Der Zugbegleiter – Seite 1

Der Mann, der den Deutschen 30 Jahre lang das Schach erklärte, versteht die Stellung nicht. Er lehnt an einer Wand und beugt sich vor, er fasst sich an die schmale Brille, streicht über die Lichtung auf seinem Hinterkopf, er schaut ins Publikum und wieder auf die Leinwand, wo die weißen Bauern auf der Außenbahn gefährlich schnell marschieren, und könnte sagen, dass es mutig ist, die Bauern derart loszujagen, er könnte auf den Hinterhalt hinweisen, in den sie bald geraten werden, aber Helmut Pfleger schweigt, er schwankt mit dem Oberkörper, es geht zu schnell. Helmut Pfleger in seinem Hobbykeller BILD

Schach, sagt Pfleger, sei wie ein Märchen aus tausendundeinem Fehler. Er sagt das, weil er etwas sagen muss. Er wurde hier gebucht, das Spiel zu kommentieren.

Es ist ein Freitagabend im Oktober. In den hellen Räumen einer Kreuzberger Werbeagentur beginnt eine Ausstellung, die an den deutschen Juden Emanuel Lasker erinnern soll, der die Schachwelt drei Dekaden lang dominierte, ehe er vor den Nazis fliehen musste. 150 Gäste drängeln sich um das Buffet und die Vitrinen, stolze Großmeister und Funktionäre in Nadelstreifen und dazwischen blond gefärbte Werber. In einem Separee lehnt Pfleger neben einer Bühne an der Wand und redet sich zurück in die Partie, Deutschmann gegen Polgar, ein deutscher Kabarettist gegen die beste Frau der Welt.

Deutschmann hockt zwei Meter neben Pfleger. Er sitzt schwitzend auf der Bühne und starrt auf einen Laptop, dessen Bild auf eine Leinwand projiziert wird. Polgar ist nur anwesend als Foto vorn auf einer Staffelei; sie sitzt zur gleichen Zeit vor einem Laptop in New York, wo Lasker 1939 starb; die Partie wird online ausgetragen, jedem bleibt das gesamte Spiel nur eine Viertelstunde Zeit zu überlegen. Sie treiben die Figuren im Sekundentakt über das Brett.

Schnellschach kommentieren, das ist wie einen Roman verschlingen und ihn simultan übersetzen.

Aber Pfleger kämpft.

»Wir sehen hier«, ruft er, »ein ziemlich spannendes Gefecht. Der Deutschmann war ja Bundesligaspieler, gut entwickelt steht er da, auch wenn er einen Bauern schon geopfert hat. Das Bauernopfer in der Politik«, sagt Pfleger mit seinem leicht fränkischen Akzent, »kommt ursprünglich vom Schach.«

Der Zugbegleiter – Seite 2

Er hält kurz inne und wendet sich zum Publikum. Er hört seinen Worten nach, dem Lächeln, das in seiner Stimme liegt, das Bauernopfer und die Politik, das Schach ein Märchen. Es gibt Spötter, die Pfleger einen Märchenonkel nennen, weil er so oft die Anekdote wählt anstatt der Analyse. Sie nehmen ihn deshalb nicht ernst.

Er hat meditiert, als seine Zeit als Fernsehkommentator zu Ende ging

»Sie schreiben über Pfleger?«, raunt ein Journalist im Publikum, der selbst mal über ihn geschrieben hat. »Vergessen Sie’s, der ist von vorgestern.«

Letzten Sommer hat der WDR den Mann, der 30 Jahre lang wie niemand sonst das Schach verkörperte, aus dem Programm genommen. Schach im Dritten lief geräuschlos aus, und es war lange klar, dass es so kommen würde. Als der zuständige Redakteur vor vier Jahren in Rente ging, war keiner mehr da, der sich mit Leidenschaft um Pflegers Sendung kümmerte; immer tiefer wanderte sie in die Nacht, die Quoten schwanden, und am Ende sahen kaum noch 50.000 Menschen zu.

Pfleger ist betrübt darüber, aber viel anmerken lässt er sich nicht. Er habe in Italien meditiert und Atemübungen gemacht, als es zu Ende ging, sagt er nach der Partie, die Polgar klar gewonnen hat. Er lächelt tapfer. Sagt, er sitze ja nicht auf der Straße. Er führe seine Praxis weiter, schreibe die Kolumnen in der WamS und in der ZEIT. Ab Samstag wird Pfleger in Bonn sein, um dort Kramnik gegen Fritz zu kommentieren. Die erste dieser sechs Partien zwischen dem besten Spieler und dem besten Schachprogramm der Welt bespricht er gemeinsam mit Peer Steinbrück. Der Finanzminister, sagt er, habe ihm versprochen, beim WDR ein Wort für seine Sendung einzulegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er von prominentem Beistand profitiert.

Wenn Pfleger früher vor dem Aus stand, dann schrieb Richard von Weizsäcker dem Intendanten einen Brief, oder Felix Magath kam ins Studio, um ein Plädoyer zu halten. Es war nicht mehr wie in den Siebzigern, als der Schachsport boomte, als Pfleger nicht fünfmal, sondern 30-mal im Jahr auf Sendung war. Viele hunderttausend Menschen sahen damals zu, die Titelkämpfe waren große Dramen. Wenn Fischer gegen Spasskij spielte, dann saßen die Systeme mit am Brett und führten Stellvertreterkriege, und nicht anders war es 1978, als in Baguio auf den Philippinen Kortschnoj gegen Karpow antrat.

Es war ein Duell voller Brisanz. Kortschnoj war zuvor aus der Sowjetunion geflohen, er hatte seine Frau zurückgelassen und die Kinder, und er stichelte im Vorfeld gegen Karpow, dieser sei als Träger eines Stalin-Ordens ein Symbol für die Verbrechen des Regimes.

Der Zugbegleiter – Seite 3

Karpow war den deutschen Fernsehzuschauern bereits bekannt, er war der Weltmeister, sie hatten gegen ihn gespielt im Jahr zuvor in einer Sendung, mit der der NDR erstmals versuchte, Bildschirmschach populär zu machen. Fünf Minuten dauerten die Folgen, pro Woche gab es einen Zug, über den die Zuschauer abstimmten. Nach 40 Zügen einigte man sich auf remis, aber gewonnen hatte Schachgroßmeister Dr. Pfleger, der die meisten dieser Folgen präsentierte, eloquent, charmant und kompetent. Das war sein Ticket für die WM.

Jedes Wochenende saß Pfleger nun im Flieger, aufgezeichnet wurde in den Studios der BBC in Bristol, immer eine halbe Stunde, immer unter Live-Bedingungen. Pfleger zeigte kurze Filme von den Philippinen und spielte die Partien nach, an einem alten Brett, das noch mechanisch funktionierte. Pfleger machte Analyse, er zerlegte die Eröffnungen und Endspiele, aber er wusste, dass er nicht übertreiben durfte. Er wusste, wenn ihm eine Million Menschen zusehen, dann sind die meisten davon ahnungslose Amateure.

Länger als zwei Monate dauerte der Wettkampf, und Pfleger badete in einem Meer aus Anekdoten. Kortschnoj lag zurück, erst eins zu vier, dann zwei zu fünf, für Pfleger war es ein Geschenk. Er konnte seinem Publikum erzählen, dass Kortschnoj unsicher geworden war, weil Karpow in der ersten Reihe einen Parapsychologen sitzen hatte, der ihn fortwährend fixierte. Er walzte aus, dass der sensible Kortschnoj sich verhext fühlte und eine Auszeit nahm, um in Manila mit einer Gruppe Esoteriker zu meditieren, die später nach Baguio mitkam. Während der Partien fixierten diese Esoteriker nun ihrerseits den Parapsychologen, und Kortschnoj, zusätzlich geschützt durch eine Sonnenbrille, kam wieder heran, glich aus, es war ein Drama, durch das Helmut Pfleger seine Art zu kommentieren fand.

»Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Da tritt ein Skorpion ans Ufer des Nils. Er will hinüber auf die andere Seite, und weil er nicht schwimmen kann, fragt er ein Nilpferd, ob es ihn nicht schultern könne, doch das Nilpferd sagt: Skorpion, du wirst mich stechen, und ich werde untergehen. So blöd werde ich nicht sein, entgegnet darauf der Skorpion, ich würde mit dir untergehen. Das sieht das Nilpferd ein, es nimmt ihn auf den Rücken, und sie schwimmen los, und mitten auf dem Fluss rammt der Skorpion seinen Stachel in das Nilpferd. Es schreit: Skorpion, was hast du bloß getan, jetzt gehen wir beide unter. Ich weiß, sagt der Skorpion, aber ich kann nicht anders. Es wäre gegen meine Natur.«

Als Junge arbeitete er in der Fabrik des Vaters, gelobt wurde er nie

Verstehen Sie, sagt Pfleger, so war Kortschnoj. Deshalb hat er in Baguio auch verloren.

Wann immer Pfleger in Bristol fertig war, nahm er die Bänder mit und lieferte sie ab beim NDR, jedes Wochenende eins, zehn Wochen lang, Pfleger war jetzt das Gesicht des Schachs, und er genoss die Anerkennung, er genoss das Reisen und die alten englischen Hotels, die Atmosphäre in den Studios, und wenn er kommentierte, dann sah er nicht so sehr aufs Brett als vielmehr darauf, wer dahinter saß. Pfleger suchte Menschen, er suchte Geschichten, Nilpferde und Skorpione. Er kann nicht anders, die reine Analyse widerspricht seiner Natur.

Der Zugbegleiter – Seite 4

Helmut Pfleger, geboren 1943 im August, war ein schmächtiges Kind, schüchtern und ängstlich. Noch im Krieg siedelte die Familie von Berlin nach Bamberg über, wo sie bei Verwandten unterkam. Der Vater, ein Biochemiker, baute eine Firma auf, die Arzneimittel entwickeln sollte, doch am Anfang war es schwer. Die Kinder, Helmut und seine zwei Geschwister, arbeiteten nebenbei in der Fabrik, gelobt wurden sie nie.

Pfleger erlebte seinen Vater als cholerisch, streng und übermächtig, ein Professor alten Schlages mit einer Leidenschaft fürs Schach. Als er sechs war, weihte ihn der Vater in die Regeln ein, und Pfleger, mäßig in der Schule, lernte schnell. Als er acht war, schlug er ihn zum ersten Mal, es war wie eine Offenbarung. Er begriff, das Spiel ist Kampf. Wenn er gewinnt, dann kriegt er, was er sonst nicht kriegen kann, ein nettes, anerkennendes Wort.

Pfleger trat dem Schachclub Bamberg bei. Mit zehn Jahren war er Jugendmeister seiner Stadt, mit 13 Jahren Jugendmeister Bayerns.

Aber dies alles war ihm nicht genug. Pfleger ging zum Ringen und zum Tischtennis, er war Ministrant und Pfadfinder und spielte Fußball im Verein. Manchmal kam er im verschwitzten Trikot ins Schachcafé, setzte sich ans Brett und putzte einen alten Herrn. Pfleger spielte en passant. Der Fußball und die Pfadfinder, die Gruppen, bedeuteten ihm mehr, als sich daheim in Eröffnungsbücher zu vertiefen. Dennoch wurde er mit 18 Jahren deutscher Jugendmeister, und drei Jahre später teilte er sich bei den Erwachsenen den Sieg mit Unzicker.

Pfleger hätte, wie so viele vor ihm, fliehen können in ein Universum aus 32 weißen und 32 schwarzen Feldern. Es stand ihm offen, aber er entschied sich für die Wirklichkeit. Pfleger zog nach Erlangen und schrieb sich bei den Medizinern ein. Er wollte lernen, anderen zu helfen. Er wollte sich beweisen, etwas wert zu sein.

Mit 21 nahm er in kurzen Hosen an der Schacholympiade teil

Es ist ein grauer Samstagabend Ende Oktober, an dem Pfleger nach Erlangen zurückkehrt. Er sitzt im Pfarrsaal von St. Heinrich auf einem Podium, neben ihm der alte Pfarrer und ein Mann vom Schachverband. Pfleger trägt eine blaue Krawatte, auf der ein schwarzer Turm prangt, dazu ein schwarzes Hemd. Die Vorhänge sind zugezogen. Man feiert, dass es die erste deutsche Schachschule seit nunmehr 20 Jahren gibt.

Der Zugbegleiter – Seite 5

Willi Kasper, ein schwerbäuchiger Franke, der die Schule seit den ersten Tagen leitet, steht vor dem Podium und hält eine lange Rede. Kasper schwelgt in der Vergangenheit, er spricht von den Widerständen, die sie überwunden haben. Er lobt sich selbst, und er lobt Pfleger, der damals zur Eröffnung kam, um simultan zu spielen, der hier später unterrichtete und nun lächelnd auf die Erde schaut, als ihm die Gäste applaudieren. Es wirkt, als wünsche er sich weg von hier.

Ihm gegenüber warten, hinter hufeisenförmig arrangierten Tischen, eine Frau und 22 Männer darauf, dass es endlich losgeht. Es sind junge Burschen mit strähnigen Haaren und ihre bärtigen Väter. Eine Frau ist auch da. Sie sind Amateure, Hobby- und Vereinsspieler, und sie lauern ungeduldig hinter ihren Brettern. Es ist ein bisschen wie im Zirkus. Pfleger ist das Pferd, das alle reiten wollen.

Gespielt werden soll simultan, wie damals, und Pfleger sagt, er mache das inzwischen nicht mehr oft, vielleicht einmal im Monat, zum Beispiel gegen Vorstände der Deutschen Bank. Er sagt, es strenge ihn zu sehr an; die Spannkraft seines Geistes habe nachgelassen, er sei nicht mehr so frisch wie früher, wie 1964, als er in Tel Aviv die beste Olympiade seines Lebens spielte.

Pfleger, damals 21 Jahre alt, hatte Semesterferien. Auf Kosten des Verbands flog er nach Israel und trampte mit dem Rucksack erst mal durch das Land, zwei Wochen lang, in Beersheba besuchte Pfleger den Kamelmarkt, vor Eilat trieb er auf dem Toten Meer, er übernachtete in Jugendherbergen und verguckte sich in ein hübsches Mädchen. Das Leben schien auf einmal leicht, alles schien von selbst zu gehen, in kurzen Hosen und Sandalen saß Pfleger in Tel Aviv am Brett und konnte machen, was er wollte: Es gelang.

Pfleger war der Jüngste in der deutschen Mannschaft. Abends, wenn die andern im Hotel beisammensaßen, Unzicker und Schmid, um die Partien zu besprechen, ging er an den Strand und traf sich dort mit Amerikanern, Russen, Iren. Pfleger schloss Kontakte, er schlief fast nicht und war dennoch hellwach, als es am letzten Tag um Bronze ging. Der Gegner war ein ungarischer Großmeister, der schnell besser stand, doch Pfleger kämpfte sich zurück, er wühlte sich hinein in die Partie, und irgendwann, nach Stunden, als alles auf remis zu stehen schien, da gab der Ungar plötzlich auf, er konnte nicht mehr. Pfleger sagt: »Der sah Gespenster.«

Als Spieler war Helmut Pfleger die Nummer 40 der Welt

Tags darauf erschienen in deutschen Zeitungen Artikel, die von einem jungen Bamberger berichteten, der bei der Schacholympiade 12,5 von 15 Punkten holte. Die ganze Weltelite, hieß es, sei am Start gewesen, und Helmut Pfleger – die Bilder zeigten einen Mann mit blondem Bart und wilden Haaren – war der beste Spieler des Turniers.

Der Zugbegleiter – Seite 6

Es war Pflegers Durchbruch. Nun war er angekommen in der Welt des Schachs. Man lud ihn ein zu Wettkämpfen in Makedonien und Mosambik, er reiste auf die Philippinen und nach Buenos Aires, in Rumänien traf er seine erste Frau, auf Kuba Jahre später seine zweite, in Hamburg schlug er Kortschnoj, und in Hastings rang er Karpow ein Remis ab.

In Erlangen sind die Gegner andere Kaliber. Nach zehn Zügen steht Pfleger an Brett eins schon auf Gewinn, an zwei steht er ein wenig besser, an sieben ist bislang nicht viel passiert, an 13 alles unklar, an 20 steht er auf Gewinn, an 21 auch. Pfleger wirkt sehr konzentriert. Ohne einmal aufzuschauen, geht er die Tische ab, einen nach dem anderen, Zug für Zug, für einen Umlauf braucht er keine zehn Minuten. Es sei nicht so, hat Pfleger in Berlin gesagt, dass er damals nicht ehrgeizig gewesen sei. Sein Ehrgeiz war es nur, die besten Spieler dieser Welt als Amateur zu schlagen.

Pfleger war der beste Amateur, die Nummer 40 in der Welt. Er war am Brett ein Kämpfer, einer, der sich konzentrieren konnte, der biss und wühlte, und er musste häufig kämpfen, beißen oder wühlen, weil er schwach in der Eröffnung war. Pfleger sagt, ihm fehlte das Gedächtnis, sich die Züge einzuprägen. Es habe ihm an Disziplin gemangelt, an der Besessenheit vielleicht, um dauerhaft ganz oben mitzuspielen.

Pfleger hätte Profi werden können, doch es gab zu viele Dinge, die er nicht bereit war aufzugeben. Ihm war es wichtiger, die Welt zu sehen, und dazu war er gut genug. Er traf die Weltmeister auf Augenhöhe, und sie zollten ihm Respekt, dem Internisten, der in einer Münchner Klinik 80-Stunden-Schichten schob, der Überstunden sammelte, um in der Freizeit Schach zu spielen. Der Bücher und Kolumnen schrieb, der Fernsehen machte und nebenbei ein Abendstudium begann, weil er nun wissen wollte, wie die Seele funktioniert.

Pfleger analysierte sich jetzt selbst. Er wollte an die Universität, er wollte unterrichten. Für eine Studie verkabelte er bei einem Münchner Turnier die halbe Weltelite. Er maß den Blutdruck und erstellte EKGs der Spieler, er betrachtete die Haut und das Gewicht. Er suchte nach dem Stress und fand heraus, dass diese Menschen, die regungslos auf Stühlen sitzen, Leistungssport betreiben.

Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Pfleger dann in einer Zeitschrift. Er wollte nun nicht mehr Psychologieprofessor werden, er, der Analytiker, wollte von der Uni weg, nachdem er verstanden hatte, dass er dies alles eigentlich nur tat, um seinen toten Vater zu beruhigen.

Die Universität, die Krankenhäuser, all die Reisen und Turniere, Bücher und Kolumnen, das Fernsehen. Helmut Pflegers Leben ist wie Simultanschach, er spielt gleichzeitig an tausend Brettern. Er reißt die Dinge an und führt sie nicht zum Ende. Sie bleiben Anekdoten, bloß Kapitel in einem Märchen aus tausendundeinem Fehler.

Der Zugbegleiter – Seite 7

Nach zwanzig Zügen steht Pfleger auch am zweiten Brett eindeutig auf Gewinn, am vierten fühlt er sich ganz wohl, am neunten steht er besser, 13 hat nach einem Fehler aufgegeben, an 16 ist noch alles unklar. Pfleger nimmt einen Schluck Wasser, er beugt sich über die Figuren und nimmt einen Bauern in die Hand, er rückt den Bauern vor und zögert. Dann stellt er ihn wieder zurück.

Pfleger dreht sich in die stille Runde. Er sagt, beim Simultanschach sei die Regel anders. Er dürfe die Figur berühren, führen und sich dann für einen anderen Zug entscheiden. Es könne ja passieren, dass man auf die Schnelle etwas übersehe.

Nachdem sich Pfleger damals gegen eine Laufbahn als Professor entschieden hatte, zog er in ein Reihenhaus am Rande Münchens. Er machte eine Praxis auf, und viele der Patienten, die anfangs zu ihm kamen, kommen heute noch. Er ist mit ihnen alt geworden, ruhiger und zufriedener. Sie geben ihm das wohlige Gefühl, gebraucht zu werden. Seit einem Monat lebt Pfleger allein in dem Haus. Sein Sohn ist ausgezogen, er hat in Freiburg angefangen zu studieren. Er möchte Psychologe werden.

In Erlangen ist es halb zwei in der Nacht geworden. Pfleger steht jetzt vor dem Pfarrsaal auf der Straße, an seiner rechten Hand ein großer Koffer. Er wirkt ein bisschen aufgekratzt. Knapp fünf Stunden dauerte die Partie, am Ende hat er ein Spiel verloren, vier waren remis. Doch schlimmer ist, dass jetzt der letzte Zug nach Bamberg abgefahren ist.

Zur aktuellen Schach-Aufgabe (48/2006) »