ältere erhält die Laufnummer 41 der historischen <Zählung, der Jüngere die Nummer 43. Und mag die Geschichte vom leidenden Jüngling auch jahrzehntelang zurückliegen und von Vanity Fair aus dem Archiv gezogen worden sein – sie könnte sich genauso gut, wenngleich altersangepasst, vergangene Woche zugetragen haben. Väterliche Liebe vergeht eben nicht. Wenn’s dem Jungen schlecht geht, kommt, sobald er gerufen wird, der Alte zu Hilfe. Präsidentiell gesprochen: 41 paukt 43 raus. Statt des Arztes mit der Spritze schickt er heute die Knappen mit der Strategie. Die Getreuen heißen Jim und Bob, Brent und Lawrence. Baker und Gates, Scowcroft und Eagleburger. Team 41 ist in Washington angetreten. Auftrag: einen Weg aus dem Irak-Schlamassel suchen. Süffisant titelt Newsweek: »Vater weiß es am Besten«.

Manchmal lässt sich amerikanische Politik als Beziehungsdrama der regierenden Dynastie verstehen, als ewiger Konflikt zwischen Vater und Sohn, als Wechselspiel von Zuneigung und Rivalität. »W. rächt seinen Dad, ersetzt seinen Dad, macht Dad stolz und rebelliert gegen Dad – alles mit demselben Krieg«, schreibt die Autorin Maureen Dowd, die dem Sujet in Bushworld mehr als 500 Seiten widmet. Seit der Kongresswahl, also dem Aufstand der Bevölkerung gegen die Irak-Strategie des jüngeren Bush, könnte Dowd ein Kapitel hinzufügen. In einer Zeitungskolumne hat sie die ersten Absätze schon gedrechselt, in einem Ton, den ihr keiner nachschreibt: »Papi Bush und James Baker gaben dem jungen Sonnyboy die Präsidentschaft als Spielzeug, aber er hat es kaputtgemacht. Jetzt nehmen sie es ihm wieder ab.« Die Alten schickten »Aufpasser«, um den »Delinquenten zu disziplinieren«. Nach der Wahl nunmehr ohne Wahl, vollziehe Bush 43 »eine ödipale 180-Grad-Wende«.

Des alten Patriarchen wichtigster consigliere ist eben jener James Baker, einst Stabschef, Wahlkampfleiter und Außenminister. Der zweite wichtige Mann im Team 41 heißt Robert Gates, bei Bush senior einst Stellvertretender Sicherheitsberater und CIA-Chef. Auch von ihm wird noch zu reden sein. Die beiden sind die Vorarbeiter im Reparaturtrupp, was nicht bedeutet, dass sie allein sind. Dynastien kommen nicht ohne Hierarchie aus. Deshalb arbeiten den beiden hinter den Kulissen weitere schlohweiße Herren zu, auch sie Relikte aus den Amtstagen von Bush 41. Schon witzeln die Beamten im Apparat, die Rückkehr der alten Elite komme ihnen vor wie die Wiederholung einer Vorabendserie im Fernsehen.

Als Instrument dient der Revival-Truppe zunächst die Iraq Study Group, ein Arbeitskreis aus Mitgliedern von Republikanern und Demokraten. Baker ist der republikanische Chef der Gruppe. Unter seiner Führung sollen dem Präsidenten Anfang Dezember Optionen zur Revision der Irak-Politik vorgestellt werden. Mit dem Votum der Bevölkerung wachsen die Erwartungen an den Arbeitskreis ständig. Er soll zugleich Frieden zwischen den Parteien in Washington und Frieden im Irak bringen – vielleicht die letzte Chance für Bush 43.

Mitglied in Bakers Arbeitskreis ist ein weiterer Mann aus Team 41, Robert Gates. Oder besser: Er war es, bis er vergangene Woche als Verteidigungsminister nominiert wurde. In der neuen Machtposition dürfte er zum Bannerträger der Gegenrevolution werden. Im Pentagon wird er durchsetzen wollen, was er in der Iraq Study Group ausdenken half. In die Irak-Gruppe rückt Lawrence Eagleburger auf, auch er einst Außenminister unter dem älteren Bush. Jobs werden jetzt innerhalb der Patriarchen-Familie vergeben. Team 41 marschiert.

Natürlich geht es hier um mehr als Personal-Rochaden und persönliche Loyalitäten. Zu besichtigen ist eine Kurskorrektur der US-Außenpolitik, Phase zwei eines weltanschaulichen Exorzismus. Ganz klar: Das Zeitalter der Ideologen ist vorüber. Alles begann mit dem Exodus der Neokonservativen nach der Wiederwahl des jüngeren Bush 2004. Eine Wahl später sind die so genannten assertive nationalists dran, die Gruppe der aggressiven Nationalisten. Donald Rumsfeld heißt das wichtigste, aber nicht das letzte Opfer. Dass Robert Gates, sein Nachfolger im Pentagon, den Führungstrakt säubern wird, gilt als sicher. An die Stelle der alten Kriegsallianz treten nun Republikaner der klassischen Schule: moderat statt aggressiv, pragmatisch statt ideologisch, internationalistisch statt nationalistisch.

Papa ante portas – Seite 2

Dass in Washington Vatertag sei, hat das Weiße Haus am Montag zur Küchenpsychologie erklärt. Es gehe bloß darum, die besten Leute für die Lösung der wichtigsten Frage zu gewinnen. Dann fragt sich allerdings, warum die besten Leute bisher nicht an Bord waren. Die Antwort führt zurück zum Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Schon vor seiner Vereidigung als Präsident versucht der Junge, sich vom Alten zu distanzieren. Vaters Vertrauten Baker ließ Bush 43 nicht in sein außenpolitisches Team. Und zum Verteidigungsminister machte er mit Donald Rumsfeld bewusst einen alten Rivalen des Vaters.

Was Junior und Senior alltäglich besprechen, weiß niemand genau. Immerhin gibt es Indizien. Glaubt man dem früheren Stabschef Andrew Card, sind es vor allem »Familie, Sport und Fischen«. In Washington regiert demnach keine Doppelspitze. Freunden sagt der Familienpatron, er halte es nicht für angemessen oder weise, die Politik seines Sohnes zu rezensieren. Auch nicht, als den Alten, wie er denselben Freunden sagt, der Irak-Krieg sorgt. Der Junge bittet offenbar selten um Rat. Der vernichtendste Kommentar von Junior über Senior stammt aus der Zeit des Angriffs auf Bagdad: »Ich verbringe kaum Zeit damit, mit ihm die Politik durchzukauen. Er weiß, dass ich viel besser informiert bin, als er es je sein könnte.«

Doch je länger 43 im Amt ist, desto offenkundiger wird die politische Absetzbewegung. Sein präsidentielles Vorbild ist nicht 41, sein Vater, sondern 40, Ronald Reagan. Dessen Unnachgiebigkeit gegenüber dem Sowjetreich wird ihm zur Vorlage für die eigene Vision eines demokratisch transformierten Nahen Ostens. Der Junge zielt unter anderem auf seinen Vater, als er behauptet, 50 Jahre »Realismus« hätten zum Aufstieg des Oberterroristen Osama bin Laden geführt.

Erst die Krise, ja das Scheitern seiner Politik zwingt den Jüngeren, wieder auf den Älteren und den Kreis von dessen Pragmatikern zuzugehen. Dass der alte Bush die Notbremse gezogen und beim Jungen interveniert hätte, ist nicht bekannt. Washingtoner Rechercheure wollen aber wissen, dass »die Fingerabdrücke« von Bush 41 bei der Entlassung Rumsfelds und der Berufung des Nachfolgers »überall« zu sehen gewesen seien.

Die neue Beweglichkeit des Juniors spürt zuerst James Baker, als er eingeladen wird, die Iraq Study Group zu leiten. Zunächst ist er misstrauisch, will nicht als Feigenblatt herhalten und für den Papierkorb produzieren. Also lässt er sich einen Termin beim Präsidenten geben. Bush junior solle ihm persönlich sagen, dass er nun plötzlich erwünscht sei. Baker kündigt dem Präsidenten an, er werde vermutlich Empfehlungen geben, die der gegenwärtigen Politik widersprächen. Ob er ihn immer noch haben wolle? Bush will, und Baker sagt zu.

Baker hat seine Kommission zu einer Art Schatten-Außenministerium ausgebaut. Büros sind angemietet. Rund 50 Berater arbeiten der Gruppe zu. Die Vertrauten aus dem alten Netzwerk von Team 41 sind wieder da, darunter Brent Scowcroft. Der Sicherheitsberater des alten Bush war beim Junior in Ungnade gefallen, weil er sich erlaubt hatte, vor der Invasion in den Irak öffentlich Bedenken anzumelden. Baker selbst nimmt mit syrischen und iranischen Diplomaten Kontakt auf – mithin das, was Realisten tun, Team 43 aber sorgsam vermieden hat. Gerüchten zufolge wird Bakers Gruppe eine regionale Friedenskonferenz und eine Schrumpfung der US-Ambitionen vorschlagen. Das Ziel einer »blühenden Jeffersonschen Demokratie an den Ufern des Euphrats« hält Baker für irreal.

Dass Baker, diskretester aller Strippenzieher, den Abgang von Verteidigungsminister Rumsfeld betrieben hat, bestreitet er zwar vehement. Aber einer seiner Mitstreiter aus Team 41 lässt sich mit dem Satz zitieren, Baker sei eben »kein Idiot«. Er schreibe keinen Bericht, nur damit Rumsfeld »die Ergebnisse torpediert«. Das Publikum müsse bereit sein anzunehmen, was er präsentiere.

Papa ante portas – Seite 3

Davon ist beim neuen Verteidigungsminister Robert Gates als ehemaligem Mitglied der Baker-Gruppe auszugehen. Nicht nur genießt er das Vertrauen des älteren Bush, dessen politischen Nachlass er bisher als Präsident der Texas A&M University verwaltet hat (Bushs präsidentielle Unterlagen lagern nämlich in dieser Universität). Gates ist mit 63 der jüngste im Team 41 und deshalb als Einziger amtsfähig. Schon früh hat er seine Skepsis gegenüber der Kriegführung im Irak und seine Verwunderung über den Mangel an diplomatischer Raffinesse zu Protokoll gegeben. Im Jahre 2004 war er für den Council on Foreign Relations Autor eines Reports über die Iran-Politik. Er plädierte für direkte Verhandlungen, ein Vorschlag, der nun wieder auftaucht. Seit einiger Zeit erhält Gates Anrufe von Außenministerin Condoleezza Rice, die sich mit ihm über Geheimdienstfragen beraten möchte. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Tagen im Sicherheitsrat. Das Vertrauensverhältnis könnte helfen, jenen Graben zu schließen, der Außen- und Verteidigungsministerium seit dem Amtsantritt von Bush 43 trennt und zum Planungsdebakel im Irak führte.

Im Freundeskreis 41 gilt Gates als größter Skeptiker. Von Sowjetführer Michael Gorbatschow zeichnete er seinerzeit ein wesentlich düstereres Bild als James Baker und der ältere Bush. Vielleicht erwächst aus diesem Skeptizismus eine Tendenz zur Härte, die Gates von den Moderaten aus Team 41 unterscheidet.

Vor seinem Amtsantritt als Rumsfeld-Nachfolger wird Gates scharfen Fragen bei der Anhörung im Senat ausgesetzt sein. Einst als CIA-Direktor nominiert, scheiterte er dort zunächst, weil er unter Präsident Reagan zum Mitwisser des anrüchigen Iran-Contra-Waffengeschäfts wurde. Gates war zwar nur eine nachgeordnete Figur. Aber der dunkle Fleck in seinem Lebenslauf zeigt die Gefahren, die dem außenpolitischen Realismus eigen sind. Seit Metternich und Kissinger hat gerade der Pragmatismus manchen Schattenmann hervorgebracht. Auch willkommene Rückwendungen können zu weit gehen. Gates war eben schon einmal CIA-Direktor.