Als mein Chef mir die Arbeitskleidung in die Hand drückt, muss ich kurz weinen. Eine rote Hose mit einem 65-prozentigen Polyesteranteil, in der Taille gerafft. Ein Call-a-Pizza-T-Shirt in Größe XL, das mir bis zu den Knien reicht. Ich habe gehofft, meine aparte Erscheinung würde mir besonders viel Trinkgeld einbringen. Doch jetzt hänge ich diese Hoffnung mit meiner alten Kleidung an den Nagel. BILD

Eine Woche lang werde ich einen Berliner Pizzalieferwagen testen, einen etwas in die Jahre gekommenen Nissan Micra. In meinem Outfit sehe ich aus wie ein Call-a-Pizza-Troll. Wie ein etwas seltsames Maskottchen, das hier seinen Dienst tut. Insofern passen wir ganz hervorragend zusammen, ich und der Wagen.

Den hat der Call-a-Pizza-Chef Michael Bartels im vergangenen Frühjahr gekauft. »Ein Freund von unserer Stammtankstelle bot ihn zum Verkauf an – 16 Jahre alt, die richtige Farbe, der richtige Preis.« Fünfhundert Euro hat er damals für den Micra bezahlt, 100.000 Kilometer hatte der Wagen schon drauf, und nun fährt er die kurzen Strecken durch die Stadt. Das hat häufige Ölwechsel zur Folge, aber der Motor erträgt es gelassen. »Unser Schmuckstück« nennt Bartels den Wagen liebevoll. Aufkleber mit dem »Pizza-Notruf« auf der Kühlerhaube, auf der Heckscheibe das Motto »Lieber heiße Pizza als kalten Fisch«, eine Finne mit dem Firmenlogo auf dem Dach.

Das Schönste sind jedoch die Hinterräder, auf die Dekoplatten mit einer Mozzarella- und einer Salamipizza montiert wurden. Allein die Deko übersteigt den Wert des Wagens: Über 1100 Euro hat Bartels investiert. Nur die Aufkleber auf den hinteren Seitenscheiben erweisen sich als extrem dysfunktional, weil man im Rückwärtsgang keinen Schulterblick mehr nach hinten werfen kann.

Der Call-a-Pizza-Micra ist unverkennbar. Und das ist wichtig, schließlich steht man pro Abend zirka zwanzigmal im Halteverbot. Oder man parkt gleich in zweiter Reihe. Man rast waghalsig durch die Kurven und nimmt jede gelbe Ampel mit. Als Pizzabote lebt man von seiner Geschwindigkeit, nur wer schnell liefert, kommt mit seinem Trinkgeld auf einen akzeptablen Stundenlohn. Dafür haben die übrigen Verkehrsteilnehmer aber grundsätzlich Verständnis. Niemand hupt, wenn man schräge Spurwechsel hinlegt. Keiner regt sich über wildes Parken auf. In einem Pizzawagen fährt man unbehelligt durch die Stadt, kein Wunder also, dass sich die Gerüchte halten, damit würden auch härtere Drogen als Pizza Hawaii transportiert.

Doch selbst mit einem zuverlässigen und unprätentiösen Kleinwagen wie dem Micra ist der Pizzatransport harte Arbeit. Schließlich muss man die letzten Schritte allein hinter sich bringen, und an dieser Stelle kommt der so genannte hotsafe ins Spiel. Ein transportabler Miniofen aus, of course, Amerika.

In meiner Jugend wurden Pizzen in Verpackungen transportiert, die heute nur noch für Laptops und Plattensammlungen benutzt werden, einer Art schwabbeligen Lastwagenplane mit Thermofütterung. Doch Call-a-Pizza hat sich auf den Micra geschrieben, dass die Pizza heiß ankommt. Dafür wird der hotsafe eingesetzt, in dem eine erhitzte Aluminiumsulfat-Legierung unter dem Ofenrost liegt. Dadurch kommt die Pizza derart heiß ans Ziel, dass man meint, direkt im Steinofen zu sitzen. Und darum sind auch bei jedem Pizzatransporter die Seitenfenster heruntergekurbelt.