Bronisław Geremek ist nicht nur einer der brillantesten Köpfe Polens, sondern auch – wie sein Freund und Weggefährte Adam Michnik immer beteuert – »das Herz und das Gehirn des polnischen Weges zur Freiheit«.

Als Historiker dem Mittelalter verbunden, fühlte Geremek sich in Polens geschichtlicher Stunde im August 1980 ganz der aktuellen Politik verpflichtet. Er beriet die streikenden Werftarbeiter bei ihren Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung und danach, während des »langen Sommers der Solidarność«, der ersten unabhängigen Gewerkschaft im Ostblock. Als Polens General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 den Kriegszustand verhängte, wurde er – zusammen mit Tausenden von Arbeitern und Intellektuellen – interniert. Nach einem Jahr freigelassen, arbeitete Geremek in den Untergrundstrukturen an alternativen Strategien für Polen. Das brachte ihn, wie viele seiner oppositionellen Landsleute, in eine finanzielle Notlage – und es war die ZEIT- Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, die zu seinen Gunsten auf alle ihre Honorare aus Polen verzichtete.

1983 wurde Geremek wieder verhaftet, doch fünf Jahre später, im Herbst 1988, nach einer neuerlichen Streikwelle im Lande, skizzierte der Historiker für die Solidarność die Strategie für einen Runden Tisch mit den Machthabern. Als dieser Plan im Frühjahr 1989 aufging, leitete Bronisław Geremek die wichtigste Arbeitsgruppe der politischen Reformen. Sein Ziel war nicht nur die Wiederzulassung der verbotenen Gewerkschaft, sondern auch der stufenweise Rückzug der Kommunisten von der Macht. Die Modalitäten der halbfreien Wahlen waren seine Idee. Sie brachten der Solidarność einen triumphalen Sieg: fast alle Sitze im neu geschaffenen Senat und 35 Prozent im Sejm, das heißt alle zur freien Wahl stehenden Parlamentssitze.

Der 4. Juni 1989 zeigte der Welt dann zwei gegensätzliche Strategien der Kommunisten: Während in Peking Panzer streikende Studenten überrollten, zog in Polen die Opposition ins Parlament ein. Die in Warschau losgetretene Lawine ging über ganz Ostmitteleuropa hin und brachte ein halbes Jahr später auch die Berliner Mauer zum Einsturz. Zehn Jahre später, im März 1999, unterzeichnete Geremek als polnischer Außenminister mit Tränen in den Augen den Nato-Beitritt seines endlich souveränen Landes.

Dann folgte der jähe Absturz. 2001 und 2005 schaffte die liberale Union der Freiheit, der Geremek zeitweilig vorstand, die Fünfprozenthürde nicht und flog aus dem Sejm. Nur bei den Europawahlen 2004, den ersten, an denen Polen als EU-Vollmitglied teilnahm, wurde Geremek direkt gewählt. Warschaus bürgerliche Intelligenz sah für sich keinen besseren Sprecher Polens im europäischen »Parlatorium« als jenen Historiker, der selbst die polnische Geschichte maßgeblich mitgeprägt hatte.

In Geremeks Biografie werden alle Brechungen des polnischen Daseins sichtbar. Geboren 1932 als Sohn eines jüdischen Lehrers, wurde der Elfjährige kurz vor dem Aufstand aus dem Warschauer Ghetto herausgeschmuggelt. Diese Kindheit riegelt Geremek in sich hermetisch ab. »Fassungslos las ich Reich-Ranickis freimütige Schilderung seiner Ghettozeit und seine Liebeserklärungen an die deutsche Sprache und Kultur«, gab er einmal kopfschüttelnd zu. Seine Identität sei eine polnische, und nur durch Antisemitismus und Chauvinismus werde er auf sein jüdisches Bewusstsein zurückgeworfen.

1950 trat der katholisch erzogene Student der kommunistischen polnischen Arbeiterpartei bei. Gründe seien nicht nur die Dummheit und der Irrsinn jener Zeit gewesen, bekannte Geremek später, sondern auch der durchaus »jähe Übergang von meiner Kriegsbiografie«.