Mensch und Natur haben, literarisch betrachtet, eine lange und dramatische Geschichte. Früher standen sie sich durchaus feindlich gegenüber. Zum Beispiel so: Auf der einen Seite stand Schneewittchen, auf der anderen der vergiftete Apfel. Jeder weiß, was passiert ist. Schneewittchen hat in den vergifteten Apfel gebissen und ist wie tot zu Boden gefallen. Das waren noch Zeiten. Heute ist das anders. Heute gibt es vergiftete Äpfel in jedem Supermarkt zu Schnäppchenpreisen, und wer die isst, der fällt nicht um, weil diese Äpfel nämlich überhaupt nicht mehr schädlich sind. Ein Märchen wie das von Schneewittchen und dem vergifteten Apfel müsste man heute glatt umschreiben. Nach dem Motto: Zu Schneewittchens Zeiten hatten wir die gezielte Lebensmittelvergiftung noch nicht im Griff, heute darf jeder nach Herzenslust ins giftige Obst hineinbeißen. Wir haben das unter Kontrolle.

Seitdem wir alles unter Kontrolle haben, kommen Äpfel in der Literatur nicht mehr vor. Das ist eingedenk der tragenden Rolle, die Äpfel im gesamten älteren Schriftgut gespielt haben, ein Verlust. Wenn auch ein verständlicher. Wer schreibt schon gerne über Dinge, die man derart im Griff hat?

Anders als den Apfel haben wir das Wetter nicht im Griff. Vielleicht liegt es daran, dass über das Wetter in der Literatur immer besonders viel geschrieben wurde. In den ältesten Schriften kommt das Wetter von Gott. Gott schickt Dürre und Sintflut. Im englischen Schauerroman schickt der Autor beim Auftritt des Bösewichts immer ein besonders schreckliches Gewitter mit. In der deutschen Romantik schickt er meistens malerischen Nebelglanz, der sich sehr schön reimen lässt auf die erlöste »Seele ganz«. Im bürgerlichen Realismus und im Trivialroman bestätigt das Wetter ordnungsgemäß, was dem Helden auch ohne Sonnenschein, Regenguss oder Kälteeinbruch zugestoßen wäre. Das alles sind Stationen einer leidenschaftlichen Beziehung.

In den Zeiten des Klimawandels ist damit Schluss. Inzwischen geht es dem Wetter literarisch in etwa wie dem Apfel. Die deutsche Literatur interessiert sich kaum noch für die beiden. Bei Elfriede Jelinek regnet es so gut wie nie, bei Botho Strauß kommt man wenig aus dem Haus, Martin Walser hat andere Sorgen, und der Klagenfurter Nachwuchs besorgt sich seine Schneeflocken, wenn er sie mal braucht, in der älteren Literatur.

Der Rückzug des Wetters aus dem deutschen Gegenwartsroman ist, eingedenk der tragenden Rolle, die das Wetter jahrtausendelang in der Literatur gespielt hat, ein Verlust. Im Vergleich zu den Problemen, die uns die neuzeitliche Wettervergiftung bereitet, mag er kaum ins Gewicht fallen. Denkt man an den schönen alten Nebelglanz, dann fehlt er doch der Seele ganz. Iris Radisch