Angst?Nein, Angst hat sie nie gehabt, sagt Zahra Breshna. Immer wenn ich in Kabul bin, fühle ich mich sicher, nicht mehr und nicht weniger als in Berlin.Das klingt ziemlich selbstbewusst und kess aus dem Mund einer jungen Frau, die noch nicht lange wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist und die eigentlich allen Grund hätte, ein wenig schüchtern zu sein.Schließlich ist Zahra Breshna nicht zu ihrem Vergnügen hier, sondern mit einer Mission, bei der man grandios scheitern kann.Es geht um nichts weniger als um die Zukunft Afghanistans: den Wiederaufbau d er Altstadt von Kabul, die in den neunziger Jahren von den Mudschahedin mit ihren Granaten zu einer wahren Trümmerwüste zersiebt wurde.Das Herzstück der afghanischen Identität heute in weiten Teilen ein Slumgebiet, ein urbanes Gerippe. Dass die Neugestaltung des urbanen Zentrums eine Herkulesaufgabe werden würde, war Zahra Breshna von Anfang an klar.Mit vielen guten Absichten und einem Köfferchen voller Computerdisketten und Plänen ist sie vor zwei Jahren in ihr Heimatland zurückgekehrt, nachdem sie in Berlin ihre Dissertation abgeschlossen hatte.Thema: die Altstadt von Kabul und ihre mögliche Revitalisierung.Jetzt kämpft die junge Frau einen ziemlich einsamen Kampf in der lehmigen, ungemütlichen Metropole.Wenn Zahra Breshna durch die Gassen der Altstadt schlendert, muss sie über Abwässer und alte Plastikflaschen hinwegsteigen, gegen den penetranten Uringestank hilft oft nur ein Taschentuch, das sie sich auf die Nase presst. Der Flughafen ist die letzte FriedensfestungUnsere Altstadt ist zu einem Synonym von Chaos und Dreck verkommen, murmelt sie.Viele Kabuli leben noch immer unter erbarmungswürdigen Umständen in lehmigen Höhlen, oft ohne Türen und Fenster. Manche Politiker wollten Alt-Kabul schon mit dem Bulldozer wegplanieren, wegen der hässlichen Narben, der zerstörten Infrastruktur. Aber Abriss, Brutalmodernisierung?Ein hübsches, sauberes Business-Zentrum für das neue Afghanistan der Ära Karsai nein danke. Kabuls Hauptproblem sind nicht Drogenhandel, Terrorismus oder ein Wiedererstarken der Taliban.Die Bevölkerung hat viel bodenständigere Sorgen, ereifert sich Breshna.Schon deshalb, weil sich die Zahl der Einwohner in zehn Jahren mehr als verdreifacht hat, weil Kabul aus allen Nähten platzt.Ein Magnet für Flüchtlinge aus ganz Afghanistan schließlich ist die international überwachte Hauptstadt immer noch die einzige halbwegs sichere Friedensfestung im ganzen Land.Aber Wohnraum findet in der überla ufenen und überteuerten Stadt fast niemand.Schon existieren Pläne, die Neuankömmlinge auf einer Hochebene am Flughafen anzusiedeln Kabul II heißt das größenwahnsinnige Projekt, eine Trabantenstadt, in der das Leben nichts mehr zu tun hätte mit der al ten zentralasiatischen Metropole. Zahra Breshnas Schlachtfeld ist die Altstadt.Ihre Doktorarbeit darüber hat sie schon in den Neunzigern begonnen, als Kabul noch in der Hand der Taliban war.So wurde die junge Frau zur weltweit größten Spezialistin auf diesem Gebiet - nach der Vertreibung der Koranschüler und ihres Steinzeitislams präsentierte sie aus eigenem Antrieb ihre Entwürfe und erhielt prompt vom Städtebauministerium einen Auftrag, der Stadtplanern vorkommen muss wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht: der Altstadt wieder Leben einflößen, nicht historisierende Rekonstruktion betreiben, sondern die Chance zur vorsichtigen und doch visionären Umgestaltung nutzen. Davor aber stehen die Mühen der Ebene.Zahra Breshna hat sich in Kabul nicht nur Freunde gemacht.Ihre Gegner werfen ihr Besserwisserei vor und unerträgliche Arroganz, sie kenne die wirklichen Probleme des Landes nicht und habe in den Jahren des Exils in Deutschland jeden Bezug zur Realität verloren.Tatsächlich ist ihr die Stadt während ihrer zwanzigjährigen Abwesenheit fremd geworden, sie musste erst, das gibt sie gerne zu, wieder Boden unter den Füßen gewinnen.Die Tage verbringt sie in einem sti ckigen Büro in einer Plattenbausiedlung im Nordosten Kabuls, im Winter ist es eiskalt, weil die Heizung nicht funktioniert.Im ganzen Haus gibt es nur einen Telefon- und Faxanschluss.Zarah Breshna ist umgeben von Mitarbeitern, die guten Willens, aber schlecht ausgebildet und miserabel bezahlt sind.Viele waren lange arbeitslos, freuen sich überhaupt wieder, in Lohn und Brot zu stehen, und sind vom Sinn ihrer Aufgabe restlos überzeugt. Es geht um sehr viel mehr als nur um ein paar Häuser und Straßenzüge, sagt Zarah Breshna.Der Wiederaufbau der Altstadt habe Symbolwert für das ganze Land.Die Hauptstadt verbindet alle Volksgruppen miteinander, so verfeindet sie in den Regionen auch sein mögen.Deshalb strahlt die Stadt auch aus auf die afghanische Provinz, in der noch Feudalismus, Fanatismus und Fundamentalismus regieren nur die Städte, nur das urbane Modell des Miteinander, davon ist Zahra überzeugt, können den Afghanen Fortsch ritt bringen: Deshalb braucht Afghanistan urbane Strukturen.Sie sind der Nährboden der Demokratie. Die zierliche Zahra Breshna kann eine taffe Frau sein.Sie stammt aus der berühmtesten Architektenfamilie des Landes, schon ihr Vater arbeitete als Stadtplaner und Architekt für König Sahir Schah. Ich will keinen größenwahnsinnigen Masterplan vorlegen, der vorgibt, alle Probleme auf einmal zu lösen, sagt sie. Das haben die Russen schon in den sechziger und siebziger Jahren versucht.Geblieben sind Bausünden wie überdimensionierte Autobahnen und Schnellstraßen, die tief in den Körper der Stadt einschneiden, flankiert von neunstöckigen Hochhäusern, einem gigantischen Freizeitpark, alles im stalinistisch-monumentalen Stil.Zahra Breshna will eine afghanische Lösung, eine, die die Bedingungen des Ortes und der Situation genau berücksichtigt, anstatt den Einwohnern wie unmündigen Objekten fertige Rezep te aufzuzwingen: Die Menschen müssen in die Planung einbezogen werden. Ganz neue Töne im neuen Afghanistan, wo das Geld und die Macht der lokalen Potentaten bisher allein über die Gestaltung der Wirklichkeit entscheiden.Und doch gibt es seit Jahrhunderten in islamischen Städten erstaunliche Mitspracherechte.In den verwinkelten Straßen und den nach innen gerichteten Häusern entwickelten sich autonome, dezentrale Strukturen, die keiner Obrigkeit unterworfen waren und in denen sich bürgerliche Freiheiten entwickelten.Das Leben spielte sich meist in Gärten un d in den Innenhöfen ab mit einem Schuss Chaos, auch einer gewissen Unabhängigkeit vom Staat. Solche selbstgewachsenen Strukturen möchte Zahra Breshna wiederbeleben.Ihre Auftraggeber haben noch keine Ahnung, was da so auf sie zukommt.Und wenn die Architektin von ihren Plänen erzählt, dann hält sie manchmal selbst den Atem an da gibt es Momente, in denen ihr das Projekt eine Nummer zu groß vorkommt. Aber dann beugt sie sich tapfer über die Karten und in Berlin erstellten Computergrafiken, zeigt auf schwarze, graue, rote Punkte: Dieser Teil der Altstadt hier ist zu 100 Prozent zerstört, dieser zu 50.Grau heißt: noch erhalten, aber ziemlich verwahrlost.Einige Moscheen sollen wiederauf gebaut werden, ein Ring von Basaren soll die Altstadt zusammenschließen, die an den Rändern ausfranst und sich in Elendssiedlungen verliert. Der Staat hat kein Geld, bauen müssen die Einwohner alleinÖkologie hat in Kabul bisher keine Rolle gespielt dabei sei sie so wichtig wie das Bauen, sagt Zahra Breshna.Grünflächen sollen wieder erstehen allerdings nicht so monumental wie im größenwahnsinnigen Masterplan der russischen Architekten: G rund und Boden sind teuer in Kabul, man kann Parks und Grünflächen nicht unbegrenzt ausdehnen, alles muss mit Augenmaß geschehen. Schon morgen würden die Kabuli am liebsten anfangen zu bauen das hört Zahra Breshna jeden Tag.In einfachen Bauweisen und mit traditionellen Materialien, vor allem Lehm, ließe sich schnell ein ganzer Stadtteil hochziehen.Bauen, das wissen die Einwohner, müssen sie selbst, Geld vom Staat ist nicht zu erwarten.Doch im Moment liegen die Projekte auf Eis: Alle warten, dass der große Plan in Kraft gesetzt wird, erst dann können die Energien fließen. Schwierigkeiten gibt es jede Menge.Täglich reibt sich Zahra Breshna an den Intrigen und dem Kompetenzwirrwarr auf, zwischen einem, wie sie behauptet, korrupten und mafiösen Bürgermeisteramt, der Regierung und dem Städtebauministerium.Erst kürzlich wurde ihre Mitarbeiterzahl drastisch zusammengestrichen von 36 auf 6.Die Budgetlage ist völlig unklar.Nachdem die Aga-Khan-Stiftung vorübergehend eingesprungen war, wird Breshna erst seit kurzem von der afghanischen Regierung bezahlt. Bis dahin hatte sie das meiste Geld aus eigener Tasche vorgestreckt. Die deutsche Seite finanziert grundsätzlich keine Städtebauprojekte, immer nur kurzfristige, kurzatmige Maßnahmen, was Zahra Breshna schon in den Wahnsinn getrieben hat. Die elegant gekleidete junge Frau passt nicht ins Bild von Kabul, wo viele Frauen noch die Burka tragen.Sie ist immer einen Tick zu gut angezogen, zu groß, zu vornehm, sie ragt mit ihrer Designersonnenbrille aus der Masse der Afghanen heraus. Patriarchalische Politiker und Beamte machen ihr das Leben schwer. Aber sie sagt: Kabul war immer Toleranz, jahrhundertelang konnten hier ganz verschiedene Menschen miteinander leben, Paschtunen und Tadschiken, Asiaten und Europäer, Frauen mit Burka, modern gekleidete Künstlerinnen, Diplomatinnen.Warum soll das nicht wieder so werden? Zahra erinnert sich noch gut an die siebziger Jahre, als sie vor allem die Künstlerinnen und Musikerinnen beeindruckten, Stimmen wie die der Sängerin Naghma, der größte weibliche Star der Musikszene: Damals fragte man nicht: Welchem Stamm gehörst du an?Damals waren wir alle Afghanen.Und auf die Nachfrage, aus welcher Ethnie sie denn selbst stamme, verweigert sie standhaft die Antwort. Wenn ich sage, ich bin Kabuli heißt das: Ich komme aus Kabul, und ich gehöre zu allen.