Caracas

Die letzten zwölf Monate liefen für Hugo Chávez nicht nach Plan. Zwölfmal wurde in Lateinamerika gewählt, und der venezolanische Präsident Hugo Chávez hatte einen politischen Erdrutsch vorhergesagt. Doch mehrere der von ihm geförderten linkspopulistischen Kandidaten fielen durch. An diesem Sonntag steht nun Chávez selbst zur Wahl. An seinem Sieg besteht kaum ein Zweifel. Aber ist das auch ein Beweis für den Erfolg des Mannes, der im Namen des Freiheitskämpfers Simón Bolívar eine Revolution ausgerufen und seinen Landsleuten eine gerechtere Welt versprochen hat? Arbeit an der Revolution. Maler pinseln Wahlwerbung für Präsident Chavez BILD

Marlon Acosta, Direktor für Information im Außenministerium der Bolivarischen Republik Venezuela, empfängt den Besucher mit Broschüren. Eine informiert über die als »bolivarische Missionen« organisierten Errungenschaften der Revolution. Für alles und jedes gibt es in Chávez’ Venezuela eine Mission, die Misión Ribas für die Erziehung (»Wir eilen von Sieg zu Sieg«), die Misión Arbol für die Umwelt (»Wir retten den Planeten«), die Misión Milagro für Auslandsurlaube für die arbeitenden Massen. Als Beispiel für Fortschritte, die unter einem »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« möglich seien, hatte Chávez in einer Rede vor der UN-Vollversammlung die Misión Barrio Adentro angeführt, eine »die entmenschlichende Medizin des Kapitalismus ersetzende humanistische Gesundheitsversorgung, die siebzig Prozent der Bevölkerung erstmals Zugang zu freier ärztlicher Versorgung verschafft«.

Das Ärztezentrum der Misión in einem ärmlichen Viertel des Stadtteils Chacao in Venezuelas Hauptstadt Caracas ist in der Tiefgarage unter einer Polizeistation untergebracht. Zwei Dutzend Menschen stehen in der Einfahrt und warten seit den frühen Morgenstunden auf Behandlung. Hinter einer Tür befindet sich eine Augenklinik, hinter anderen Türen arbeiten praktische Ärzte und Zahnärzte. In den Empfangszimmern hängen Fotos von Chávez und dem kubanischen Präsidenten Fidel Castro, dazwischen werben Spruchbänder für Frieden und Solidarität.

Der größte Andrang herrscht in der Augenklinik. Ein Optiker vermisst die Sehkraft, ein Doktor untersucht die Augen. Eine Stunde später verteilt ein Helfer Brillen. Manche Patienten bekommen zwei Brillen, eine zum Lesen und eine für den Alltag. Zufrieden begutachten sie die nicht unattraktiven Rahmen. David Martinez, ein glühender Anhänger des Präsidenten, erklärt: »Früher waren wir das vergessene Volk. Jetzt erfüllt der Ölreichtum unseres Landes seine soziale Verantwortung. Das ist Solidarität in Aktion. Darauf sind wir stolz.«

Matilde Armijo allerdings ist weniger zufrieden. »Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich mit der neuen Brille immer noch nicht gut sehen. Ich habe sie nur genommen, weil es hier keine Wartelisten gibt.« Seit sechs Wochen wartet sie auf einen Termin beim Gesundheitsdienst des Sozialministeriums. Dort, hofft sie, wird sie bessere Augengläser angepasst bekommen, ebenfalls kostenfrei. Tatsächlich ist Barrio Adentro gar nicht der erste freie Gesundheitsdienst Venezuelas, wie Chávez behauptet, sondern ein dritter neben zwei schon seit langem bestehenden Systemen. Neu an Barrio Adentro ist, dass die kubanischen Ärzte, die Castro im Gegenzug für verbilligtes Öl an Venezuela ausleiht, sich zu Hausbesuchen in die von Kriminalität zerrütteten Slums wagen. Ihre wohlhabenderen venezolanischen Kollegen meiden die Barrios aus Angst vor Entführungen und Lösegelderpressungen.

Denn seit Chávez 1999 an die Macht kam, stieg die Mordrate in Venezuela um 67 Prozent. Allein im vergangenen Jahr wurden 9962 Menschen umgebracht. Die Angst vor der wuchernden Kriminalität hält viele Slumbewohner davon ab, lange Wege zu bestehenden Arztpraxen in Kauf zu nehmen. Insofern ist Barrio Adentro ein Fortschritt – auch wenn viele Patienten noch immer den herkömmlichen Gesundheitsdienst der Stadtverwaltung bevorzugen. Superwahljahr: drei Populisten in Lateinamerika BILD