Als Jürgen Zöllner sich am Montagmorgen das erste Mal an seinen Schreibtisch in der Berliner Bildungsbehörde setzte, fand er darauf drei Dinge: das Organigramm seines neuen Ressorts, dessen Haushaltsplan sowie ein sehr dickes Buch mit einer Schleife und dem Titel Kreativität.Ein Geschenk von Vorgänger Klaus Böger, der das gesamte Stillleben des Amtsantritts arrangiert haben könnte, als Botschaft: Wer hier Erfolg haben will, braucht Geld, gute Mitarbeiter und ganz viel Fantasie.Leider hat Berlin von allem zu wenig. Das Schulressort der Hauptstadt gilt in diesem Metier als der härteste Job der Republik.Und Jürgen Zöllner hat sich die Verantwortung für Hochschulen noch obendrauf packen lassen.In Berlin wird der Personalcoup laut bejubelt: Der erfahrenste Bildungspolitiker des Landes kommt zu uns.Selbst die Opposition nickt anerkennend.Im Weiter-so-Senat des Klaus Wowereit ist der weißhaarige Professor mit dem Dreitagebart und dem verknitterten Gesicht eine Ausnahmeerscheinung.Außerhalb der Ha uptstadt aber fragt man sich: Warum tut der Mann sich das an?Tauscht den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten im prosperierenden Rheinland-Pfalz gegen den Senatorenjob im bankrotten Berlin.Begibt sich vom sozialdemokratischen Bil dungsvorzeigeland ins pädagogische Notstandsgebiet, mit 61 Jahren. Zöllners Antwort lautet: Gerade deshalb.Gerade weil eine solche Chance in meinem Leben nicht ein zweites Mal kommt.Weil es für einen Bildungs- und Wissenschaftsministerminister keine größere Herausforderung gibt als Berlin - weil er sich nicht wegducken wollte, als er gefragt wurde, ob er die Verantwortung für das Brennpunktressort übernehme.Er ist überzeugt: Wir werden die Probleme in unseren Schulen und Hochschulen in Deutschland nur dann lösen, wenn wir sie in Berlin lösen. Den Anflug von Pathos und Eitelkeit kann er sich leisten. 15 Jahre formte Zöllner in Rheinland-Pfalz die Universitäten, knapp die Hälfte der Zeit die Schulen und erwies sich dabei als Überzeugungstäter.Was für viele nur für die Dauer einer Rede feststeht, treibt ihn tatsächlich um: dass die Zukunft des Landes in den Klassenräumen und Hörsälen, Lehrerzimmern und Forschungslabors entschieden wird.Der Ideologie, dem größten Laster der Bildungspolitik, ist Zöllner niemals verfallen.Auch de shalb hat er sich länger im Amt gehalten als jeder andere sozialdemokratische Minister auf diesem Feld und wurde zwischenzeitlich zur wichtigsten Figur im Kabinett von Kurt Beck. Dabei ist Jürgen Zöllner lange Zeit einem ganz anderen Lebensplan gefolgt.Zwar interessiert er sich früh für Politik, tritt 1972 in die SPD Willy Brandts ein, dessen Ostpolitik dem einstigen Flüchtlingskind aus dem Sudentenland ebenso gerecht wie vernünftig erscheint.Seine Leidenschaft aber gilt der Medizin, Spezialgebiet Molekularbiologie. Noch heute könnte man mit ihm über das Pferdeherz-Cytochrom-C-Molekül diskutieren, über das er mit 25 Jahren promoviert.Fünf Jahre später kommt die Habilitation, mit 32 wird er Professor, einer der jüngsten des Landes.Hätte die Universität Mainz nicht erst einen Vizepräsidenten und dann einen Präsidenten gesucht Zöllner würde wohl heute ein großes Institut leiten. Doch der Naturwissenschaftler merkt, dass er in seinen neuen Ämtern ebenso viel lernen kann wie im Labor und weit mehr verändern.Er entdeckt andere Disziplinen, unter anderem die Geisteswissenschaften (Bis dahin dachte ich, Hermeneutik sei ein griechischer Gott), und fördert an seiner Universität den Wettbewerb.So belohnt er Professoren, die Forschungsgelder einwerben, mit neuen Räumen.Als der neue Ministerpräsident in Mainz, Rudolf Scharping, ihn in sein Kabinett holt, empfindet er dies als logische Konsequenz seiner Zeit an der Hochschulspitze. In jener Zeit heftet sich sein Markenzeichen an seinen Hemdkragen: die Fliege.Wie sie dahin gekommen ist, weiß er nicht mehr.Mediziner tragen sie oft, weil eine Krawatte bei der Visite stört. Vielleicht wollte ich mir aber auch nur etwas Individuelles erhalten, sagt Zöllner.So wie er nur Ringelsocken trage, selbst zu dunklen Anzügen. Eine kleine akademische Freiheit im uniformen Amtsgeschäft.Der ausgeprägte eigene Stil ist bis heute sein Markenzeichen.Einige seiner Reformen in Mainz machen ihn zum bundesweiten Trendsetter.Eher als andere Wissenschaftsminister verteilt er das Geld an die Hochschulen nach Leistung und entlässt die Universitätsmedizin in die Selbstständigkeit.Als die SPD 2001 einen Wahlkampfschlager sucht, verspricht Zöllner 300 Ganztagsschulen und verhilft seiner Partei zu einem großen Sieg.Aber nicht immer li egen seine Reformen im Trend.In der Debatte um die Schulzeitverkürzung entzieht sich Zöllner der simplen Frage 12 oder 13 Jahre? und optiert für 12,5.Er streicht das letzte Halbjahr, in dem ohnehin nicht viel passiert, und gewinnt sechs Monate ohne große organisatorische Umbauten.Sein Studienkontenmodell als Alternative zum Bezahlstudium aber setzt sich nicht durch.Heute ist Rheinland-Pfalz umzingelt von Ländern mit Studienbeiträgen und muss sich der Gebührenflüchtlinge erwehren. Zöllner-Lösungen sind komplizierte Lösungen, heißt es, und das ärgert ihn.Dann will er mit Tabellen und Statistiken beweisen, wie einfach alles funktioniert.Es steckt eben noch viel Wissenschaft im Politiker. Ich brauche Zahlen und Kurven, sagt er - ohne Computer verlässt er selten das Haus.Selbst wenn der Sportfanatiker nach einer Stunde Kampf gegen den Körper zurückkommt, trägt er Laufzeit und Puls penibel in den Rechner ein und macht daraus eine Grafik. Für den deutschen Föderalismus erweist sich dieser Hang zur Empirie als Segen.Ohne sein Eintreten für Pisa auf SPD-Seite würden die deutschen Schulen vielleicht noch heute auf den Schock warten. Wir dürfen nicht nur glauben, wir müssen wissen, wie gut wir sind, sagt er.Und ob aus dem Exzellenzwettbewerb für die Universitäten ohne seine Vermittlung zwischen Bund und Ländern, Schwarz und Rot überhaupt etwas geworden wäre, ist ungewiss.Dass gerade die rheinland-pfälzischen Hochschulen in der ersten Runde der Eliteinitiative leer ausgingen, verleiht seinem Engagement eine tragische Note.Selbst seine politischen Gegner zollen ihm Respekt. Der einzige Tadel, der Bayerns einstigem Kultusminister Hans Zehetmair über die Lippen kommt, lautet, Zöllner sei natürlich Sozialdemokrat geblieben. Den angeborenen Hang zum Ausgleich und das erlernte Talent zum Strippenziehen wird er in Berlin dringend brauchen.Die Forderung im rot-roten Koalitionsvertrag nach mehr Gesamtschulen ist dabei eher ein kleineres Hindernis.Zöllner hat sie in Rheinland-Pfalz ermöglicht, aber nicht sonderlich gefördert. Guter Unterricht ist in jeder Schulform möglich, glaubt er.Größere Probleme wird dem Neuen das Berliner Klima bereiten.An der Spree herrscht keine unaufgeregte Konsenskultur wie am Main, sondern notorische Nervosität.Die enormen sozialen und ethnischen Gegensätze werden zugespitzt durch die geballte Präsenz der Medien, die hinter jeder Schulschlägerei schnell den Beginn eines Bürgerkriegs wittern.Die Universitäten, der größte Schatz der Metropole, blieben bislang eher unter ihrem Niveau.Und auch die Charité, eine der größten Kliniken Europas, ist alles andere als gesund.Schon einmal sollte Zöllner ihre Sanierung übernehmen. Damals blieb er in Mainz. Heute hat er wenig zu verlieren, das macht ihn unabhängig.Er hat alles erreicht.Wenn er scheitert, wird es auf Berlin zurückfallen, nicht auf den Helfer von auswärts.Finanzsenator Sarrazin schätzt Zöllner aus gemeinsamen Mainzer Zeiten.Auch das erleichtert die Arbeit des neuen Supersenators, der über 25 Prozent des Haushaltes gebietet. Berlin hat ein großes Potenzial, sagt Zöllner.Das stimmt im doppelten Sinn, Potenzial für Exzellenz wie für Chaos.Mit beiden wird Zöllner sich beschäftigen müssen.Sein Lebenslauf spricht für das Gelingen, jener der Stadt dagegen.Berlin hat wenige Politiker glänzen lassen und viele geschafft.