Ich würde Sie anschauen und sagen: Hi, wie geht’s? Wie ist das Wetter in Deutschland? Sie können jetzt einfach mein Buch unter den Bildschirm schieben. Was soll ich reinschreiben? Soll ich noch eine kleine Katze dazu malen?« MARGARET ATWOOD: Ihre neuen Erzählungen sind unter dem Titel »Das Zelt« eben auf deutsch erschienen BILD

Wenn ich hier verschaukelt werde, dann findet dies auf die charmanteste Art statt, die ich mir vorstellen kann. Die elegante Lady mit den blitzblauen Augen unter der breiten schwarzen Hutkrempe, die mit mir im Café sitzt, kommt gerade von einer Verlagssitzung, Thema Longpen. Longpen? Ja, ein interaktiver Videobildschirm. Sie malt eine kleine Skizze in mein Notizbuch, erklärt: »Jemand wie ich soll ständig zur selben Zeit überall sein. Die Flugreisen, die Zeit, in der man zu nichts anderem kommt… Vor ein paar Jahren starteten wir also diese Initiative: Man sitzt an einem Bildschirm, kann mit der Autorin reden, sie sehen, sein Buch signieren lassen.« Wäre dies eine Werbeveranstaltung, Margaret Atwoods anmutiger Schalk in Verbindung mit ihrer präzis-knappen, wortwitzigen Sprache und ihrer Lust am Beschreiben technischer Sachverhalte hätte den Longpen längst etabliert. Zumindest aber die Botschaft vermittelt: Hier räumt jemand den Ressourcen Zeit und Umwelt oberste Priorität ein.

Die Geschichte mit dem Longpen ist also ernst gemeint. Aber wie mit den viel ernsteren Themen, mit denen Margaret Atwood ihre Bücher und Arbeitstage füllt, geschieht dies in a very funny way; mit Wort- und Augenwitz und einer Stimme, die vom vielen Lachen ganz jung und biegsam geblieben ist. Es ist Mittagszeit, in der vielspurigen Bloor Street, einer der Hauptverkehrsadern von Toronto, herrscht konzentriertes Menschen- und Autogewimmel; hier liegt die Bar, die Margaret Atwood als Treffpunkt vorgeschlagen hat, chromglänzend, italienisch, gut besucht und inmitten imposanter steinerner Klötze. Hier ist verdichtete kanadische Bildungslandschaft; Museen, Philharmonie, Universität, urbane Vielfalt unter strahlend blauem Himmel. Irgendwo in dem ruhigen Wohnviertel hinter der Bloor Street muss auch das Haus von Margaret Atwood und ihrem Mann, dem Schriftsteller Graeme Gibson, liegen. Dort wollte sie sich nicht verabreden – zu Hause ist ein privater Ort. Zu Hause ist aber auch ein komplexer Ort, und was Toronto betrifft, sind Margaret Atwoods Wurzeln nicht auf ein Haus beschränkt, sondern gehen in die Breite einer ganzen Kindheit und Jugend, reichen bis in jene tiefere Zone, in der die Schriftstellerin gerade das, was ihr vertraut ist, infrage stellt.

Was Toronto betrifft, zum Beispiel, erinnert sie in ihrem neuen Buch daran, dass die Stadt, die heute Bewohner aus mehr als 120 Nationen in sich vereint, ihren Namen ihren ersten Bewohnern verdankt; den – heute First Nations genannten – Indianern. In deren Sprache heißt Toronto »Versammlungsplatz«. In Atwoods neuem Band mit Prosastücken (Das Zelt) schreibt sie: »Was sie [die Indianer] betrifft, so haben unsere Hauptstädte Namen, die auf ihre Namen zurückgehen, das gilt auch für unsere Biermarken… Manchmal tauchen sie in den Museen auf, ohne Hüte, in den alten farbigen Trachten, und singen authentische Lieder und tun so, als wären sie sie selbst. Damit verdienen sie Geld. Aber in bestimmten Momenten, dann und wann, in der Abenddämmerung vielleicht, wenn die Nachtfalter und die nachts blühenden Pflanzen herauskommen, riechen unsere Hände nach Blut. Das haben wir ihnen angetan. «

Vom Verkehr umtost, hatte man in der Bar gesessen, in den Händen Das Zelt. Den Band ziert eine ungewöhnliche Umschlagzeichnung: ein Zelt, aus Wörtern geformt, an denen zwei archaische rote Höllengeschöpfe mit feurigem Schweif nagen. Wieder einmal präsentiert Margaret Atwood Kürzestprosa, diesmal gar mit eigenen Bildern. Schon in Gute Knochen hatte die Kanadierin die harte Logik von Machtverhältnissen in parabelhaft zugespitzten Texten durchdekliniert; rätselhafte Traumbilder in Prosagedichte gebannt. »Oh nein. Nicht schon wieder. Das ist der Kleidertraum. Den hab ich schon seit fünfzig Jahren. Gang um Gang, Schrankvoll um Schrankvoll, Metallständer um Metallständer mit Kleidung… Alles ist schon getragen worden. Nichts passt. Zu klein, zu groß, zu magentafarben. Diese Polster, Reifen, Raffungen, Drahtkrägen, Samtkapuzen – keine der Verkleidungen ist meine. Wie alt bin ich in diesem Traum? Habe ich Brüste? Wessen Leben lebe ich? Wessen Leben vermag ich nicht zu leben?«

Dann war Margaret Atwood, zierlich und wunderschön, mit kräftigen Schritten hereingekommen. Sie, die zwischen Dingen wie einer Longpen-Kampagne, Interviews, Reisen und Lesungen, dem Verein zur Rettung bedrohter Vögel, den Grünen, intimem Familien- und reichem geselligem Leben unterwegs ist, wann schreibt sie eigentlich? »Fast immer, wenn ich nichts anderes tue. Aber regelmäßig, das leider nicht. Neulich hab ich mal wieder mit einiger Belustigung Kurzgeschichten von Henry James gelesen, die in etwa so beginnen: ›Mr. Soundso hat ein bescheidenes Haus mit hübschem Garten und eine reizende Frau.‹ Wie bescheiden sein Anwesen ist, kann man daran sehen, dass er nur vier Angestellte hat – lucky Mr. Soundso! Er konnte sein ganzes Leben seiner Arbeit widmen, kein Telefon störte ihn.

So läuft’s einfach heute nicht mehr, auch bei mir nicht. Möchten Sie meinen Planer sehen? Hier wären wir bei 2008 – nein, ganz so schlimm ist es nicht.« Wenn sie an einem Roman sei allerdings, werde das Leben für eine Weile anders. Dann schreibe sie acht Stunden täglich und an nichts anderem. Sonst, wie jetzt gerade, wenn sie vier oder fünf Schreibbaustellen gleichzeitig habe, könne sie an allem ohne Unterbrechung weiterschreiben. »Das war immer so. Sonst hätte ich nie was zustande gebracht. Vermutlich habe ich aus dem dauernden Mangel an Zeit heraus eine Art Tagtraumleben entwickelt – so kann ich fast nahtlos vom einen Leben ins andere übergehen.«