Der Stasi-Generaloberst a.D.Markus Johannes Wolf, genannt Mischa, ist in der Nacht zum 9.November, ausgerechnet am Jahrestag des Mauerfalls, im Schlaf gestorben.Er wurde 83 Jahre alt.In der Rolle eines genialen geheimdienstlichen Chefingenieurs im Kalten Krieg wollte er in Erinnerung bleiben.So stellte er sich selbst dar, und so rühmten ihn seine Gegner im Westen, auch, um ihre eigenen Abwehrschwächen zu entschuldigen.In Wirklichkeit war Wolf mit russischem Pass qua Amt freier, aber treuer Mit arbeiter des sowjetischen KGB und als zweiter Mann unter dem mörderischen und vulgären Erich Mielke Behördenchef der ostdeutschen Auslandsspionage HVA mit geschätzten 4000 Kundschaftern.Der Rücktritt Willy Brandts nach der Entlarvung des Stasi-Agen ten Günter Guillaume ging auf seine Rechnung, andere Spione hatte er bei der Nato in Brüssel, im Verfassungsschutz und im Bundesnachrichtendienst platziert. Dass Wolf bei den Verschleppungen West-Berliner Antikommunisten bis zum Mauerbau keine Rolle gespielt hat, ist unwahrscheinlich.Er bestritt jede Beteiligung.Für flüchtige RAF-Mörder stellte die Stasi Ruhequartiere bereit.Ohne Wolfs Kenntnisse?Sie kamen aus seinem Amtsberitt, aus dem Ausland in die DDR. Sein Ruf bei feindlichen Diensten war glanzvoller als sein Charakter: ein ideologischer Überlebenskünstler, der, wie er später beteuerte, jede Moskauer ideologische Wende mit einem Seufzer der Erleichterung begleitete.Das stalinistisch geprägte Sicherheitsdenken der DDR habe er nie geteilt.Er hat es durchgesetzt.An seinem Arbeitsplatz, den er 34 Jahre lang besetzte, herrschte der gute alte Stalinismus in angepasster Verbrämung.Die Killer-Mentalität seines Vorgesetzten ließ sich gut ver achten, solange man nichts gegen sie unternahm. Mielkes penetrantes Misstrauen begleitete auch mich - für ihn und die alte Garde war und blieb ich ein Intellektueller, aber durch seine Biographie unangreifbar, erzählte er im Juli 1990 dem ZEIT-Reporter Ben Witter.Sollte wohl heißen: Auch ich war ein Stasi-Opfer.Seine ehemalige Topspionin in Pullach, Gabriele Gast, mochte den geläuterten Antistalinisten Wolf nach ihrer Haftentlassung nicht wiedererkennen.Ein Wendehals auch er?Sollte er vergessen haben, dass die Stasi wie die Gestapo über ei gene Staatsanwälte, eigene Richter und eigene Hinrichtungskeller verfügte?Wolf: Niemand kann mich mit Tötungen in Zusammenhang bringen.Ein Mackie-Messer-Satz. Wolf, dessen jüdische Familie vor rassistischer Verfolgung aus Nazi-Deutschland in die Sowjetunion geflohen war, dieser Markus Wolf in weißer Stasi-Paradeuniform im grotesken Wehrmachtsschnitt mit Affenschaukel, Ehrendolch und Epauletten: Was hätte sein sensibler Vater, der bedeutende kommunistische Dramatiker Friedrich Wolf, dazu gesagt?Im zivilen Leben nach dem Mauerfall hatte sich sein Sohn Habitus und Selbstverständnis eines Bourgeois im Maßanzug zugelegt elegant und romantisch, wie eine J ohn-le-Carré-Figur, die ahnt, dass alle Spionage eigentlich zwecklos ist, eine Behördenposse ohne Publikum.Wolf: Welchen Einfluss hatten wir denn schon?Und wir hatten ihn niemals da, wo wir ihn erwarteten.Auf was also war er eigentlich stolz? Gorbatschows Reformpolitik fand ihn, den 1987 pensionierten General, auf Perestrojka-Kurs.Zweifellos rechnete er sich eine neue politische Rolle aus.Doch als er am 4.November 1989 vor 500000 Ost-Berlinern nach Christa Wolf und Stephan Heym anhob zur Rede an die Werktätigen, empfing ihn ein Pfeifkonzert.Er redete weiter, aber es waren nur noch Illusionen vom Blatt.Gewiss wusste er, dass führende Gestalten der DDR im Umbruch, von Ibrahim Böhme über Lothar de Maizière bis zu Gregor Gysi und Manfred Stolpe, engere Kontakte zur Stasi pflegten, als sie später zuzugeben bereit waren.Sollte er sich aber Hoffnungen gemacht haben, mit Reformfreunden solchen oder ähnlichen Zuschnitts ein neues sozialistisches Staatsexperiment starten zu können, so zer stoben sie an jenem Tag auf Berlins Alexanderplatz. Am 30.Oktober 1990 entzog sich Wolf einem bundesdeutschen Haftbefehl durch Flucht nach Moskau.Dort lebte er zusammen mit seiner jungen, dritten Frau in einer Wohnung unweit des Roten Platzes, umgeben von edlem Biedermeier-Mobiliar, unter kostbaren Gemälden der deutschen Romantik.Auf der Straße stand ein schwarzer SIL-Dienstwagen mit Chauffeur.Es war ein zweites, prekäres Exil.Die Gorbatschow-Ära neigte sich ihrem chaotischen Ende zu.Am 17.August 1991 traf der Flüchtling einen deutschen Autor in jener Moskauer Wohnung.Ob er es wohl wagen könne, nach Berlin zurückzukehren?Der Geheimdienstler war nervös und wirkte ängstlich auf seinen Besucher.Es waren keineswegs Heimwehgefühle, die Wolf bewegten sondern einmal mehr geheimdienstliche Ke nntnisse.Zwei Tage später, am 19.August, putschte eine Politbüro-Gang gegen die Regierung Gorbatschows.Der Aufstand wurde niedergeschlagen, Boris Jelzins Ära sollte beginnen. Wolfs Sorge um sich selbst und seine Familie war berechtigt.Hätten die stalinistischen Putschisten obsiegt, wäre der ehemalige Berliner Geheimdienstler als Sündenbock in Moskau willkommen gewesen: War er es nicht, der die DDR verloren hatte? Wolf, der das paranoide System des Staatssozialismus genauer kannte als manche seiner Opfer, schließlich war er einer seiner Konstrukteure, zog damals die Rechtsstaatlichkeit der Bundesrepublik vor, flog zurück und stellte sich deutschen Gerichten, um in letzter Instanz von allen schwerwiegenden Vorwürfen (zum Beispiel Landesverrat) freigesprochen zu werden.Nur von einem mochte er sich selbst nicht freisprechen. Das ganze System hat nicht funktioniert, erzählte er nach seiner Rückkehr aus Moskau seinem Jugendfreund Wolfgang Leonhard. So habe ich das früher nie gesehen.Ich frage mich, warum ich das eigentlich nicht erkannt habe.Vielleicht war es seine Angst vor der Wahrheit des Systems, Terror jene Angst, die die Stasi schürte und die ihn schließlich in Moskau 1991 selbst ergriff. Ihr wollte er bis zu seinem Tod nicht auf den Grund gehen.Vielleicht ahnte er, dass er dort jemanden finden könnte, den er selbst nicht besonders schätzen würde, den Generaloberst a.D. des Staatssicherheitsdienstes Markus Wolf, den Mann mit Ehrendolch und reinem Gewissen, ein deutscher Narziss und falscher Biedermann.