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GEGEN SCHICKE TRENDS...
In Deutschland kommen Bücher für Kinder aus München, Hamburg, Weinheim oder Hildesheim. Und sie werden vornehmlich von Angelsachsen, Skandinaviern und Niederländern geschrieben.

Zu dieser Ansicht könnte unter anderem kommen, wer die rund 240 prämierten Kinder- und Jugendbücher betrachtet, die seit Oktober 1986 jeden Monat mit dem Luchs von ZEIT und Radio Bremen ausgezeichnet werden. Zwölf Bücher aus einer laufenden Jahresproduktion von ungefähr 6000 neu erscheinenden Kinder- und Jugendbüchern wählt die wechselnde unabhängige Jury aus. Sie verfolgt gemeinsame Kriterien, ist auf Qualität bedacht, mit Gespür für literarische und künstlerische Trends, und insgesamt Büchern verfallen, die eine Pilotfunktion für das vor 250 Jahren bereits postulierte, ewig aktuelle Ziel der Kinderliteratur auszeichnet: Kindern und Jugendlichen eine altersgemäße, aber künstlerisch hochwertige Literatur zu bieten, die ihnen Welterklärung, Poesie und Lesemotivation zugleich sein kann.

Luchs-prämierte Bücher bieten daher – glücklicherweise – keinen repräsentativen Überblick über die Gesamtproduktion deutschsprachiger Verlagsprogramme, wohl aber einen Querschnitt durch das obere Segment, die vielbeschworenen "Exzellenzen" der Kinder- und Jugendliteratur.

Wer sich davon überzeugen will, kann die Lüchse von 1986 bis 2006 leider nicht einfach in einer Buchhandlung anschauen oder bestellen. Denn was früher als Qualität der Kinder- und Jugendliteratur galt, glaubt der größer, schneller, kurzlebiger gewordene Markt der Neuerscheinungen in Frühjahr und Herbst nicht mehr aufrechterhalten zu können: die Backlist, die Liste der Kinder- und Jugendbücher, die über Jahrzehnte lieferbar, mithin kaufbar bleiben.

Dem Missstand fallen dabei Bücher zum Opfer wie das wunderbare Bilderbuch von Mischa Damjan und Dusan Kallay Dezember und seine Freunde, in der Jahreszeiten und Monate miteinander in ihrer Schönheit, ihrer Bedeutung und ihrem geheimnisvollen Zusammenhang erscheinen; das aufrüttelnde Bilderbuch Der Mann vom Bärengraben des Schweizer Erfolgsteams Jörg Müller und Jörg Steiner, in dem ein einsamer alter Mann das Wappentier der Berner reizt und dessen Großmut erfahren darf; das nachdenkliche Bilderbuch aus dem Artus-Mythos, Sir Gawain und die häßliche Alte von Juan Wingard, in dem Hässlichkeit und Schönheit gegeneinandergestellt werden, oder das ebenso informative wie wegweisende Sachbuch von Matthias Duderstadt, Das Schiff-Buch, aus dem Jahre 1987.

Wo nicht mehr gekauft werden kann, könnte den öffentlichen Bibliotheken eine besondere Bedeutung zukommen, doch sinkende Etats und Personalmangel machen das Führen einer Backlist jenseits von Archiv und wissenschaftlichem Depot immer schwerer. Da gibt zumindest der digitale Markt über Amazon und eBay Hoffnung, Bücher wie etwa die Taschenbuchausgabe von Dezember und seine Freunde zu finden. "Gerecht" oder "sachgerecht" geht es beim Überleben nicht zu. Jeder frühe Luchs, der noch oder wieder lieferbar ist, besitzt seine eigene Geschichte, aber ein paar Faktoren heutiger Definition von Nachhaltigkeit lassen sich doch erkennen.

Drei Bilderbücher des US-Illustrators Chris van Allsburg erhielten den Luchs. Die beiden ersten Titel Polarexpress aus dem Jahre 1987 und das ein Jahr später prämierte Buch Dschumanji wurden verfilmt und sind wieder zu erwerben.Van Allsburgs Der Hexenbesen von 1993 muss in Deutschland wohl auf eine Verfilmung warten, bis er wieder aufgelegt werden kann. Oder: Gert Loschütz’ ganz eigenartige, sprachgewaltige Geschichte Das Pfennigmal (1986) mit den Illustrationen des verstorbenen F. K. Waechter bleibt im Markt, weil sich der Autor des hoch gelobten Buches in der allgemeinen Belletristik seinen Platz behaupten konnte.

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Etwa 60 Prozent der mit dem Luchs prämierten Bücher sind Übersetzungen. Bei der Kinder- und Jugendbuchproduktion des Jahres 2005 sind es circa 18 Prozent. Noch vor wenigen Jahren waren es fast 40 Prozent. Der renommierte Deutsche Jugendliteraturpreis, laut Ausschreibung ein "German open", wurde schon angegriffen, weil der Prozentsatz von Übersetzungen bei prämierten Titeln noch höher liegt. Doch wer in diesem Faktum eine Vernachlässigung deutscher Manuskripte zu erkennen glaubt, lässt die besonderen Bedingungen von Kinder- und Jugendbüchern hierzulande außer Acht. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die re-education- Bewegung der Besatzer und Skandinavier, später die ersehnte Wieder-Öffnung der internationalen Märkte und schließlich die Experimentierfreudigkeit der späten sechziger Jahre, die die Kinder- und Jugendliteratur in der Bundesrepublik Deutschland zu einem der frühen Phänomene kultureller Internationalität werden ließen.

Als der Luchs Mitte der achtziger Jahre auftauchte, war der deutsche Kinderbuchmarkt unumkehrbar international. Wem wäre eingefallen, Pippi Langstrumpf als Import zu definieren oder später Harry Potter als unserem Verständnis von Kindheit "fremd" zu charakterisieren? Und was heißt schon "deutsch", wenn es um Kinderbücher geht? B. Fatmas Erinnerung an ihre kurdische Kindheit Henna Mond (1999) wurde in Zusammenarbeit mit Freya Wiese aufgeschrieben. Der dreimal mit dem Luchs ausgezeichnete Autor Zoran Drvenkar schreibt als Sohn kroatischer Immigranten in deutscher Sprache. Mit Irene Disches heiter-melancholischer Hommage an einen jüdischen Großvater Zwischen zwei Scheiben Glück (1997) hat der junge deutsche Leser das Glück, an der Erinnerung einer lange in englischer Sprache schreibenden US-Bürgerin deutscher Herkunft teilzunehmen, die heute in Berlin lebt. Der mit dem "Nobelpreis der Kinderliteratur", der Hans-Christian-Andersen-Medaille, ausgezeichnete deutsche Illustrator Wolf Erlbruch – zwei seiner Bilderbücher erhielten den Luchs – wählt nicht selten französische und niederländische Texte. Die Finnin Marjaleena Lembcke schreibt in deutscher Sprache wie den 2005 mit dem Luchs ausgezeichneten Jugendroman Der Fremde im Garten. Und das Bilderbuch Otto, die Odyssee eines Teddybären aus Deutschland, erzählt der elsässische Kosmopolit Tomi Ungerer original in englischer Sprache – ein "deutsches Buch", wie es nur die Kinderliteratur hervorzubringen imstande ist.

Vier Jahre lang gab es für den Luchs zwei deutsche Literaturen. Kinder- und Jugendliteratur galt in der DDR vierzig Jahre lang als politisch gewolltes und gefördertes Medium der Kinderkultur, gleichzeitig aber auch als Refugium unangepasster Künstler, die hier ausprobieren konnten, was woanders vielleicht größerer Kontrolle unterworfen gewesen wäre.

Mit Peter Hacks’ Liebkind im Vogelnest und Benno Pludras Insel der Schwäne, beide 1987 in westdeutschen Verlagen erschienen, prämierte die Jury die Antipoden der DDR-Kinderliteratur, wie sie auch in westdeutschen Kinderzimmern lesbar erschien: bei Hacks die poetische Anderswelt, bei Pludra die realistische Alltagsgeschichte vom Umzug in das großstädtische Neubauviertel. Nach der Wende verstummten viele DDR-Kinderbuchautoren, andere schrieben noch einige wenige Bücher, die die Wiedervereinigung und deutsche Kindheitserinnerungen zum Thema hatten. Günter Saalmanns Kriegs- und Nachkriegserinnerungen Mops Eisenfaust (1991) und der sozialkritische Jugendroman der Wendejahre Fernes Land Pa-isch (1993) erschienen der Jury als zweite deutsche Stimme Luchs-würdig. Und manche DDR-Autoren konnten ihre Erfolge fortsetzen, wie Christoph Hein mit seinem 2003 prämierten Kinderroman Mama ist gegangen, der den Tod der Mutter zum Thema nimmt.

Unbeschadet der süddeutschen Herkunft einzelner Juroren, ist der Luchs von Beginn an ein hanseatisches Programm, geprägt vom Kindheits- und Erziehungsmodell aufgeklärter protestantischer Bürger, die Vielfalt und Internationalität als Qualität ihrer Weltläufigkeit und nicht als Verlust ihrer Identität ansahen. Vor diesem Hintergrund trifft sich das publizistische Programm der ZEIT mit den Intentionen des Luchs – eine gute Voraussetzung für weitere zwanzig Jahre! Birgit Dankert

Birgit Dankert war Gründungsmitglied des LUCHS und ist Professorin für Bibliothekswissenschaften in Hamburg

…GEGEN KLISCHEES…
Die alte Frage des Luchs: Was darf das Bilderbuch und was nicht? Dürfen Illustrationen düster sein, darf die Erzählung ein schwieriges Thema anpacken, darf der Bildstil "künstlerisch" sein? Im Buchmarkt gibt es für Bilderbücher, die im Verdacht stehen, sich zu weit weg vom gesicherten Terrain zu entfernen, die Kategorie des "besonderen" oder "anspruchsvollen" Bilderbuchs. Der Begriff "anspruchsvoll" signalisiert aber weniger Anerkennung, als vielmehr ein latentes Misstrauen. Anspruchsvoll gleich anstrengend, so lautet die Gleichung.

Folgt man dem Gedanken, müssten viele der Bilderbücher, die in den vergangenen zwanzig Jahren zum Luchs gekürt wurden, als anspruchsvoll bezeichnet werden: Da wäre Maurice Sendaks letztes Bilderbuch Brundibar (2004), das auf einer Kinderoper basiert, die im Konzentrationslager Theresienstadt zwischen 1943 und 1944 aufgeführt wurde. Da ist Kveta Pacovskás Spiel- und Farbenbuch Rotrothorn aus dem Jahre 1999, ein Buch, das wie eine Papierplastik gestaltet ist und nur in freien Assoziationen erzählt. Oder das niederländische Bilderbuch Warten auf Seemann (2001) von André Sollie und Ingrid Godon, in dem sich Worte und Bilder zu einer poetischen Sprache verdichten. Anspruchsvolle, "schwierige" Bilderbücher, am Ende überflüssige Bücher?

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Die nicht endende Diskussion über die Kategorie des Anspruchsvollen zeigt ein tiefgreifendes Problem der Erwachsenen im Umgang mit dem Bildungsbegriff. Zwar entdecken Eltern und Vermittler, dass die frühe Bildung des Kindes immer wichtiger wird, verstehen aber Bildung vor allem als Wissenserwerb. Der Boom von Sachbüchern, von Ratgebern, Info- und Edutainment scheint Ausdruck dieses Wunsches zu sein, das Kind nachhaltig zu fördern. Geht es aber um die Förderung weniger greifbarer Fähigkeiten wie bildnerische und literarische Kompetenz, um eine ästhetische Bildung jenseits des Abprüfbaren und Messbaren, so werden Zweifel laut. Am Bildungsmedium der frühen Lebensjahre, dem Bilderbuch, wird diese Haltung besonders offenkundig: Solange der (vermutete) Bildungswert des Buches auf den ersten Blick abrufbar ist, ob lineare Erzählung oder "verständliche" Bilder mit einem Schuss kindlicher Naivität, wird der Bilderbuchkultur kräftig applaudiert; schieben sich subtilere Töne zwischen Text und Bild, werden die Farben dunkler und die Figuren rätselhafter, schüttelt man zweifelnd den Kopf.

Bildung auf Knopfdruck gibt es aber nicht; Bildung bedarf der Anstrengung, auch wenn die Verpackung unterhaltsam ist. Bilderbücher wie der Jahres-Luchs von 1998, Jutta Bauers Königin der Farben, führen in einer doppelten Lesart vor Augen, was ein Bilderbuch neben der leicht verständlichen Geschichte an zusätzlichen Erfahrungen bieten kann. Farben werden dort zu Handlungsträgern, zu stürmischen oder zärtlichen Helden; sie entfalten sich frei, sie kämpfen miteinander, aber sie zeigen auch Trauer und Tränen. Farben können tanzen und schweben, versetzen in immer neue Stimmungen. Jutta Bauers Bilderbuch erzählt eine Geschichte; zugleich ist es ein Skizzenbuch über die Entdeckung der Farbe und die Lust am freien Zeichnen.

Bilderbücher sollten sich einmischen in die Kultur, in der unsere Kinder aufwachsen, auch wenn es "anstrengend" sein könnte. Manche (vermutlich die besten) Bilderbücher erschließen sich erst, wenn man sich intensiver mit ihren Aussagen befasst. Und die können es in sich haben! In der verdrehten Weihnachtsgeschichte, die Brigitte Schär und Jörg Müller 2005 erzählten (Die Weihnachts-Show, Luchs vom November 2005), möchte der Osterhase endlich einmal Christkind spielen. Der Rollentausch führt zu einer urkomischen Weihnachts-Show, in der das Fest des Jahres zur turbulenten Parodie wird, inszeniert von einer unersättlichen Medienindustrie. Die Bilder Jörg Müllers suchen genau den Medienrealismus, der unseren Alltag, auch den der Kinder, bestimmt. Warum sollte Medienkritik im Bilderbuchalter ein Tabu sein, wenn sie einige Jahre später lauthals von den Pädagogen gefordert wird?

Bilderbücher, heißt es, sollen dem Kind die Welt nahe bringen und erklären. Die Welt des Kindes, vor allem in den ersten Lebensjahren, besteht aber zum größten Teil aus Nichterklärbarem. Das Unbewusste, Fremde und Tabuisierte spielt in der frühkindlichen emotionalen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Kinder brauchen Anlässe, um diese verborgenen Seiten des Lebens auszuleben. Eine stinkende Hyäne mit "Pestatem", die behauptet, eine Prinzessin zu sein, ein solches Wesen zwischen Abscheu und Faszination, dürfte direkt in die Psyche des Kindes zielen. In Wolfdietrich Schnurres kleiner Geschichte Die Prinzessin kommt um vier mit den Bildern von Rotraut Susanne Berner (Luchs vom Mai 2000) wird von diesen widerstreitenden Empfindungen erzählt. Kann man das, was einen abstößt, auch lieben? Seite für Seite enthüllen die bunten Zeichnungen eine zunehmend rabenschwarze Geschichte, die das Unheimliche, aber auch das Unmögliche in sich trägt und damit geheimen Fantasien Tor und Tür öffnet. Auch diese Erfahrungen sind Teil von Bildung. Dem Luchs von Radio Bremen und der ZEIT sind auch weiterhin noch viele Hyänen im Bilderbuchgewand zu wünschen, die den Kindern Erfahrungen bieten – auf anspruchsvolle und anstrengende Weise. Jens Thiele

Jens Thiele war langjähriges Mitglied der LUCHS-Jury und ist Professor für Visuelle Medien in Oldenburg

…UND GEGEN DAS UNVERBINDLICH NETTE
1986. Boris Becker feiert mit 18 Jahren seinen zweiten Wimbledon-Sieg. In der DDR beginnt sich die Bürgerbewegung zu formieren. Gorbatschow und Reagan bekunden ihren Willen zur Abrüstung. In der Kantine von Radio Bremen sitzen Ute Blaich und ich beim Mittagessen.

Wir sprechen über hässliche, mehr noch über schöne Kinderbücher. Sie, verantwortlich für die Kinder- und Jugendbuchseiten der ZEIT, schlägt mir, der Radioredakteurin, eine Idee vor. Die Idee eines gemeinsamen, monatlichen Kinder- und Jugendbuchpreises. Aus dem Dschungel der Neuerscheinungen solle ein Buch ausgewählt werden, dessen literarische und ästhetische Qualität es verdiene, zweifach öffentlich Aufmerksamkeit zu erzeugen: in der ZEIT und in Radio Bremen.

Statt Konkurrenz Allianz. Ein mediales Bündnis aus privatwirtschaftlich organisiertem Printmedium und einer öffentlich-rechtlichen Anstalt: ein Novum. Zwei Medien, die unterschiedlicher nicht sein können, das flüchtige Medium Radio und die ZEITung. Wir meinen: eine ideale Ergänzung! Ob die damaligen Geschäftsleitungen es auch so ideal gesehen haben? Wir lassen uns nicht beirren.

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Da jedes Kind einen Namen braucht, suchen wir danach, unterstützt von der ersten Jurorenrunde mit Birgit Dankert, Jürgen Spohn, Jo Pestum, Rudolf Wenzel. Wir werden fündig im literarischen Bestiarium. Auf Anhieb gefällt uns der Luchs: ein Einzelgänger, der dem Ort, an dem er sich wohlfühlt, sein Leben lang treu bleibt. An seinen Ohren hat er lange Pinsel, die wie Antennen funktionieren. Mit ihnen ortet er das Geschehen um sich herum: sorgsam, sensibel, neugierig, in jedem Fall wachsam. Seinem scharfen Blick entgeht nichts, sein unbestechliches Auge wird von Freund und Feind geachtet.

Ein Signet muss her. Wer könnte das pointierter gestalten als der Vater des Anti-Struwwelpeters, Schöpfer des bedrängten Nacktschnecks oder der Eule im Norwegerpullover: der Autor, Grafiker und Zeichner Friedrich Karl Waechter. Sein bildlich gewordener Luchs ist ein zart gezeichnetes Wesen. Seine scharfen Zähne halten das Buch liebevoll, aber so fest, als wollten sie es nicht wieder loslassen.

Am 3. Oktober 1986 taucht er zum ersten Mal auf. Und von nun an alle vier Wochen in der ZEIT und am selben Tag im Kulturprogramm von Radio Bremen. Noch ein Novum: Kinderliteratur steht da gleichberechtigt neben so genannter Erwachsenenliteratur, neben Heinrich Böll, Per Olov Enquist, Günter Grass, Heinrich Heine, Patrick Süskind. Kinder- und Jugendliteratur wird vorgestellt als das, was sie ist: Literatur. Allerdings: Eine wortgewandte, feinsinnig formulierte Rezension in der ZEIT muss nicht gleichermaßen im Radio überzeugen. Das Radio gehorcht anderen Wirkungskriterien, es lebt neben der gelungenen Formulierung von klanglich-gestalterischen Mitteln. Durch pointiertes Pausensetzen zum Beispiel oder durch Akzentuierungen und Stimmführung lassen sich Nuancen mitteilen, die sich einer schriftlichen Fixierung entziehen. Für viele eine aufreibende, mitunter schweißtreibende Angelegenheit. Aber alle machen mit: Rezensenten, Autoren, Übersetzer. Und die Hörer von Radio Bremen lernen ihre Stimmen kennen, die von Peter Sis, Mirjam Pressler, Tomi Ungerer, Zoran Drvenkar, Wolf Erlbruch, Květa Pacovská, Andreas Steinhöfel, Reinhard Osteroth, Jens Thiele, Ulrich Greiner, Elisabeth von Thadden, Siggi Seuß…

Ute Blaich verließ 1990 die ZEIT, Konrad Heidkamp kam. Der Luchs blieb, wie es seine Art ist, seinem alten Revier treu, wurde noch aktiver. Aus 12 monatlichen Luchsen wird der Jahresluchs seit 1997 ausgewählt und gefeiert. Und seit 1998 hat er sein Revier sogar erweitert: Er ging online. Auf der Homepage von Radio Bremen kann der User ihm lesend und hörend begegnen. Und da der Luchs ja pfiffig ist, verlinkt er sich obendrein allmonatlich mit der ZEIT. Marion Gerhard

Marion Gerhard war Gründungsmitglied und Redakteurin bei Radio Bremen. Sie ist jetzt Mitglied der LUCHS-Jury

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