Das Thema der Veranstaltung, zu der neben Klatten auch der Vorstandsvorsitzende ihrer Altana AG, Nikolaus Schweikart, willkommen heißt, passt stimmungsmäßig ins Frühjahr 2006. Die chattering classes sind erfüllt von düsteren Deutschland-vor-dem-Untergang-Gefühlen, die Euphorie der Fußballweltmeisterschaft ist noch nicht zu ahnen. Um die – vermeintlich?, tatsächlich? – bedrängten Mittelschichten geht es. Die Angst kriecht die Bürotürme hinauf lautet der programmatische Titel eines Vortrags.

Nun wäre es ja durchaus von Interesse gewesen, was die Quandt-Erbin Klatten, Betriebswirtin, Altana- und BMW-Aufsichtsratsmitglied, dreifache Mutter, mehrfache Milliardärin und vermutlich nach jeder geltenden soziologischen Definition Mitglied der Oberschicht, sagen würde: zu den Ängsten Andersschichtiger. Oder zu den Bemühungen deutscher Unternehmen, ihren Mitarbeitern die Ängste zu nehmen. Sie ist eine ausgewiesen höfliche Gastgeberin – was »Guten Morgen«, »Guten Appetit« oder »Gut, dass mal Pause ist« angeht. Zur Sache äußert sie sich am ganzen Wochenende nicht.

Es gibt für die Klattensche Zurückhaltung ein freundliches Deutungsmuster, das sich zumindest in der Wirtschaftspresse durchgesetzt hat: Die Quandts sind so bescheiden. Drängen sich nie in den Vordergrund. Sind praktisch gar nicht zu sehen. Auch der Journalist Rüdiger Jungbluth, der das ultimative Familienporträt geschrieben hat, findet über Klatten nur Worte, die ihr Understatement preisen. Und fragt: »Wie kann es sein, dass kaum jemand in Deutschland Notiz nimmt von einer klugen, attraktiven Frau, die in der deutschen Wirtschaft seit Jahren eine Macht ausübt wie keine zweite?«

Weil sie einfach nichts sagt, vielleicht? Susanne Klatten tarnt ihre real existierende Macht mit ostentativer Bescheidenheit. Das ist seit Jahrhunderten eine zutiefst weibliche Strategie, aber reicht es hin? Seit sie den Altana-Konzern aufgespalten, dessen Chemiesparte an die Börse gegeben und die Pharmasparte verkauft hat (wo jetzt Hunderte von Arbeitsplätzen abgebaut werden), wünschen sich auch die Kommentatoren aus den Wirtschaftsressorts etwas mehr Stellungnahme. »Erbe verpflichtet – nicht«, bemerkte die Financial Times Deutschland sarkastisch zur Altana-Entscheidung.

Eigentlich gilt: Sozialdemokratinnen greifen keine Männer an

Zu der Frage nach ihrer Art von Macht »möchte sich Frau Klatten nicht öffentlich äußern,« mailt der persönliche Referent der Familie Quandt. Und so lässt sich auch nicht in Erfahrung bringen, ob die Bescheidenheitsstrategie eher ein Frauen- oder ein Erben- Phänomen ist.

Was die eine um Himmels willen meidet, das gehört für die andere zum Berufsbild: öffentliche Auftritte, Podiumsdiskussionen, Talkrunden. Weiblicher Darstellungslust – man denke an Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Sängerinnen – müsste das entgegenkommen, andererseits: Glamourös ist das Leben einer Bundestagsabgeordneten nicht. An einem Dienstag im Herbst sitzt Andrea Nahles, SPD, zusammen mit ihrem CDU-Kollegen Ralf Brauksiepe, im Kolpinghaus von Andernach in der Eifel. Ahrweiler, der Wahlkreis, ist fest in Unionshand, die Kolpingfamilie nicht eben SPD-affin, und die rund 20 Rentner, die sich an diesem Abend den Zustand der Großen Koalition im Allgemeinen und die Gesundheitsreform im Besonderen erklären lassen, schauen generationstypisch verdrossen drein. Trotz dieser widrigen Bedingungen ist es am Ende eher Nahles als Brauksiepe, die das Publikum irgendwie erreicht – und das weniger mit Argumenten für einen Reformkompromiss, an dem sie selbst genug auszusetzen hat, als mit der rein menschlichen Mitteilung: Ich bin schwerbehindert, 50 Prozent, nach einem Autounfall. Ich weiß, wovon ich rede. Da geht eine Art Anknipsen durch die Gesichter oberhalb der Biergläser: Aha, ein Mensch, kein Politikmonster.