Wer ist Claus Grossner? Das wissen außerhalb Hamburgs nur wenige. Aber auch die meisten derjenigen, die ihn kennen, wissen eigentlich nicht, wer Claus Grossner ist. Die Frage ist interessant geworden, weil Grossner zusammen mit Hans Barlach plötzlich in den Besitz von 29 Prozent der Anteile des Suhrkamp Verlages gekommen zu sein scheint. Man muss das so vorsichtig formulieren, weil Ulla Unseld-Berkéwicz, die Leiterin des Verlags, die mit 51 Prozent die Mehrheit hält, genau dies bezweifelt und jetzt juristisch prüfen lässt. Die Übernahme der Anteile von dem vormaligen Besitzer Andreas Reinhart, Erbe einer ehemals großen schweizerischen Dynastie, beschäftigt die Öffentlichkeit derzeit über Gebühr. Ulla Unseld-Berkéwicz, Suhrkamp-Chefin BILD

Auch diejenigen Hamburger, die Claus Grossner nicht kennen, kennen die weiße Villa an der Elbchaussee. Der imposante Bau steht unweit von Teufelsbrück an der Elbe. Der Strom der Spaziergänger, der an sonnigen Tagen den Uferweg entlangzieht, gerät nicht selten in den Genuss klassischer Klavierkonzerte, die aus der Villa herüberklingen. Das ist eine von Grossners kleinen Freuden: die Lautsprecherboxen in die geöffneten Fenster zu stellen.

Heute ist es trübe, und für Klavierkonzerte hat Grossner keine Zeit. Er ist vollkommen erfüllt, geradezu begeistert von der Suhrkamp-Sache. Der Besucher steht noch in der Tür, als Grossner mit seinem klangvollen Bass schon zu reden beginnt. Die Zeitungskollegen haben ja keine Ahnung, sagt er und fischt eine Reihe von Artikeln hervor. Die drei großen Zimmer, alle mit Panoramablick auf die Elbe, sind möbliert wie ein AStA-Büro der Sechziger: überall aufgebockte Tischplatten mit Stapeln von Büchern, Zeitschriften und Papieren, drumherum graue Blechklappstühle.

Wieso keine Ahnung? Weil Reinhart seine Anteile eben nicht verkauft hat, was er auch nicht hätte tun dürfen, denn der Vertrag sieht vor, dass jeder Teilhaber (der dritte ist Joachim Unseld mit 20 Prozent) nur verkaufen darf, wenn alle zustimmen, und dass er seine Anteile dem Mehrheitsgesellschafter, also Ulla Unseld-Berkéwicz, anbieten muss. Reinhart habe, sagt Grossner, die Volkart Holding in Winterthur verkauft, und die hält 29 Prozent der Suhrkamp-Anteile. Aus der seien ein paar Dinge ausgegliedert worden, man habe sie umbenannt in Medien Holding AG Winterthur, und die sei jetzt zur Hälfte in seinem Besitz und dem von Hans Barlach.

Bei ihm sucht man die Insignien des Reichtums vergeblich

Wer immer in Hamburg eine Premiere oder Vernissage besucht, kann sicher sein, Claus Grossner zu sehen. Ein Riese von Gestalt, überragt er die Menge. Meist hält er ein Glas Mineralwasser in der Hand, und wenn man ihn darauf anspricht, sagt er, dass er danach noch einiges zu arbeiten habe. Aktiengeschäfte oder so was, denkt man dann, denn er nennt sich Investment-Banker. Ursprünglich hat er Philosophie studiert und war Stipendiat an der Gregoriana in Rom. Gern erzählt er von seiner Freundschaft mit Marion Gräfin Dönhoff, die oft bei ihm zu Gast war.

Auf seinem Briefkopf sieht man die Frontseite der weißen Villa und darunter »Großforschungs- und Informationsbüro Claus Grossner«. Was sich dahinter verbirgt, ist nicht ganz klar, fest steht aber, dass er einen großen Teil seiner Zeit damit verbringt, möglichst viele prominente Leute zusammenzubringen, wobei sein Prominenzbegriff durchaus anspruchsvoll ist. Schlagersänger oder Fernsehmoderatoren sind eher nicht dabei, aber man kann dort zum Beispiel Thomas Sparr kennen lernen, den stellvertretenden Verlagsleiter Suhrkamps.

Grossners jährliche Festa Europea hat eine gewisse Bekanntheit erlangt. Es treffen sich da Präsidenten, Minister und Bosse, aber auch Intellektuelle und Künstler jeglicher Provenienz. Es handelt sich nicht um eine Party, denn dafür ist die Gastronomie zu frugal. Die Teilnehmer sind gehalten, sich in kurzen Beiträgen zu einem irgendwie mit Europa zusammenhängenden Thema zu äußern. Das Ritual ist nicht ohne Komik, manche Gäste lieben es, andere kommen einmal und nicht wieder.

Danach verfügt man sich in die oberen Räume, wo es kaum Privates zu sehen gibt. Irgendwo steht ein Bett, aber in fast jedem der zahllosen Zimmer stehen Schreibtische, an denen der rastlose Hausherr seine vielfältigen Ideen entwickelt. Von denen erzählt er unaufgefordert, und man fühlt sich von seiner Begeisterung mitgerissen, obgleich man nicht immer alles begreift. Er besitzt eine Bibliothek mit kostbaren Büchern, und es kann einem passieren, dass er eine frisch erworbene Augustinus-Ausgabe hervorzieht und einen lateinischen Passus übersetzt. Auch das gehört zu seinen kleinen Freuden. Ansonsten scheint er keine Bedürfnisse zu haben. Er ist Mitte sechzig und Junggeselle. Die üblichen Insignien des Reichtums (Autos, Jachten, Frauen) sucht man bei ihm vergebens, so dass manche sich immer wieder fragen, ob er überhaupt reich sei. Bei Hans Barlach ist die Antwort leichter. Er ist Enkel und Erbe des großen Ernst Barlach.

Was also wollen die beiden mit Suhrkamp? »Ich fand es nicht sehr gut, dass Andreas Reinhart die alten Mobbing-Vorwürfe rausgeholt hat«, sagt Grossner und bezieht sich auf Reinharts Kritik an der stetigen Fluktuation im Leitungsgremium des Verlags. »Wir wollen uns mit den verflossenen Shakespeare-Dramen nicht beschäftigen.« (Hier meint er den Konflikt zwischen Siegfried Unseld und seinem Sohn Joachim.) »Ich bin ganz irenisch gestimmt. Wir werden vernünftig miteinander reden.«

Der Verleger Arnulf Conradi scheint als Berater nicht sehr willkommen

Das bedeutet, dass man sich durchaus in die Geschicke des Verlags einmischen will, und dazu passt, dass man sich Arnulf Conradi, den Gründer des Berlin Verlags, der jetzt von seiner früheren Frau Elisabeth Ruge geleitet wird, als Berater geholt hat. Ihm sei aber klar, sagt Grossner, dass man mit 29 Prozent nicht »in die Verlagsplanung reingehen« könne. Gleichwohl gebe es Gemeinsamkeiten. »Ich bin sicher, dass es in kurzer Zeit eine gute Bewegung gibt.« Der Verlag sei ökonomisch gesund, aber nicht hinreichend gerüstet für die Zukunft. Die Möglichkeiten eines Gesellschafters seien nicht gering, man wolle sie nutzen und gerne mithelfen.

Dafür sieht Ulla Unseld-Berkéwicz keinen Anlass. Sie sei, sagt sie, über die Vorgänge »höchst erstaunt, aber ganz gelassen«. Abgesehen davon, dass die rechtliche Konstruktion des Verlags von diesem Anteilswechsel nicht berührt werde: »Einen unangenehmeren Gesellschafter als Andreas Reinhart kann es nicht geben.« Da spürt man ihren Zorn über den Abbruch einer Verbindung, die Hermann Hesse seinerzeit gestiftet hatte, indem er den Vater von Andreas Reinhart dazu brachte, mit 50000 Mark Peter Suhrkamp zu helfen, einen eigenen Verlag zu gründen. Redet man mit Reinhart, so wird schnell klar, das da schon lange nichts mehr zu kitten war. Die gegenseitigen Vorwürfe sind ebenso herbe wie unüberprüfbar. Hält sie es für möglich, dass sich die neuen Miteigner, vielleicht in Gestalt von Conradi, beratend an der Verlagsarbeit beteiligen? »Das kommt überhaupt nicht infrage.« Der Verlag stehe blendend da, er könne ein Umsatzplus von mehr als zehn Prozent vermelden. Sie gibt zu verstehen, dass sie Grossner und Barlach für windige Gestalten hält.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse gab sie ein Mittagessen für die indischen Autoren des Verlags. An der ovalen Tafel in Siegfried Unselds Wohnzimmer saß die Verlegerin, die jetzt eher wie eine Königin aussah, rechts neben ihr Cees Nooteboom, links Shashi Tharoor, der Verfasser des Romans Bollywood sowie einer Nehru-Biografie und leitender Mitarbeiter der UN. Ringsum die berühmte Bibliothek Unselds, die Autografen, die Bilder. Zu Beginn brachte die Verlegerin einen Trinkspruch aus, eine alte indische Weisheit: »Ausdehnung des Glücks ist Sinn der Schöpfung.« Es sieht nicht danach aus, als wäre dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber wissen kann das keiner.