Immer toll: die kathartische Lärmdusche. Albert Ayler, Velvet Underground, Stooges, Motörhead, Contortions, Alien Sex Fiend, Meat Puppets, Joey Beltram, Goldene Zitronen, um einige sehr unterschiedliche Beispiele zu nennen, die mir gerade einfallen. 2003, als ich sie in Oslo zwischen den Grundmauern einer Klosterruine live erlebte, kamen The Blood Brothers aus Seattle, Washington, dazu. Ihre Musik, in der Folge Punk – Post Punk – Hardcore – Post Hardcore zu sehen, setzt sich über all diese Kategorien hinweg, besitzt eine Punk und Jazz zusammendenkende Dimension. BILD

Leider hatte mich der Bandname bis dahin davon abgehalten, ihre Tonträger (es gibt diese juvenile Combo bereits seit den mittleren 1990er Jahren) anzuhören: Ich hatte männerbündelnde Rockmusik vermutet, bekam nun aber ein sowohl optisch (in ethnischer wie sexueller Hinsicht) als auch akustisch durchaus queeres Quintett vorgeführt, eine mitreißende Parteinahme für männliche Hysterie. Laut und wild, dabei brillant komplex und lakonisch virtuos. (Wie wenn Herbie Hancock dann doch mal richtig Free Jazz gemacht hätte.) Der Gesang immer doppelköpfig, geschlechtlich dichotom, das heißt Jordan Blilie in Kopfstimme (entsprechend effeminiert die begleitenden Körperbewegungen), Johnny Whitney dagegen im gutturalen Bereich. Die Texte der beiden sind auf das Private mit dem Öffentlichen kurzschließende Weise politisch, sie befinden sich in ständiger Alarmstimmung, aber einer poetischen, und vermählen Slogans wie von der politischen Post-Punk-Band Gang of Four mit dem lyrischen Ton eines Jean Genet. Super Songtitel: Cecilia and the Silhouette Saloon, Ambulance vs. Ambulance, Six Nightmares at the Pinball Masquerade.

Dieser Tage kam ein neues Album der Blood Brothers in unsere Läden, das Young Machetes heißt (Wichita Records, WEBB132CD), fidelitär noch großartiger klingt als seine, je nach Zählweise, vier oder fünf Vorläufer (es gibt clubbige Bässe zu hören) und auch stilistisch abermals erweitert wurde. Auffallend zahlreich die Kriegsszenarien, etwa in dem Song Lift the Veil, Kiss the Tank: Dress my corpse up in a low-cut dress. Drizzle lipstick on my charred French kiss. Dip my severed jaw in cheap cologne, push-up bras dangling from snapped elbows. But death’s just death no matter how you dress it up.

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