Frau Grunwald, Sie kommen gerade aus dem Urlaub.Sind Sie denn auch einmal in der Sonne gelegen? Strandurlaub?Nein, das könnte ich nicht.Für mich gibts im Urlaub nur eines: Vögel beobachten.Auch Sehenswürdigkeiten nehme ich nie so richtig wahr: In der Türkei waren wir mal an einer berühmten Ausgrabungsstätte.Ihr Bild habe ich nicht mehr im Kopf, dafür das der Blauracke, die ich dort gesehen habe.In diesem Jahr sind wir eine Woche lang jeden Tag bis in die Dunkelheit zu Fuß durch den brasilianischen Regenwald gezogen. Und, wie war es? Klasse.Mein Mann und ich waren birden, also vögeln, wir sagen das wirklich so, und haben über 430 Arten beobachtet. 108 davon habe ich noch nie zuvor gesehen.Den Cryptic Forest-Falcon etwa, der wurde erst vor ein paar Jahren entdeckt und hat noch gar keinen deutschen Namen. Normalerweise krächzen Falken, aber der sang so melodisch, das klingt mir noch jetzt in den Ohren. Sie sind Mitglied im Club300.Dort versammeln sich Vogelbeobachter, die schon über 300 Arten gesehen haben und noch mehr sehen wollen. Ja, ich habe mittlerweile 3716 Arten auf meiner Liste.Das Zählen war ja in Deutschland lange Zeit verpönt, auch heute hält manch alter Vogelbeobachter das für Prahlerei.Aber mittlerweile gibt es sogar SMS-Alarm, wenn irgendwo ein besonderes Exemplar auftaucht.Das Hobby boomt. Für welchen Vogel haben Sie sich schon spontan ins Auto gesetzt? Für eine Schneeeule.Das war jahrelang mein Traumvogel.Dann kam die Meldung, dass eine in Dänemark gesichtet wurde, in den Dünen, aber ich konnte wochenlang nicht weg.An Heiligabend sind wir dann mit dem Campingbus losgefahren und trafen dort einen Mann, der gleich meinte: Ach, ihr kommt wegen der Schneeeule.Dann geht mal eineinhalb Kilometer geradeaus.Und tatsächlich: Da saß sie noch.Das war unser Weihnachtsgeschenk.Obwohl eigentlich für einen echten Club300er eine Schneeeule in Dänemark nic ht so viel wert ist wie eine in Deutschland. Warum?Ist Schneeeule denn nicht gleich Schneeeule? Echte Club300er wollen so viele Arten wie möglich in Deutschland ticken, also ein Häkchen in ihre persönliche Liste machen.Das ist natürlich schwieriger, als zum Beispiel einfach in die Ursprungsländer mancher Arten zu reisen.Der Spitzenreiter für Deutschland hat 417 Häkchen. Sind Sie im Club schon ein stolzer Pfau? Na ja, in Deutschland eher ein Spatz, hier habe ich erst um die 250 Arten gesehen, bezogen auf die Welt: ein Pfau.Da bin ich Dritte, zwei Männer sind vor mir, und ich glaube, den einen könnte ich noch kriegen.Den anderen mit über 5000 Arten nicht. 4000 will ich in meinem Leben noch schaffen und auf jeden Fall noch den Gelbschnabeleistaucher sehen, dann würde ich mich fühlen wie eine Königin. Schießen Sie eigentlich Beweisfotos? Der Club pfeift auf Nachweise.Man kennt sich zwar kaum, denn wir treffen uns hauptsächlich im Internet, trotzdem ist es Ehrensache, nicht zu schummeln.Aber jeder zählt auf seine Art.Die einen ticken den Vogel schon, wenn sie ihn nur gehört haben.Wir nicht.In Australien haben wir uns mal nach einem Asien Dowitcher die Augen aus dem Kopf gestarrt nichts.Später entwickelten wir die Fotos der Reise, sahen ihn, diskutierten lange und zählten ihn. Wie sind Sie zu Ihrem Hobby gekommen? Mein Mann beobachtet Vögel seit seiner Kindheit.Als ich ihn kennen lernte, dachte ich zuerst: Bei dem piepts wohl.Aber er kann das ziemlich gut vermitteln, seine Exfrauen hat er zumindest alle dafür faszinieren können und mich auch.Am Anfang war es zwar irgendwie komisch mit der ganzen Ausrüstung, den Bestimmungsbüchern, dem Spektiv, dem Stativ, dem Aufnahmegerät für die Vogelstimmen, der Kamera und dem Laptop, loszuziehen, aber dann packt es einen ziemlich schnell. Und was genau hat Sie gepackt? Die Schönheit der Tiere, das Naturerlebnis, das Draußensein.Eine meiner ersten Vogelbeobachtungen war im Wendland, an der Elbe.Da gab es Singschwäne, Zwergschwäne, Gänse.Ein weißes, wogendes Federmeer, überall Rufe.Die Sonne schien, und ich fühlte mich mit einem Schlag weit weg vom wirklichen Leben.Arbeit, Probleme, Politik alles vergessen. Was macht ein Vogelbeobachter im Winter, wenn fast alle Vögel ausgeflogen sind? Entweder er reist ihnen nach, in die spanische Extremadura etwa, wo die Kraniche überwintern, oder er genießt die freie Sicht auf die Dagebliebenen: Im Sommer sind sie oft hinter Blättern versteckt.Auf Fehmarn kann man Ringeltauben, Bussarde, Sperber ziehen sehen, an der Elbe die Gänse und Kraniche. Und welches sind die Traumziele? Costa Rica, Thailand, Australien.Da gibts so viele Vögel, da klebt das Fernglas an den Augen fest. Interview: Christine Böhringer