In der Backstube von Hans-Peter Küpper wartet eine Chance. Der Bäckermeister aus dem rheinischen Bedburg sucht einen Lehrling. Wenn der sich geschickt anstellt, wird ihm der Chef mit dem grauweißen Schnurrbart und dem fröhlichen Singsang in der Stimme vielleicht einen Arbeitsplatz fürs Leben bieten. So wie den beiden Gesellen, die einst hier lernten und geblieben sind, oder wie Helga, die vorne im Laden frisch gebackene Weckmänner und Apfelkuchen verkauft – seit 17 Jahren. Derart ist es in der 120 Jahre alten Bäckerei Küpper meistens zugegangen. Laura Gerlach will Zahnarzthelferin werden. Weitere Schicksale sehen Sie in unserer Bildergalerie » BILD

Bloß, seit vier Jahren hat Hans-Peter Küpper keinen Lehrling mehr, und um diesen Mangel zu erklären, führt er ein kleines Schauspiel auf. In die Mitte des Raumes stellt sich der Bäckermeister, lässt die Schultern hängen, steckt die Hände in die Taschen und schaut bedrückt zum Boden. »Vor zwei Monaten hat sich hier einer vorgestellt, für ein Praktikum, der stand so da!« Sagt es und fügt noch auf gut Rheinländisch hinzu: »Der war ja zu blöd für zu kehren!«

Klar, der Bäckerberuf kann hart sein, und der Bäckermeister kann es auch. Aber Küpper hat sich darauf eingestellt, dass »die jungen Leute heute nicht mehr so belastbar sind«. Im ersten Jahr brauchten seine Lehrlinge nie um vier Uhr morgens zu erscheinen, wie es üblich ist, sondern eine Stunde später. Sie durften sich zwischendurch hinsetzen. Und ja, mit ein paar Praktikanten, die ihm die nahen Schulen schicken, ist er ganz zufrieden gewesen. Doch von denen, die der Bäcker für geeignet hielt, wollte keiner kommen. Die letzte Bewerberin hat ihm erst vor ein paar Wochen abgesagt. Statt backen zu lernen, wollte sie lieber länger zur Schule gehen.

Was geht da schief? In Deutschland starten jedes Jahr Hunderttausende Schulabgänger ohne eine Berufsausbildung ins Leben. Forscher wissen aber genau: Je schlechter die Ausbildung, desto schlechter die Aussichten auf einen Job. Nur vier von 100 Akademikern haben keinen, bei denjenigen, die lediglich eine berufliche Ausbildung vorweisen können, sind es schon zehn Prozent, und ganz düster sieht es bei den Ungelernten aus. Ein Viertel von ihnen ist arbeitslos – das sind allein 1,6 Millionen Menschen. Wer eine Lehre absolviert, kann seine Jobchancen also, statistisch gesehen, immens verbessern.

Derzeit streiten beide Volksparteien intern und miteinander darüber, was sie für die Verlierer der Gesellschaft tun müssen. Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel ist in dieser Woche weit über ihren Schatten gesprungen und vertritt nun – um des lieben Friedens in ihrer Partei willen – die Forderung, dass ältere Arbeitslose künftig wieder länger Arbeitslosengeld I bekommen sollen. Und SPD-Chef Kurt Beck brachte den Begriff der »Unterschicht« ins Spiel, für jene Gruppe von Hoffnungslosen und Ausgeschlossenen, Hartz-IV-Klienten und Niedriglöhnern, die Forscher der Friedrich Ebert Stiftung auf ein Zehntel der Bevölkerung taxiert haben.

Alle wollen sich kümmern, aber kaum jemand setzt da an, wo über besonders viele Lebenschancen entschieden wird: am Übergang von der Schule zum Berufsleben. Hier entscheidet sich oft schon, wer später zu einem leistungsfähigen, selbstbewussten Staatsbürger heranwächst und wer zu einer neuen Generation der »Unterschicht«. Ein Grund, genau hinzusehen und zu fragen, wie diese Gruppe der Abgekoppelten entsteht. Sind das vornehmlich Leistungsverweigerer, oder bietet die Gesellschaft ihnen einfach keine Chance auf Ausbildung und Arbeit?

»Das heutige Verständnis von sozialer Gerechtigkeit«, erklärte die rot-grüne Bundesregierung noch im vergangenen Armutsbericht, orientiert sich weniger an der Verteilung von Einkommen, »sondern zunehmend daran, ob den Menschen gleiche Chancen und Möglichkeiten verschafft werden«. Wer will, findet einen Platz in der Gesellschaft – diesen Anspruch hat auch die Große Koalition.