Die Busuki ist rund wie eine halbierte Melone, sie hat einen langen, mit Intarsien verzierten Hals und vier Doppelsaiten. Doch für Kostas Papadopoulos ist sie mehr als ein Instrument. Schon als Junge war er von ihrem Klang fasziniert. Nichts konnte ihn daran hindern, die Technik zu erlernen. Nicht der Tod seiner Eltern, erschossen von der Wehrmacht in Piräus. Nicht sein Onkel, der ihn großzog, die Familie vom Busukispielen ernährte und fürchtete, der Knirps würde das Instrument beim Üben beschädigen. Seit 57 Jahren spielt Kostas Papadopoulos Busuki. Die Busuki ist sein Leben. BILD

Gebannt schaut das Publikum dem Virtuosen im Musikclub Taximi auf die Finger, die über das Griffbrett hüpfen, laufen, jagen. In die orientalisch anmutende Melodie stimmen eine Gitarre und ein wuchtiges Akkordeon ein. Fingerzimbeln schallen, und die Baglama, die winzige Schwester der Busuki, beginnt zu scheppern. Monoton erhebt der Sänger Alkis Mavros seine Stimme: »In der Stunde, in der es Nacht wird / gehe ich gebeugt meinen Weg/ Kummer zehrt mich aus / Grau sind die Haare, krumm ist mein Körper.« Das ist der Blues der Griechen, der Rembetiko heißt und vor gut hundert Jahren in den Gassen schnell wachsender Hafenstädte entstand, in denen entwurzelte Menschen ihren Unterhalt verdienten. Vom Überleben handeln die Lieder, von Haschisch, Tod und Liebe, von stämmigen Metzgern und weinenden Müttern.

Ein alter Mann aus dem Publikum steht auf. Er breitet seine Arme aus wie ein Adler seine Flügel. Mit geschlossenen Augen bewegt er sich in engen Schritten. Schwer und träge tanzt er den Zeibekiko, der zum Rembetiko gehört. Keine Schrittfolge ist vorgeschrieben. Jede Bewegung entspringt dem Herzen. Ursprünglich war Zeibekiko ein Kriegstanz kleinasiatischer Stämme, der »Rebet-Asker«. Nur ein Mann allein durfte ihn vollführen. Wer mitmachte, verletzte die Würde des Tänzers und musste in Griechenland noch vor sechzig Jahren damit rechnen, dem gezückten Messer des Entehrten zum Opfer zu fallen. Heute gehört Zeibekiko allen. Der alte Mann stampft mit dem Absatz zum Neunachteltakt, springt plötzlich hoch, trippelt selbstvergessen weiter. Andächtig lauschen die Zuhörer dem Lied von Einsamkeit und Schicksalsschlägen. Verliebte und Schwiegermütter sind unter ihnen, Bewunderer der Musiker und alle, die nachts der Blues befällt. Wer der Seele des kleinen Landes am Mittelmeer auf den Grund gehen will, ist hier gut aufgehoben. Als der letzte Ton verstummt, bricht tosender Beifall los.

Es ist Samstag, zwei Uhr früh. Während die Laternen im Athener Stadtteil Exarchia orangefarbenes Licht auf das Pflaster der engen Straßen werfen, flackern auf den zwanzig Holztischen im Taximi die Kerzen. An der Bar schenkt der Patron Whisky aus. Seit Stunden spielen die Musiker auf der winzigen Bühne. Über ihnen prangt wie ein Sinnbild ein riesiges Foto, das vor vielen Jahren auf dem Fischmarkt von Piräus aufgenommen wurde: Ein Musiker hält eine Laute im Schoß, um ihn hat sich eine Gruppe Männer geschart. Vergilbte Porträts von alten Rembetiko-Stars hängen überall an den Wänden bis ins Treppenhaus hinein. Hier wird die Erinnerung zelebriert. Das Taximi ist keine Lifestyle-Adresse.

»Hol mir Gras, Schwester«, singt Alkis Mavros mit brüchiger Stimme

Kostas Papadopoulos macht Pause und bestellt ein Wasser. »Der Rembetiko ist Teil unserer Identität. Er ist das soziale Gedächtnis Griechenlands«, sagt er leise. Von sich und seinem Leben zu erzählen fällt ihm schwer. Kostas ist ein zurückhaltender Mann mit schütterem Haar und freundlichen Augen. Er raucht nicht, trinkt nicht, trägt ein ordentlich gebügeltes Hemd, braune Hosen und schwarze Schuhe. Man könnte glauben, er sei ein netter alter Herr, den eine nostalgische Laune hierhergeführt hat, läge nicht neben ihm seine Busuki. Hin und wieder streicht er mit einem weichen Tuch über das Instrument: »All die alten Rembetiko-Spieler auf den Fotografien gibt es schon lange nicht mehr. Doch der Rembetiko lebt weiter, weil er zeitlos ist«, sagt Kostas. »Es sind immer die einfachen Dinge, die uns berühren: die Töne, eine Stimme.«

Manolis Dimitrianakis, der andere Frontmann, ist jetzt auf der Bühne im Einsatz. Stündlich wechselt er sich mit Kostas ab. Denn Rembetiko ist ohne Busuki undenkbar, er gehört zu diesem Instrument wie die Gitarre zum Flamenco. Keins der Lieder kommt ohne Busuki aus, obwohl deren Siegeszug ziemlich mühsam war. Noch in den fünfziger Jahren war sie das verpönte Symbol der Unterschicht, kümmerlicher Klangkörper zwielichtiger Gestalten und kauziger Kiffer. Erst mit der Zeit avancierte sie zum Nationalinstrument. Eine bittere Melodie entsteigt Manolis’ Busuki. Alkis Mavros zupft die Baglama dazu, die so klein ist, dass er sie locker unter seinem Jackett verstecken könnte. Und er singt: »Hol mir Gras, Schwester / geh, hol mir Gras / Wenn wir zusammen berauscht sind / ist eine Busuki alles, was ich brauche.« Rau und streng klingen die Lieder. Der Rembetiko hat die Sehnsucht des Fado, die Kraft des Flamenco und die Schwermut des Blues. Und er ist doch so klar und unverschnörkelt wie die Säulen eines dorischen Tempels.