Diesen Besuch hatte man im Weißen Haus nicht gerade herbeigesehnt. Nach dem unverhofft deutlichen Sieg der Demokraten machte Nancy Pelosi, die neue Mehrheitsführerin des Repräsentantenhauses, im Präsidialamt ihre Aufwartung. Für die regierenden Konservativen im Weißen Haus muss das protokollarisch vorgeschriebene Treffen mit der als links verschrienen Politikerin aus dem Schwulen- und Lesbenparadies San Francisco eine Herausforderung der dritten Art gewesen sein. Der Präsident und sein Vize bewältigten die Begegnung mit eisigem Dauerlächeln. Als Bush anschließend gefragt wurde, wie er sich denn die Zusammenarbeit mit einer Frau vorstelle, die ihn wiederholt als »inkompetent« und als »Lügner« bezeichnet habe, erwiderte er: »Es ist nicht das erste Rodeo, an dem ich teilnehme.« Nancy Pelosi BILD

Unklar blieb, was er mit diesem Vergleich meinte – ob er sich in der Rolle des Reiters oder des Gerittenen sah.

Wahlen in den USA sind immer auch ein Test für die Machtverschiebungen jenseits der Parteien. Sie geben Auskunft darüber, wie die notorisch unterrepräsentierten Wählergruppen im Kongress vertreten sind: Latinos, afrikanische Amerikaner, Muslime. Aber auch: Frauen. Tatsächlich haben die Zwischenwahlen vom 7. November nicht nur zu einem Triumph der Demokraten, sondern auch zu Erfolg der Frauen geführt: Die Wahlen haben ihnen fünf Sitze mehr beschert. Das entscheidende Signal aber ist die neue Rolle Nancy Pelosis. Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte übernimmt eine Frau den Posten des Speakers im Repräsentantenhaus. In der Hierarchie rangiert die liberale Demokratin gleich hinter dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten.

In den sechs Amtsjahren von George W. Bush war das Wort »liberal« fast aus dem politischen Alltag verschwunden. Die neokonservativen Ideologen der Republikanischen Partei und ihre Gesinnungsgenossen in den Medien hatten es geschafft, die ehrwürdige amerikanische Tradition des Liberalismus als eine Art Geisteskrankheit hinzustellen, die für Übel wie Atheismus, Waffenkontrolle, Abtreibung, sexuelle Freizügigkeit und Café Latte stand. Viele Demokraten beeilten sich, den Ruch eines Liberalen loszuwerden. An Nancy Pelosi jedoch blieb das neue Unwort in all den Jahren kleben – und die Trägerin dieses Namens schien auf das Etikett auch noch stolz zu sein.

Die neue Ms Speaker, als Kind italienisch-amerikanischer Eltern in Baltimores Little Italy nahe dem Hafenviertel aufgewachsen, hat das politische Geschäft mit dem Laufen erlernt. Sie half ihrem Vater Thomas D’Alesandro Jr., genannt »Big Tommy«, bei seinen Wahlkämpfen, tütete Wahlkampfschreiben ein, tippelte bei Demonstrationen mit, hörte zu, wenn er Reden hielt oder Sponsoren und Wahlkampfhelfer motivierte. Ein frühes Foto zeigt die Siebenjährige, wie sie ihrem Vater während seiner Inauguration zum Bürgermeister von Baltimore die Bibel hält. Damals sprach sie ihre erste öffentlichen Worte: »Lieber Papa, ich hoffe, dieses Heilige Buch wird dich dabei leiten, ein guter Mensch zu sein.«

Bis heute ist Nancy Pelosi eine aktive Katholikin. Von der Mutter, die fünf Söhne und eine Tochter großzog und gleichzeitig Zeit fand, sich ins kommunale Leben einzumischen, übernahm sie das Organisationstalent und die Fähigkeit, sich in einer von Männern geprägten Umgebung durchzusetzen. Nancy Pelosi ist ihrerseits Mutter von fünf Kindern; allerdings hat sie für einen Ausgleich der männlichen Übermacht in der Familie gesorgt. Mit ihrem Ehemann, dem Geschäftsmann Paul Pelosi, hat sie vier Töchter und einen Sohn. Inzwischen ist die fünffache Mutter auch fünffache Großmutter – beides Titel, auf die sie sich gern beruft, um sich zwischen den Bässen und Baritonen im Kapitol Gehör zu verschaffen. Als sie auf ihrer ersten Pressekonferenz nach dem 7. November von Journalisten ermahnt wurde, lauter zu sprechen, man würde sie kaum hören, trat sie ihnen unversehens im Kommandoton entgegen: »Ich kann Ihnen auch mit meiner Mutter-von-fünf-Kindern-Stimme antworten.«

Politisch ist Nancy Pelosi durch die Erfahrungswelt ihrer Eltern geprägt. Es war die Zeit des New Deal, die Zeit, in der Amerika angesichts eines Millionenheers von Arbeitslosen die Sozialpolitik und den Wohlfahrtsstaat entdeckte. Erst jüngst, zwei Tage nach den Novemberwahlen, hat Pelosi sich ausdrücklich auf diese Familienerfahrung berufen: »Was mich geprägt hat, ist die Idee von einer fairen Wirtschaft, die in all den Jahren den Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten ausgemacht hat. … Es ging immer um ein Programm der wirtschaftlichen Fairness, das vielen, allen Amerikanern erlaubt, am wirtschaftlichen Erfolg des Landes teilzuhaben.«