Obwohl das »Dritte Reich« als die in vielerlei Hinsicht besterforschte Epoche der deutschen Geschichte gelten kann, scheint die Alltagswirklichkeit der Volksgenossinnen und -genossen bis heute merkwürdig blass. Das liegt wesentlich daran, dass sie durch das Prisma des Holocaust betrachtet wird. In dieser Optik scheint es, als habe man es mit einem durchgängig auf Verbrechen und Vernichtung gestellten Sozialgefüge zu tun, in dem Täter, Opfer und Zuschauer nur noch die für sie vorgesehenen Plätze einnehmen. Tatsächlich aber entfaltete gerade diese Gesellschaft eine ungeheure psychosoziale Dynamik, die nicht zuletzt dadurch freigesetzt wurde, dass das »Tausendjährige Reich« von den meisten als ein gemeinsames Projekt empfunden wurde, an dem man teilhaben durfte und wollte.

Ausgerechnet diese Gesellschaft bleibt bis heute mentalitätsgeschichtlich konturlos, was sich etwa anhand der in letzter Zeit intensiv diskutierten Fragen zeigt, was die Deutschen denn vom Holocaust gewusst hätten und wie es um die Zustimmung zum Regime über die Zeit seiner Herrschaft hinweg bestellt gewesen sei. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Zustimmung in den Jahren nach 1933 erheblich anwuchs, sodass es an der Zeit wäre, die gesellschaftliche Wirklichkeit des »Dritten Reiches« als ein soziales Parallelogramm zu beschreiben, in dem sich nicht nur die materielle, sondern auch die emotionale Lage der nichtjüdischen Deutschen in dem Maße verbesserte, wie sich die Situation der »Nichtarier« verschlechterte.

Die Frage ist nur, wie man diesen Prozess rekonstruieren kann, denn Gefühle von Überlegenheit, Schadenfreude oder Scham findet man nicht in Akten, und eine moderne Umfrageforschung, die jedes Zucken in politischen Zustimmungskurven Monat für Monat akribisch registriert, gab es vor 70 Jahren noch nicht. Also muss man versuchen, solche changierenden Phänomene wie Systemvertrauen, Skepsis oder Stimmung über Indikatoren zu messen – also etwa darauf schauen, bis wann die Volksgenossen ihr Sparvermögen staatlichen Banken anvertrauten und ab wann es ihnen doch sicherer erschien, es zu privaten Geldinstituten zu tragen. Oder man kann herauszufinden versuchen, ab wann trauernde Familienangehörige mehrheitlich damit aufhörten, in Anzeigen mitzuteilen, der Sohn sei »für Führer, Volk und Vaterland« gefallen, und stattdessen nur noch schlicht das Vaterland oder gar keine Sinngebung mehr erwähnten.

Wie man historische Einstellungen auf solche Weise indirekt messen kann, hat der verlässlich innovative Götz Aly jetzt in einem kleinen Buch vorgeführt, das durchaus geeignet ist, der Forschung neue Wege zu weisen. Zusammen mit seinen Studierenden hat Aly etwa mittels einer »Adolf-Kurve« erhoben, wie sich die Namensvorlieben von 1932 bis 1945 wandelten, wie die Zahl der Kirchenaustritte schwankte, wie sich das Sparverhalten änderte und in welchem Ausmaß der feine Unterschied im Heldentod markiert wurde. Dabei ist hervorzuheben, dass Aly seine studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als gleichberechtigte Autoren von Studien ausweist, die er selbst lediglich herausgibt – eine Praxis, die man in einem akademischen Betrieb, in der Studierenden gewöhnlich allenfalls im Vorwort gedankt wird, mit der Lupe suchen kann. Hier konnten sie offenbar lernen, ihre Forschungstexte so zu verfassen, dass sie veröffentlicht werden können.

Der Herausgeber ist sich des methodischen Pioniercharakters des Buches zum Glück so bewusst, dass er mit Albert Müller einen erfahrenen Statistiker eingeladen hat, die erhobenen Daten in einem Stimmungsindex zu bündeln und die Reichweite der Untersuchung zu kommentieren. Feinsinnig weist Müller darauf hin, dass ihm diese Aufgabe spannend erschien, allerdings als ein Unterfangen von »hoher spekulativer Qualität«, was dem Ergebnis der Studie allerdings keinen Abbruch tut. Das liegt nämlich vor allem im Nachweis, dass die Stimmung der Volksgenossinnen und -genossen zwischen 1937 und 1939 den Gipfel erreicht hat und erst von 1941 an rapide zu sinken begann. Zudem kann der Ansatz, die historische Quellenrecherche um sozialwissenschaftliche Verfahren ergänzen, als beispielhaft betrachtet werden.

Das gilt umso mehr, als sich die Sozialwissenschaftler eher selten gedrängt fühlen, mentalitätsgeschichtliche Fragen zu untersuchen. Ausnahmen bilden M. Rainer Lepsius, Jürgen Falter und in jüngerer Zeit besonders Karl-Heinz Reuband, der gerade einen interessanten Text in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft veröffentlicht hat, in dem er sich – wie in einem leider bislang nur in englischer Sprache publizierten Buch – den Fragen widmet, wie die Deutschen die Judenvernichtung wahrgenommen, ob sie sich selbst bedroht gefühlt und wie weit sie sich mit dem Nationalsozialismus identifiziert hatten. Zur Beantwortung solcher Fragen zieht er bislang völlig vernachlässigte Quellen wie den U. S. Strategic Bombing Survey heran, der sich schon 1945 mit den psychologischen Auswirkungen der alliierten Bombardierungen auf die Deutschen befasste. Er arbeitet aber auch mit retrospektiven Selbsteinschätzungen, die etwa über regionale und zeitliche Vergleiche methodisch abgesichert werden können.

So liefert eine Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1985 überraschendes Material. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Befragten, die 1945 mindestens 15 Jahre alt gewesen sein mussten, ihre historischen Sichtweisen milder darstellen, als das in Wahrheit der Fall war, sprechen die Zahlen doch für sich: Immerhin bekennen 58 Prozent, an den Nationalsozialismus geglaubt zu haben, 50 Prozent sahen ihre Ideale in ihm verkörpert, 41 Prozent bewunderten den »Führer«. Darf man diese Selbsteinschätzungen schon als spektakulär bezeichnen, verblüfft das folgende Ergebnis noch mehr: Reuband differenziert die Zustimmungsraten nach dem Bildungsstand und kann zeigen, dass die Zustimmung mit dem Bildungsniveau steigt – auf nahezu zwei Drittel NS-Gläubige unter den ehemaligen Gymnasiasten! Den möglichen Einwand, die besser Gebildeten gingen eben offener mit ihrer Vergangenheit um, kann man damit entkräften, dass der erwähnte Bombing Survey zum selben Befund gelangte: Mit steigender Bildung stieg auch die Zustimmung zu Hitlers Welt.