DIE ZEIT: Warum interessiert sich die Öffentlichkeit plötzlich so sehr für Verbrechensopfer?

Jan Philipp Reemtsma: Bei bestimmten Verbrechen hat es schon immer ein heftiges Interesse an den Opfergeschichten gegeben. Gerade Entführungsopfer waren von jeher interessant, denken Sie nur an die Lindbergh-Entführung 1932. Trotzdem – es findet in der Tat ein genereller Umorientierungsprozess statt, sowohl in der Rechtsprechungspraxis wie in der Rechtstheorie, aber auch in der Literatur. Nach 1945 ist eine völlig neue Literaturgattung entstanden, die seither eine große Karriere gemacht hat: die Memoiren von Opfern. Den Opfern ist im Laufe der Zeit die Deutungsautorität über ihre Erlebnisse – und zuweilen generell über die Welt – zugewachsen. Zunächst handelte es sich um die Memoiren der Überlebenden der Konzentrationslager, aber die Literaturgattung und das Interesse an ihr haben sich ausgedehnt auf die Berichte von Opfern normaler Verbrechen – Vergewaltigungsopfer, Entführungsopfer. Ich habe ja selbst in dieser literarischen Gattung mitgewirkt.

ZEIT: Mit Ihrem Buch Im Keller, in dem Sie Ihre eigene Entführung schildern.

Reemtsma: Ja, und da ist mir aufgefallen, wie die Leute auf mich als Autor des Buches reagiert haben, sie behandelten mich, als sei ich eine Art Guru. Das hat mich stark irritiert. Aber ich halte das für ein Indiz dafür, dass man heute anders auf die Opfer blickt. Auch auf Menschen, die nichts weiter sind als Opfer. Den Helden hat man immer geschätzt. Auch den scheiternden Helden, den Indianerhäuptling, der bis zum letzten Atemzug kämpft. Heute heroisiert man auch das Opfer. Die Wandlung führt sogar so weit, dass selbst das schambesetzteste Verbrechen, die Vergewaltigung, zu etwas wird, worüber eine Frau heute schreiben kann. Und das wird geachtet.

ZEIT: Ein Paradigmenwechsel also?

Reemtsma: Eine kulturelle Transformation, die umso erstaunlicher ist, als sie gegen elementare menschliche Affekte geht. Diese abergläubische Abneigung gegen das Opfer, die das Opfer mit der Tat irgendwie schuldhaft in Verbindung bringt, gehört zur anthropologischen Grundausstattung und wird nun plötzlich kulturell überwölbt.

ZEIT: Was halten Sie davon, dass Opfer in Massenmedien auftreten?

Reemtsma: Ich halte es zunehmend für ein Problem und würde mir wünschen, Opferanwälte wären klüger und wären auch die Medienberater ihrer Mandanten.

ZEIT: Was sollten die Anwälte denn raten?

Reemtsma: Das kommt auf das jeweilige Opfer an. Wer derart traumatische Erlebnisse hinter sich hat, sollte jedenfalls nicht bei Kerner oder in einem ähnlichen Sendeformat sitzen. Dort hat ein Verbrechensopfer nichts zu suchen. Der Anwalt sollte ihm sagen: Lass es bleiben!

ZEIT: Warum?

Reemtsma: Es entsteht in diesen Gesprächen eine scheinbare Aufgeschlossenheit. Ich könnte mir vorstellen, dass man bei solchen Interviews vergisst, dass man im Fernsehen ist, und das Gefühl bekommt: Hier wird für mich etwas getan. Wird es aber nicht! Sondern das Opfer wird bloß ausgestellt. Todesangst und totale Hilflosigkeit sind keine Erlebnisse, über die man mit einem Moderator plaudern kann. Und tut man es doch, wird man das Studio verlassen und sich im tiefsten Inneren missbraucht fühlen. Davor muss der Anwalt das Opfer schützen.

ZEIT: Haben die Anwälte nicht ein persönliches Interesse daran, das Opfer in den Medien zu sehen? Es trägt ja zu ihrer eigenen Bekanntheit bei.

Reemtsma: Deshalb sollte es zur Standesethik von Opferanwälten gehören, ihren Mandanten zur Medienabstinenz zu raten. Für die Psychologen gilt das allemal. Psychologen, die im Fernsehen über ihre Patienten sprechen, verstoßen gegen elementare Regeln der Standesethik, auch wenn ihre Patienten ihnen das erlauben.

ZEIT: Sie haben sich im Prozess gegen Ihren Entführer Thomas D. für dessen Sicherungsverwahrung ausgesprochen.

Reemtsma: Ich habe nie die Illusionen derer geteilt, die in den siebziger Jahren glaubten, man könne ohne Strafrecht auskommen, Trotzdem waren manche Leute darüber schockiert, dass ich mich als Nebenkläger in eigener Sache für die Sicherungsverwahrung ausgesprochen habe. Allerdings nur im Falle des Haupttäters. Der allerdings hat in seinem Leben so gut wie alles vermieden, was legal ist. Er hat eine Kriminalitätskarriere gemacht, und seine Straftaten wurden von Mal zu Mal drastischer und gefährlicher. Er sagte mir bei der Entführung ganz klar: Ich will reich sein! Und wenn er wieder entlassen ist, muss er alles auf eine Karte setzen. Und deshalb fand ich die Sicherungsverwahrung am Platze.

ZEIT: Das Gericht hat es 2001 anders gesehen. Die Verschärfung des Strafrechts ist inzwischen stark fortgeschritten. Heute würde D. wahrscheinlich sicherungsverwahrt werden.

Reemtsma: Gut möglich.

ZEIT: Wie stehen Sie als liberaler Mensch zu dieser Entwicklung?

Reemtsma: Man muss sie im historischen Zusammenhang sehen. Es ist doch vor allem die Gewaltkriminalität, zu der ich auch die Sexualdelinquenz rechne, die man heute schwerwiegender bewertet – im Gegensatz zur Vermögenskriminalität. Eine Gesellschaft, die aus einem Krieg kommt, in der die meisten Familien noch Auswirkungen von Gewalt erlebt haben und in der es Armut und Not gibt, wird gerade die Vermögenskriminalität als besonders bedrohlich empfinden. Wohingegen eine reiche Gesellschaft, zu deren Alltag die Gewalt nicht mehr gehört, sich von Gewalttätern ganz anders bedroht fühlt. Und in gewissem Sinne kann ich dagegen nichts einwenden.

ZEIT: Immer gnadenlosere Strafen – wollen die Opfer Rachejustiz?

Reemtsma: Ich kann Opfer verstehen, die sich nur wohlfühlen, wenn sie wissen: Der kommt nie wieder raus. Aber sie überschätzen alle die Befriedigung, die eine hohe Strafe für das Opfer hat. Die Vorstellung, dass die Strafe das Äquivalent für Rache ist, ist sehr verbreitet: Man glaubt, weil das Individuum keine Rache üben darf, übernimmt der Staat diese Aufgabe. Ganz egal, ob man diese Vorstellung moralisch für vertretbar hält – psychologisch ist sie Unsinn. Ich kann mich nur selber rächen. Wenn ich mich traue, kann ich auf den Täter losgehen, ihn zusammenschlagen oder umbringen.

ZEIT: Und was macht der Staat?

Reemtsma: Für mich ist es völlig in Ordnung, wenn jemand Rachewünsche hat. Unser Rechtssystem erlaubt es aber nicht, dass diese Wünsche ausgelebt werden, und das ist richtig so. Die Rachebedürfnisse der Opfer müssen vom Staat frustriert werden.

ZEIT: Dafür werden sie jetzt im Fernsehen erfüllt.

Reemtsma: Nein, dort werden sie bloß geäußert. Und das ist schon unangenehm genug. Mir haben nach der Entführung viele Leute geschildert, was man den Erpressern alles antun sollte. Ich wollte das nie hören. Ich habe es als abstoßend empfunden. Es zeigte mir, dass fremde Leute mein Schicksal zum Anlass nahmen, um ihre eigenen bösartigen Fantasien auszuleben.

ZEIT: Wie sähe ein Strafrecht aus, das aus der Opferperspektive verfasst ist?

Reemtsma: Vermutlich nicht viel anders. Wir kommen ja nicht weg vom täterorientierten Strafrecht. Wir können uns vom Schuldbegriff nicht ganz verabschieden. Und wir können das Strafmaß nicht aus der Subjektivität des Opfers gewinnen. Das würde unser Rechtssystem auf den Kopf stellen. Und unser Rechtssystem ist – finde ich – in Ordnung. Was sich aber geändert hat, ist der Blick auf die Tat: Was wurde einem Menschen durch einen anderen angetan? Bei Vergewaltigungen signalisierte eine männlich dominierte Rechtsprechung früher: Die Frauen sind irgendwie selber schuld, und so schlimm ist das alles gar nicht. Dem haben sich irgendwann so viele Opfer dieser Tat widersetzt, bis auch in männlichen Gehirnen der Gedanke, dass Vergewaltigung ein schweres Verbrechen ist, an Plausibilität gewonnen hat.

ZEIT: Die Mehrheit der Gewalt- und Sexualverbrecher entstammt gewalttätigen oder chaotischen Familienverhältnissen. Wann schlägt das Mitleid mit dem Opfer in Hass auf den Täter um, der doch derselbe Mensch ist?

Reemtsma: Die bloße Tatsache, dass jemand ein Leben hinter sich hat, das die statistische Wahrscheinlichkeit, später zum Täter zu werden, stark vergrößert, exkulpiert ihn nicht. Es gibt auch viele misshandelte Kinder, die niemals im Leben einem anderen Leid zufügen würden.

ZEIT: Diese Art Opfer verdient keine Anteilnahme?

Reemtsma: Doch. Ich kann einen Menschen, der gelitten hat, bedauern wegen des Leides, das er erfuhr – dennoch muss er bestraft werden, wenn er selbst Menschen willentlich Leid zufügt. Man muss das Thema der Strafe immer von zwei Seiten ansehen: Wir sind alle potenzielle Verbrechensopfer, und wir sind alle potenzielle Angeklagte, schuldig oder unschuldig.

ZEIT: Was unterscheidet das Verbrechensopfer von den anderen Menschen?

Reemtsma: Es weiß mehr als die anderen.

ZEIT: Was mehr?

Reemtsma: Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Ein Entführer sagt Ihnen, er bringe Ihnen jeden Morgen um acht Uhr zu essen. An diesen Rhythmus gewöhnen Sie sich. Eines Tages kommt er aber nicht um acht, auch nicht um neun oder um elf. Was löst das in Ihnen aus? Sie sind sicher: Es ist so weit. Ich werde jetzt hier verhungern und verdursten. Und dann stellt sich heraus, der Entführer schläft eben morgens gerne lang und hat verpennt. Und die bloße Tatsache, dass jemand ein paar Stunden länger schläft, korrespondiert mit dem Gefühl der Todesangst eines anderen.

ZEIT: Und was bedeutet das für die Rechtsprechung?

Reemtsma: Es bedeutet, dass solche Perspektiven vor Gericht mehr und mehr zur Sprache kommen, was sich auf die Urteilsfindung auswirkt. Allerdings ist eine solche Zeugenaussage immer eine psychische Belastung – auch für jemanden, der gelernt hat, in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Das Gespräch führte Sabine Rückert

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